Er hatte geantwortet, er wolle keine Nachrichten von seiner Tochter mehr erhalten.

Er hatte nicht gefragt, ob es etwas Wichtiges gab.

Er hatte nicht einmal den Brief öffnen lassen.

Friedrich sank langsam auf einen Stuhl.

„Mein Gott.“

Anna verschränkte die Arme.

„Ja. Dein Stolz hat dir damals gereicht. Uns beiden aber nicht.“

Er sah sie an.

„Ich wusste nicht, dass du so gelitten hast.“

„Weil du es nicht wissen wolltest.“

Diese Worte trafen ihn tief.

Friedrich versuchte nicht, sich zu verteidigen.

Zum ersten Mal begriff er, dass eine Entschuldigung nicht bedeuten konnte, die Vergangenheit einfach ungeschehen zu machen.

Er musste die Wahrheit akzeptieren.

„Du hast recht“, sagte er leise. „Ich war ungerecht zu dir. Ich habe geglaubt, ich wüsste, was das Beste für dich ist. Und als du nicht getan hast, was ich wollte, habe ich dich bestraft.“

Anna schwieg.

„Ich kann die sieben Jahre nicht zurückholen“, fuhr er fort. „Ich kann nicht so tun, als hätte ich nichts falsch gemacht. Aber ich möchte mich entschuldigen.“

Er stand auf und sah seiner Tochter direkt in die Augen.

„Es tut mir leid, Anna. Nicht nur dafür, dass ich dich fortgehen ließ. Es tut mir leid, dass ich dich glauben ließ, du müsstest meine Liebe verdienen, indem du mir gehorchst.“

Anna biss sich auf die Lippe.

Sie hatte sich diese Worte so oft vorgestellt.

In manchen Vorstellungen hatte sie ihn angeschrien. In anderen hatte sie ihm gesagt, dass er ihr egal sei.

Doch jetzt, da er vor ihr stand und sich tatsächlich entschuldigte, fühlte sie sich nicht erleichtert.

Sie fühlte sich müde.

Sehr müde.

„Ich weiß nicht, ob ich dir verzeihen kann“, flüsterte sie.

Friedrich nickte.

„Das verstehe ich.“

„Und ich will nicht, dass du hier auftauchst und so tust, als könntest du mit Geld alles reparieren.“

„Das werde ich nicht tun.“

Anna sah ihn skeptisch an.

„Du weißt nicht einmal, wie wir leben.“

„Dann möchte ich es lernen.“

„Du kannst nicht einfach in unser Leben zurückkommen.“

„Ich verlange nicht, dass du mir sofort vertraust.“

Er blickte zu Sophie, die still neben dem Sofa stand.

„Ich bitte dich nur um eine Gelegenheit, deine Tochter kennenzulernen. Wenn du es erlaubst.“

Anna sah Sophie an.

Das kleine Mädchen hielt noch immer Friedrichs Hand.

Es war offensichtlich, dass sie sich bereits an ihn gewöhnt hatte.

Anna spürte einen Stich im Herzen. Sie wollte ihre Tochter vor Enttäuschungen schützen. Sie wollte verhindern, dass Sophie sich an einen Mann band, der vielleicht eines Tages wieder verschwinden würde.

Doch sie wusste auch, dass Sophie ein Recht darauf hatte, ihre eigene Beziehung zu ihrem Großvater aufzubauen.

„Ich werde dir keine Versprechen geben“, sagte Anna schließlich.

„Das erwarte ich nicht.“

„Du wirst Sophie nicht mit Geschenken überschütten, nur um ihr zu gefallen.“

„Einverstanden.“

„Und du wirst ihr niemals erzählen, dass ich dich von ihr ferngehalten habe.“

Friedrich sah sie ernst an.

„Das werde ich nicht. Die Verantwortung für meine Fehler liegt bei mir.“

Anna schwieg lange.

Dann sagte sie: „Du darfst am Sonntag zum Mittagessen kommen. Für eine Stunde.“

Friedrich sah sie ungläubig an.

„Wirklich?“

„Eine Stunde“, wiederholte Anna. „Und wenn Sophie nicht möchte, dass du wiederkommst, werde ich sie nicht dazu zwingen.“

Friedrich nickte langsam.

„Danke.“

Sophie klatschte in die Hände.

„Dann kann ich dir mein Zimmer zeigen!“

Anna lächelte schwach.

Zum ersten Mal an diesem Abend wurde die Spannung ein wenig leichter.

Friedrich beugte sich zu Sophie hinunter.

„Ich freue mich darauf.“

Doch bevor er ging, blieb er noch einmal an der Tür stehen.

„Anna?“

Sie sah ihn an.

„Was?“

„Ich werde nicht wieder verschwinden.“

Anna antwortete nicht.

Sie wollte ihm glauben.

Aber sieben Jahre voller Enttäuschung ließen sich nicht durch einen einzigen Satz auslöschen.

Friedrich verstand das.

Er verabschiedete sich von Sophie, zog seinen Mantel an und ging hinaus in den Schnee.

Als die Tür sich hinter ihm schloss, lehnte Anna sich dagegen.

Sophie trat zu ihr.

„Mama?“

„Ja, mein Schatz?“

„Bist du noch böse auf Opa?“

Anna strich ihrer Tochter über das Haar.

„Ich bin noch verletzt.“

Sophie dachte kurz nach.

„Kann man jemanden lieb haben und trotzdem verletzt sein?“

Anna schluckte.

„Ja, mein Liebling. Manchmal ist das sogar besonders schwer.“

Sophie legte ihre Arme um ihre Mutter.

„Dann musst du nicht sofort wieder glücklich sein. Du kannst dir Zeit lassen.“

Anna schloss die Augen.

Es war ein Satz, den sie selbst ihrer Tochter oft gesagt hatte.

Nun hörte sie ihn aus dem Mund eines sechsjährigen Kindes.

Und zum ersten Mal seit vielen Jahren erlaubte sie sich, einfach zu weinen.
Kapitel 4: Ein Sonntag, der alles verändern sollte
Am Sonntagmorgen stand Friedrich bereits um neun Uhr vor seinem Kleiderschrank.

Er hatte seit sechs Uhr nicht mehr geschlafen.

Auf seinem Bett lagen drei verschiedene Hemden, zwei Pullover und ein dunkelblauer Mantel. Er hatte keine Ahnung, was ein sechsjähriges Mädchen von seinem Großvater erwartete.

Sollte er Blumen mitbringen?