Manchmal dachte sie an einen alten Mann, der ihr Geschichten erzählte und ihr zeigte, wie man einen Drachen steigen ließ. Manchmal stellte sie sich jemanden vor, der sie an der Hand nahm, wenn sie Angst hatte.

Aber sie hatte nie gedacht, dass sie ihn mitten auf einer verschneiten Straße treffen würde.

„Mein Opa?“, fragte sie leise.

Friedrich nickte.

„Ja, mein Schatz.“

Sophie betrachtete ihn aufmerksam.

„Warum hat Mama gesagt, dass Sie nicht da sind?“

Diese Frage traf Friedrich härter als jede Anschuldigung.

Er hätte ihr gern eine einfache Antwort gegeben. Er hätte ihr gern gesagt, dass ihre Mutter ihn missverstanden hatte oder dass die Umstände alles kompliziert gemacht hatten.

Doch er wusste, dass das nicht die ganze Wahrheit war.

„Weil ich einen großen Fehler gemacht habe“, sagte er schließlich. „Ich habe deiner Mama nicht zugehört, als sie mich gebraucht hat.“

Sophie runzelte die Stirn.

„Haben Sie sich gestritten?“

„Ja.“

„Und haben Sie sich entschuldigt?“

Friedrich senkte den Kopf.

„Nein. Nicht richtig.“

Sophie dachte darüber nach, als würde sie eine besonders schwierige Rechenaufgabe lösen.

Dann sagte sie: „Dann sollten Sie das tun.“

Friedrich blickte auf.

„Glaubst du, sie wird mir verzeihen?“

Sophie zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Mama sagt, dass Entschuldigungen wichtig sind. Aber man muss auch zeigen, dass man es ernst meint.“

Friedrich sah das kleine Mädchen an und erkannte plötzlich, wie viel er von ihr lernen konnte.

Er hatte sieben Jahre damit verbracht, sich einzureden, dass seine Tochter diejenige war, die ihn verlassen hatte.

Doch vielleicht hatte er sich nur hinter seinem Stolz versteckt.

„Darf ich dich nach Hause bringen?“, fragte er.

Sophie nickte.

Friedrich öffnete die hintere Wagentür und half ihr vorsichtig hinein. Dann bat er seinen Fahrer, eine Werkstatt anzurufen und ein anderes Auto zu organisieren.

Während sie warteten, saß Sophie auf dem Rücksitz und hielt den Schal fest, den Friedrich ihr gegeben hatte.

„Opa?“

Friedrich drehte sich sofort zu ihr um.

Das Wort traf ihn mitten ins Herz.

„Ja, mein Schatz?“

„Wenn Mama Sie sieht, wird sie vielleicht sehr wütend.“

Er lächelte traurig.

„Das könnte passieren.“

„Dann dürfen Sie nicht auch wütend werden.“

„Nein“, versprach Friedrich. „Das werde ich nicht.“

Sophie nickte zufrieden.

„Gut. Sonst müssten Sie sich noch einmal entschuldigen.“

Friedrich lachte leise.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte sich sein Herz nicht mehr ganz so schwer an.

Doch als das Ersatzfahrzeug eintraf und Sophie ihm ihre Adresse nannte, wich das Lächeln langsam aus seinem Gesicht.

Sie lebte in einem Viertel, das er kannte.

Es war das Viertel, in dem Anna nach ihrem Weggang vermutlich Zuflucht gesucht hatte.

Während der Wagen durch die verschneiten Straßen fuhr, beobachtete Friedrich die grauen Häuser und kleinen Geschäfte.

Er fragte sich, wie seine Tochter sieben Jahre lang hier gelebt hatte.

Wie oft sie hungrig gewesen war.

Wie oft sie krank zur Arbeit gegangen war.

Wie oft sie nachts geweint hatte, während er in seinem großen Haus gesessen und geglaubt hatte, sie habe ihn vergessen.

Als das Auto schließlich vor einem kleinen Wohnhaus hielt, sprang Sophie aus dem Wagen.

„Da wohne ich!“

Friedrich stieg langsam aus.

Das Gebäude war alt. An mehreren Fenstern blätterte die Farbe ab, und im Eingangsbereich roch es nach feuchtem Holz.

Er sah sich um und spürte einen tiefen Stich im Herzen.

Seine Tochter hatte früher in einem Haus mit Garten gelebt, in einem Zimmer voller Bücher und Spielsachen. Er hatte ihr alles kaufen können, was sie sich wünschte.

Doch nun lebte sie in einer kleinen Wohnung, in der sie jeden Monat darum kämpfen musste, die Miete aufzubringen.

Friedrich wollte gerade etwas sagen, als Sophie seine Hand ergriff.

„Kommen Sie. Mama müsste bald zu Hause sein.“

Sie führte ihn die Treppe hinauf.

Vor einer schmalen Tür blieb sie stehen und klopfte dreimal.

„Mama! Ich bin wieder da!“

Es blieb still.

Sophie klopfte erneut.

Schließlich öffnete eine ältere Nachbarin die Tür gegenüber.

„Ach, Sophie. Deine Mama ist noch bei der Arbeit. Sie hat gesagt, du sollst bei mir bleiben, wenn du früher zurückkommst.“

Dann bemerkte sie Friedrich.

Ihr Blick wanderte über seinen eleganten Mantel, seine teuren Schuhe und sein angespanntes Gesicht.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Friedrich verbeugte sich höflich.

„Ich bin Sophies Großvater.“

Die Nachbarin riss die Augen auf.

Sophie nickte begeistert.

„Ich habe ihn heute im Schnee gefunden!“

Die ältere Frau blickte Friedrich lange an.

Dann wurde ihr Gesicht ernst.

„Wenn Sie wirklich Annas Vater sind, dann hoffe ich, dass Sie gekommen sind, um etwas wiedergutzumachen.“

Friedrich senkte den Blick.

„Das hoffe ich auch.“

Die Nachbarin öffnete die Wohnungstür und ließ sie eintreten.

Die Wohnung war klein, aber sauber. Auf dem Tisch lagen einige Schulhefte, daneben stand eine Tasse mit kaltem Tee. An der Wand hing ein selbst gemaltes Bild.

Es zeigte drei Personen.

Eine Frau, ein kleines Mädchen und einen Mann, der etwas größer gezeichnet war als die beiden anderen.