Spielzeug?
Ein Buch?
Oder würde Anna glauben, dass er versuchte, sich mit Geschenken freizukaufen?
Schließlich entschied er sich für etwas Einfaches.
Er kaufte einen kleinen Kuchen, eine Packung Buntstifte und ein Kinderbuch über Tiere.
Als er vor Annas Wohnung ankam, klopfte er vorsichtig.
Sophie öffnete die Tür.
Sie trug ein gelbes Kleid und zwei ungleiche Socken.
„Opa! Du bist gekommen!“
Friedrich lächelte.
„Natürlich. Ich habe es versprochen.“
Sophie betrachtete die Tüte in seiner Hand.
„Was ist das?“
„Ein Kuchen. Und ein paar Kleinigkeiten.“
Sie griff nach der Tüte, dann hielt sie inne.
„Hast du auch etwas für Mama mitgebracht?“
Friedrich blinzelte.
„Äh …“
Sophie stemmte die Hände in die Hüften.
„Mama mag Zitronenkuchen.“
Friedrich sah auf die Schachtel.
„Dieser Kuchen ist mit Schokolade.“
Sophie seufzte so tief, dass Friedrich beinahe lachen musste.
„Dann musst du nächstes Mal besser aufpassen.“
„Das werde ich.“
Anna erschien im Flur.
Sie trug eine schlichte Bluse und eine dunkle Hose. Ihr Gesicht war ruhig, aber ihre Haltung verriet, dass sie noch immer nicht wusste, was sie von diesem Besuch halten sollte.
„Komm rein“, sagte sie.
Friedrich trat ein.
Er bemerkte sofort, dass die Wohnung aufgeräumt war. Auf dem Tisch standen Teller, und in der Küche roch es nach Suppe.
„Du hättest dir keine Mühe machen müssen“, sagte er.
Anna warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Ich koche jeden Sonntag.“
„Natürlich.“
Er verstummte.
Schon wieder hatte er etwas gesagt, ohne nachzudenken.
Anna bemerkte es, sagte aber nichts.
Beim Mittagessen erzählte Sophie begeistert von ihrem Kindergarten, von einem Mädchen namens Lisa und von einem kleinen Jungen, der immer seine Buntstifte versteckte.
Friedrich hörte aufmerksam zu.
Er stellte Fragen, lachte an den richtigen Stellen und versuchte, sich jedes Detail zu merken.
Als Sophie erzählte, dass sie später Tierärztin werden wollte, fragte er, warum.
„Weil Tiere nicht sagen können, wenn sie traurig sind“, erklärte sie. „Man muss gut aufpassen, damit man merkt, was sie brauchen.“
Friedrich hielt inne.
Dann nickte er langsam.
„Das ist ein sehr guter Grund.“
Anna beobachtete ihn aus dem Augenwinkel.
Sie sah, dass er sich Mühe gab.
Er unterbrach Sophie nicht, schaute nicht ständig auf sein Telefon und machte keine Bemerkungen darüber, dass sie mit vollem Mund sprach.
Er war einfach da.
Nach dem Essen zog Sophie ihre Zeichnungen hervor.
Sie zeigte Friedrich ein Bild von einem Haus mit einem Garten, einem Hund und drei Menschen, die sich an den Händen hielten.
„Das ist unser Traumhaus“, erklärte sie.
Friedrich betrachtete das Bild.
„Es ist wunderschön.“
„Mama sagt, wir können uns irgendwann vielleicht ein Haus mit einem kleinen Garten leisten.“
Friedrich blickte zu Anna.
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.
Er verstand die Botschaft.
Er durfte nicht sofort anfangen, ihr Leben mit Geld verändern zu wollen.
Also lächelte er Sophie an.
„Ich hoffe, dass dein Traum eines Tages wahr wird.“
Sophie strahlte.
„Dann kannst du uns besuchen.“
Friedrichs Augen wurden feucht.
„Das würde ich sehr gern.“
Eine Stunde verging schneller, als Anna erwartet hatte.
Als Friedrich sich verabschiedete, stand Sophie an der Tür und hielt das Tierbuch fest an ihre Brust gedrückt.
„Kommst du nächsten Sonntag wieder?“
Friedrich sah zu Anna.
Er wollte nicht über ihren Kopf hinweg entscheiden.
Anna zögerte.
Dann nickte sie.
„Wenn du möchtest, kannst du wiederkommen.“
Friedrich lächelte.
„Dann sehen wir uns nächsten Sonntag.“
Als er gegangen war, blieb Anna lange am Fenster stehen.
Sie beobachtete, wie er die Straße hinunterging, den Kopf leicht gesenkt, die Hände in den Manteltaschen.
Sie hatte ihren Vater sieben Jahre lang vermisst.
Doch sie hatte auch gelernt, ohne ihn zu leben.
Jetzt musste sie herausfinden, ob es möglich war, beides gleichzeitig zu tun: ihre Unabhängigkeit zu bewahren und ihm eine zweite Chance zu geben.
Kapitel 5: Der Mann, der lernen musste, zuzuhören
In den folgenden Wochen kam Friedrich jeden Sonntag.
Manchmal brachte er einen Kuchen mit. Manchmal ein Buch aus der Bibliothek. Einmal brachte er eine kleine Schachtel mit alten Familienfotos.
Anna war zunächst misstrauisch.
Sie beobachtete jede seiner Bewegungen und achtete auf jedes Wort, das er sagte.
Doch Friedrich versuchte nicht, die Vergangenheit zu überspringen.
Er fragte Anna, wie es ihr ging.
Er hörte zu, wenn sie von ihrer Arbeit erzählte.
Er fragte nach ihren Sorgen, ohne sofort Ratschläge zu geben.
Und wenn Anna sagte, dass sie etwas allein schaffen wollte, akzeptierte er es.
Das fiel ihm schwerer, als er erwartet hatte.
Früher hatte Friedrich geglaubt, Liebe bedeute, Entscheidungen für andere Menschen zu treffen. Er hatte seiner Tochter stets sagen wollen, was sie studieren sollte, wen sie heiraten durfte und wie sie ihr Leben führen musste.
Nun begriff er, dass seine Aufgabe als Vater nicht darin bestand, Anna zu kontrollieren.
Sie war eine erwachsene Frau.
Sie durfte ihre eigenen Entscheidungen treffen.
Und wenn er wirklich wieder Teil ihres Lebens werden wollte, musste er lernen, sie als gleichwertigen Menschen zu respektieren.
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