„Das ist sehr freundlich von dir“, sagte Friedrich sanft. „Aber du solltest dein Essen behalten.“

Sophie schüttelte den Kopf.

„Meine Mama sagt, man muss teilen, wenn jemand Hilfe braucht.“

Friedrich spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog.

Diese Worte erinnerten ihn an Anna.

Als seine Tochter klein gewesen war, hatte sie genau dasselbe gesagt.

Er kniete sich ein wenig hin, damit er Sophie besser ansehen konnte.

„Wie heißt du denn?“

„Sophie.“

„Ein wunderschöner Name.“

„Und wie heißen Sie?“

„Friedrich.“

Sophie dachte kurz nach.

„Das ist ein langer Name.“

Friedrich musste zum ersten Mal an diesem Morgen lachen.

„Das stimmt wohl.“

Dann bemerkte er, dass Sophies Mantel viel zu dünn für diese Temperaturen war.

„Wo ist deine Mama?“

„Sie arbeitet. Sie arbeitet immer, damit wir unsere Wohnung behalten können.“

Das Lächeln verschwand aus Friedrichs Gesicht.

„Und dein Papa?“

Sophie senkte den Blick.

„Ich habe keinen Papa.“

Friedrich schwieg.

Das Mädchen schien sich daran gewöhnt zu haben, diese Antwort zu geben. Doch als sie wieder aufsah, lag in ihren Augen eine Sehnsucht, die Friedrich beinahe das Herz brach.

„Meine Mama sagt, er ist fort“, fügte sie hinzu. „Aber manchmal glaube ich, dass er mich vielleicht gar nicht kennt.“

Friedrich wusste nicht, was er sagen sollte.

Er hatte viele schwierige Verhandlungen geführt. Er hatte Unternehmen vor dem Bankrott bewahrt und Menschen in Krisen beruhigt.

Aber vor diesem kleinen Mädchen fühlte er sich hilflos.

„Vielleicht“, sagte er schließlich vorsichtig, „weiß er gar nicht, wie sehr du ihn vermisst.“

Sophie dachte darüber nach.

„Dann sollte ihm jemand sagen, dass er kommen soll.“

Friedrich sah sie lange an.

„Ja“, flüsterte er. „Vielleicht sollte das jemand tun.“

In diesem Augenblick klingelte sein Telefon.

Er zog es aus der Manteltasche und blickte auf das Display. Sein Assistent rief bereits zum dritten Mal an.

Friedrich ignorierte den Anruf.

Zum ersten Mal seit Jahren war ihm ein Geschäftstermin nicht wichtig.

Er zog seinen Schal aus und legte ihn vorsichtig um Sophies Hals.

„Wo wohnst du, Sophie? Ich bringe dich nach Hause.“

Sophie wollte gerade antworten, als sie plötzlich einen Schritt zurücktrat.

Sie betrachtete Friedrichs Gesicht genauer.

Dann blickte sie auf den kleinen goldenen Anhänger, der an seiner Krawatte befestigt war.

Es war ein winziger Stern.

Sophie kannte diesen Stern.

Ihre Mutter besaß ein altes Foto, auf dem ein Mann denselben Anhänger trug.

Jedes Mal, wenn Sophie danach gefragt hatte, hatte Anna das Foto schnell weggelegt.

„Sie haben denselben Stern wie der Mann auf Mamas Bild“, sagte Sophie.

Friedrich erstarrte.

„Welches Bild?“

„Das Foto, das Mama in ihrer Schublade versteckt.“

Sein Herz begann schneller zu schlagen.

„Wie sieht der Mann auf dem Foto aus?“

Sophie hob den Kopf.

„Er hat graue Haare. Und er lächelt nicht.“

Friedrich konnte kaum atmen.

Das Foto, das sie beschrieb, konnte nur eines sein.

Ein altes Familienfoto, das Anna kurz vor ihrem Weggang aufgenommen hatte.

„Sophie“, fragte er mit plötzlich heiserer Stimme, „wie heißt deine Mama?“

Das Mädchen lächelte.

„Anna.“

Die Welt schien für einen Augenblick stillzustehen.

Friedrich hielt sich am Türrahmen des Wagens fest.

„Wie bitte?“

„Meine Mama heißt Anna. Anna Berger, bevor sie meinen Papa geheiratet hat.“

Friedrichs Lippen öffneten sich, doch kein Wort kam heraus.

Anna Berger.

Seine Tochter.

Das kleine Mädchen vor ihm war nicht irgendein Kind.

Es war seine Enkelin.

Sein eigenes Blut.

Ein Kind, von dessen Existenz er nichts gewusst hatte.

„Wie alt bist du, Sophie?“, fragte er schließlich.

„Sechs.“

Sechs Jahre.

Friedrich rechnete im Kopf nach. Anna hatte vor sieben Jahren das Haus verlassen. Damals hatte sie ihm nichts von einer Schwangerschaft erzählt.

Oder hatte sie es versucht?

Er erinnerte sich plötzlich an einen Streit, der ihm all die Jahre wie ein Schatten gefolgt war.

Anna hatte damals vor seinem Schreibtisch gestanden und gesagt: „Papa, bitte. Du musst mir wenigstens zuhören.“

Doch er hatte gerade erfahren, dass sie einen Mann heiraten wollte, den er für ungeeignet hielt. Er hatte sich geweigert, ihre Entscheidung zu akzeptieren.

„Solange du diesen Mann wählst, brauchst du nicht mehr in dieses Haus zurückzukommen“, hatte er gesagt.

Anna hatte ihn mit Tränen in den Augen angesehen.

„Du wirst es eines Tages bereuen.“

Dann war sie gegangen.

Friedrich hatte geglaubt, sie würde nach einigen Tagen zurückkehren.

Doch sie war nie zurückgekommen.

Und nun stand ihre Tochter vor ihm.

Ein kleines Mädchen, das im Schnee zitterte und ihm sein einziges Brötchen schenken wollte.

Friedrich schluckte schwer.

„Sophie“, sagte er, „weißt du, wer ich bin?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Sie sind Friedrich.“

Er nickte langsam.

„Ja. Aber ich bin auch der Vater deiner Mama.“

Sophie starrte ihn an.

Ihre Lippen bewegten sich, doch zunächst kam kein Laut heraus.

„Dann sind Sie …?“

Friedrichs Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich bin dein Opa.“
Kapitel 2: Eine Wahrheit, die sieben Jahre lang verborgen blieb
Sophie stand regungslos vor ihm.

Sie hatte sich so oft vorgestellt, wie es wäre, einen Opa zu haben.