Eines Nachmittags fragte Sophie ihn, ob er ihr Fahrrad reparieren könne.
Das Vorderrad war locker, und die Kette sprang ständig ab.
Friedrich hatte in seinem Leben noch nie ein Fahrrad repariert.
Er hätte einen Mitarbeiter anrufen können, der innerhalb einer Stunde jemanden geschickt hätte.
Doch als er Sophie ansah, die ihn erwartungsvoll betrachtete, wollte er es selbst versuchen.
Er verbrachte fast zwei Stunden in Annas kleinem Hinterhof.
Seine Hände wurden schmutzig, seine Knie schmerzten, und mehr als einmal fiel ihm ein Werkzeug auf den Boden.
Schließlich war das Fahrrad wieder in Ordnung.
Sophie sprang begeistert auf.
„Du bist der beste Opa der Welt!“
Friedrich lachte.
„Ich bin der einzige Opa, den du kennst.“
„Trotzdem!“
Anna stand an der Hintertür und beobachtete die beiden.
Sie musste lächeln.
Zum ersten Mal sah sie ihren Vater nicht als den mächtigen Geschäftsmann, der immer recht haben wollte.
Sie sah einen älteren Mann, der versuchte, einen Fehler wiedergutzumachen.
Und sie erkannte, dass auch er sich verändert hatte.
Doch gerade als die Dinge langsam besser wurden, tauchte ein neues Problem auf.
Eines Abends erhielt Anna einen Anruf von ihrer Vermieterin.
„Frau Berger, ich muss mit Ihnen über die Wohnung sprechen“, sagte die Frau. „Der Eigentümer plant eine Renovierung des gesamten Gebäudes. Ihr Mietvertrag wird in drei Monaten auslaufen.“
Anna setzte sich auf die Bettkante.
„Aber ich wohne schon seit Jahren hier. Können wir den Vertrag nicht verlängern?“
„Es tut mir leid. Die Entscheidung steht bereits fest.“
Als das Gespräch endete, blieb Anna lange still sitzen.
Sie hatte kaum Ersparnisse.
Eine andere Wohnung in der Gegend zu finden, würde schwierig werden. Die Mieten waren in den letzten Monaten gestiegen, und sie konnte sich nicht leisten, viel weiter von ihrer Arbeit entfernt zu wohnen.
Am nächsten Morgen brachte sie Sophie zum Kindergarten und ging anschließend zu ihrer Schicht.
Den ganzen Tag versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen.
Doch am Abend, als Friedrich wie vereinbart zu Besuch kam, bemerkte er sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Anna, ist alles in Ordnung?“
„Ja.“
Er sah sie ruhig an.
„Du musst mir nichts erzählen, wenn du nicht möchtest. Aber ich bin hier, wenn du reden willst.“
Anna wollte zunächst ablehnen.
Doch sie war erschöpft.
Und zum ersten Mal seit Jahren wollte sie nicht so tun, als könnte sie jedes Problem allein lösen.
Sie erzählte ihm von der Wohnung.
Friedrich hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.
Als sie fertig war, sagte er: „Ich kenne jemanden, der sich mit Mietrecht auskennt. Wenn du möchtest, kann ich dir die Kontaktdaten geben. Du kannst dich selbst beraten lassen.“
Anna blickte ihn überrascht an.
Er hatte ihr keine Wohnung angeboten.
Er hatte ihr nicht gesagt, sie solle einfach in sein Haus ziehen.
Er hatte ihr eine Möglichkeit angeboten und die Entscheidung ihr überlassen.
„Danke“, sagte sie leise. „Das wäre hilfreich.“
Friedrich nickte.
„Natürlich.“
Ein paar Tage später erhielt Anna tatsächlich eine Beratung. Sie erfuhr, welche Rechte sie hatte und welche Schritte sie unternehmen konnte, um mehr Zeit für die Wohnungssuche zu gewinnen.
Sie fand schließlich eine kleine, bezahlbare Wohnung in der Nähe ihrer Arbeit.
Sie war nicht groß, aber sie hatte zwei Schlafzimmer, ein helles Wohnzimmer und einen kleinen Balkon.
Sophie liebte den Balkon sofort.
Sie stellte einen Blumentopf darauf und erklärte, dass sie dort im Frühling Blumen pflanzen würde.
Als Friedrich die neue Wohnung besuchte, brachte er keine teuren Möbel mit.
Stattdessen half er dabei, einen alten Tisch aufzubauen und einige Kisten auszupacken.
Am Ende des Tages saßen sie zu dritt auf dem Boden und aßen Pizza aus Pappkartons.
Sophie erzählte eine lange Geschichte über einen Hund, den sie später einmal adoptieren wollte.
Anna lachte.
Friedrich hörte zu.
Und in diesem kleinen Wohnzimmer, zwischen Umzugskartons und halb ausgepackten Büchern, begann die Familie langsam wieder zusammenzufinden.
Kapitel 6: Der Brief, der nie angekommen war
Eines Abends rief Friedrich seine langjährige Assistentin Clara in sein Büro.
Er hatte den alten Brief von Anna immer wieder gelesen.
Die Frage ließ ihn nicht los: Warum hatte er ihn nie bekommen?
„Clara“, sagte er, als sie hereinkam, „ich möchte, dass du die alten Unterlagen aus meinem Büroarchiv überprüfst. Vor sieben Jahren hat Anna mir einen Brief geschickt. Ich möchte wissen, was damit geschehen ist.“
Clara wirkte überrascht.
„Gibt es ein Problem?“
„Das weiß ich noch nicht.“
Sie nickte und begann mit der Suche.
Zwei Tage später kam sie mit einer dünnen Aktenmappe zurück.
„Herr Berger, ich habe etwas gefunden.“
Friedrich öffnete die Mappe.
Darin lagen mehrere alte Mitteilungen, die aus jener Zeit stammten.
Eine davon war eine interne Notiz, unterschrieben von seinem damaligen Büroverwalter.
Sie besagte, dass sämtliche Post von Anna Berger auf ausdrückliche Anweisung Friedrichs zurückgehalten werden sollte.
Friedrich starrte auf das Papier.
Er erinnerte sich, diese Anweisung gegeben zu haben.
Er hatte damals geglaubt, Abstand sei die beste Lösung.
Er hatte sich eingeredet, Anna müsse lernen, mit den Konsequenzen ihrer Entscheidung zu leben.
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