Doch nun sah er, was seine Entscheidung tatsächlich bewirkt hatte.

Er hatte nicht nur eine Tür geschlossen.

Er hatte verhindert, dass seine Tochter ihn um Hilfe bitten konnte.

Und er hatte sieben Jahre mit der Vorstellung gelebt, sie habe sich nie wieder bei ihm gemeldet.

Friedrich legte die Akte auf den Tisch.

„Ich habe das selbst verursacht“, sagte er.

Clara schwieg einen Moment.

Dann antwortete sie vorsichtig: „Sie können die Vergangenheit nicht ändern. Aber Sie können entscheiden, was Sie jetzt tun.“

Friedrich nickte.

Noch am selben Abend fuhr er zu Annas Wohnung.

Er brachte keine Geschenke mit.

Nur die alte Aktenmappe und den Brief.

Anna öffnete die Tür und war überrascht, ihn außerhalb des vereinbarten Sonntagsbesuchs zu sehen.

„Ist etwas passiert?“

Friedrich hielt ihr die Unterlagen hin.

„Ich habe herausgefunden, warum du nie eine Antwort auf deinen Brief bekommen hast.“

Anna nahm die Mappe.

Als sie die interne Notiz las, wurde ihr Gesicht blass.

Sie sah ihren Vater an.

„Du hast die Anweisung gegeben?“

Friedrich nickte.

„Ja.“

Anna setzte sich langsam auf einen Stuhl.

„Du wusstest also, dass ich versucht hatte, dich zu erreichen.“

„Nein. Ich wusste, dass du Kontakt aufnehmen wolltest. Aber ich habe dafür gesorgt, dass deine Nachrichten mich nicht erreichten.“

Er atmete tief durch.

„Ich wollte damals nicht hören, was du zu sagen hattest. Ich glaubte, ich würde meine Entscheidung ändern müssen, wenn ich dich anhörte. Also habe ich mich davor geschützt.“

Anna hielt die Papiere mit beiden Händen fest.

Sie war wütend.

Und sie war traurig.

Doch unter all diesen Gefühlen lag etwas anderes: die Erkenntnis, dass sie nicht verrückt gewesen war, als sie gehofft hatte, ihr Vater würde antworten.

Sie hatte ihm geschrieben.

Sie hatte versucht, die Verbindung zu retten.

Und er hatte sie absichtlich nicht gehört.

„Weißt du, wie oft ich mir eingeredet habe, dass ich dir nicht wichtig genug war?“, fragte sie leise.

Friedrichs Augen füllten sich mit Tränen.

„Es tut mir leid.“

„Ich habe Sophie erzählt, dass du vielleicht eines Tages zurückkommen würdest. Aber irgendwann habe ich aufgehört, daran zu glauben.“

Er senkte den Kopf.

„Ich weiß, dass Worte nicht genug sind.“

Anna blickte ihn lange an.

„Nein. Das sind sie nicht.“

Friedrich nickte.

„Dann werde ich dir Zeit geben.“

Er stand auf und ging zur Tür.

Doch bevor er hinausging, hörte er Anna hinter sich sagen:

„Papa?“

Er blieb stehen.

Es war das erste Mal seit sieben Jahren, dass sie ihn so nannte.

Langsam drehte er sich um.

Anna weinte.

„Ich weiß nicht, ob ich dir schon vergeben kann“, sagte sie. „Aber ich möchte versuchen, nicht mehr jeden Tag wütend auf dich zu sein.“

Friedrich schloss die Augen.

„Das ist mehr, als ich verdient habe.“

Anna schüttelte den Kopf.

„Es geht nicht darum, was du verdienst. Es geht darum, dass ich nicht möchte, dass dieser Schmerz den Rest meines Lebens bestimmt.“

Friedrich trat vorsichtig zu ihr.

Er öffnete die Arme, wagte aber nicht, sie einfach zu umarmen.

Anna zögerte.

Dann stand sie auf und trat einen Schritt auf ihn zu.

Sie umarmte ihn.

Es war keine Umarmung, die alle Wunden heilte.

Es war keine Garantie dafür, dass alles wieder so werden würde wie früher.

Aber es war ein Anfang.

Und manchmal ist ein Anfang das Mutigste, was zwei Menschen füreinander tun können.
Kapitel 7: Sophies Wunsch
Der Frühling kam langsam.

Der Schnee verschwand aus den Straßen, die Tage wurden länger, und auf Sophies Balkon begannen die ersten kleinen Blumen zu wachsen.

Friedrich besuchte sie weiterhin jeden Sonntag.

Manchmal nahm er sie mit in den Park. Manchmal half er ihr beim Lesenlernen. Und manchmal saßen sie einfach zusammen und erzählten sich Geschichten.

Anna hatte inzwischen gelernt, dass sie ihrem Vater nicht sofort alles anvertrauen musste.

Sie durfte Grenzen setzen.

Sie durfte Nein sagen.

Und sie durfte sich Zeit lassen.

Friedrich akzeptierte das.

Eines Nachmittags kam Sophie aus dem Kindergarten nach Hause und verkündete, dass sie eine Überraschung vorbereitet hatte.

Sie holte ein großes Blatt Papier aus ihrem Rucksack.

Darauf waren drei Menschen gezeichnet, die vor einem Haus standen.

Über ihnen hing eine gelbe Sonne.

Unter dem Bild hatte Sophie in großen, etwas schiefen Buchstaben geschrieben:

MEINE FAMILIE.

Anna betrachtete die Zeichnung.

„Das ist wunderschön, mein Schatz.“

Sophie lächelte stolz.

„Ich möchte, dass wir alle zusammen zu meinem Kindergartentag kommen.“

Anna sah sie überrascht an.

„Alle zusammen?“

„Ja. Mama, Opa und Papa.“

Das Lächeln verschwand langsam aus Annas Gesicht.

Friedrich, der gerade zu Besuch gekommen war, blieb still.

Er wusste, dass Sophies Vater seit Jahren nicht mehr Teil ihres Lebens war. Anna hatte nur selten über ihn gesprochen.

„Mein Schatz“, sagte Anna vorsichtig, „dein Papa lebt nicht bei uns.“

Sophie nickte.

„Ich weiß.“

„Und ich weiß nicht, ob er zu deinem Kindergartentag kommen kann.“

Sophie betrachtete das Bild.

„Dann können wir ihm vielleicht einen Brief schreiben.“

Anna setzte sich neben sie.