Friedrich blieb davor stehen.
„Wer ist das?“, fragte er leise.
Sophie trat neben ihn.
„Das bin ich. Das ist Mama. Und das ist mein Papa.“
Friedrich betrachtete die Zeichnung.
„Hast du deinen Papa schon einmal gesehen?“
„Nein. Aber ich male ihn immer dazu, damit er weiß, wo wir sind, wenn er uns irgendwann suchen kommt.“
Friedrich musste sich abwenden.
Er konnte die Tränen nicht länger zurückhalten.
Sophie bemerkte es sofort.
„Opa? Sind Sie wieder traurig?“
Er kniete sich vor sie.
„Ein bisschen.“
Sie legte ihre kleinen Arme um seinen Hals.
„Das ist nicht schlimm. Mama sagt, dass man manchmal weinen muss, damit es einem danach besser geht.“
Friedrich schloss die Augen.
Er hielt seine Enkelin im Arm und wusste, dass er nie wieder zulassen durfte, dass sein Stolz wichtiger wurde als seine Familie.
Doch er wusste noch nicht, wie Anna reagieren würde.
Und als er eine Stunde später Schritte im Treppenhaus hörte, wurde ihm plötzlich klar, dass der schwierigste Teil erst noch bevorstand.
Kapitel 3: Die Tür, die sich nach sieben Jahren wieder öffnete
Anna kam erschöpft nach Hause.
Ihre Schuhe waren vom Schnee durchnässt, ihre Hände rochen nach Reinigungsmitteln, und ihre Schultern schmerzten von der langen Schicht.
Sie wollte nur noch ihre Tochter in die Arme schließen, etwas Einfaches zum Abendessen kochen und sich für ein paar Stunden ausruhen.
Doch schon als sie die Wohnungstür öffnete, bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte.
Sophie saß auf dem Sofa.
Neben ihr stand ein großer Mann in einem dunklen Mantel.
Anna erkannte ihn sofort.
Die Einkaufstasche glitt ihr aus der Hand.
Eine Packung Milch fiel auf den Boden, gefolgt von einigen Äpfeln, die über den Flur rollten.
Niemand bewegte sich.
Friedrich drehte sich langsam um.
„Anna.“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, aber ihr Gesicht wurde hart.
„Was machst du hier?“
Friedrich machte einen Schritt auf sie zu.
„Ich wollte mit dir reden.“
„Nach sieben Jahren?“
Ihre Stimme zitterte.
„Nach sieben Jahren erinnerst du dich plötzlich daran, dass du eine Tochter hast?“
„Anna, bitte. Lass mich erklären.“
„Erklären?“
Sie lachte kurz, doch es war ein bitteres, schmerzliches Lachen.
„Du hattest sieben Jahre Zeit, Friedrich. Sieben Jahre! Weißt du, wie oft ich gehofft habe, dass du anrufst? Wie oft ich auf einen Brief gewartet habe?“
Friedrich senkte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
„Natürlich weißt du es nicht! Du hast nie gefragt.“
Sophie stand langsam vom Sofa auf.
„Mama …“
Anna drehte sich zu ihr um.
„Mein Schatz, geh bitte kurz zu Frau Weber.“
Doch Sophie schüttelte den Kopf.
„Nein. Opa ist nett.“
Anna erstarrte.
„Was hast du gesagt?“
Sophie nahm Friedrichs Hand.
„Das ist mein Opa. Ich habe ihn heute draußen getroffen. Er hatte eine kaputte Autotür und war traurig. Ich habe ihm mein Brötchen gegeben, und dann hat er gesagt, dass er dein Papa ist.“
Anna schloss für einen Moment die Augen.
Sie wusste nicht, ob sie schreien, weinen oder einfach die Tür wieder schließen sollte.
Friedrich sah seine Tochter an.
„Ich wusste nicht, dass du ein Kind hast.“
Anna öffnete die Augen.
„Nein. Das wusstest du nicht.“
Sie trat ins Wohnzimmer und stellte sich zwischen ihn und Sophie.
„Und weißt du, warum? Weil ich es dir sagen wollte. Ich habe es versucht.“
Friedrich blickte verwirrt auf.
„Was?“
„Ich war schwanger, als ich gegangen bin.“
Die Worte hingen schwer in der Luft.
Friedrichs Gesicht verlor jede Farbe.
Anna sprach weiter, ihre Stimme wurde mit jedem Satz ruhiger, als hätte sie diese Geschichte so oft in Gedanken erzählt, dass sie sie inzwischen auswendig kannte.
„Ich wollte dir sagen, dass ich ein Kind bekomme. Ich wollte dir erklären, dass der Mann, den ich liebte, mich nicht ausnutzte. Ich wollte dir sagen, dass ich glücklich war.“
Sie schluckte.
„Aber du hast mir nicht einmal zugehört. Du hast mir gesagt, dass ich nicht mehr deine Tochter sei, wenn ich ihn heirate.“
Friedrichs Hände zitterten.
„Anna …“
„Ich habe vor deiner Tür gestanden. Ich habe geweint. Ich habe dich gebeten, mir zuzuhören. Doch du hast die Tür geschlossen.“
Sie blickte ihn an.
„Und als Sophie geboren wurde, habe ich dir einen Brief geschrieben.“
Friedrich schüttelte langsam den Kopf.
„Ich habe nie einen Brief bekommen.“
Anna lachte bitter.
„Natürlich nicht.“
Sie ging zu einer kleinen Schublade und holte einen alten Umschlag heraus.
Das Papier war vergilbt, die Ecken waren abgenutzt.
„Das ist die Kopie meines Briefes. Ich habe dir geschrieben, dass du Großvater geworden bist. Ich habe dir ein Foto von Sophie beigelegt. Ich habe dir sogar meine neue Adresse gegeben.“
Sie legte den Brief auf den Tisch.
„Ich habe ihn damals persönlich an deine Firma geschickt.“
Friedrich nahm das Papier mit zitternden Fingern.
Er las die ersten Zeilen.
Dann die nächsten.
Mit jedem Satz wurde sein Gesicht blasser.
Er erinnerte sich plötzlich an seinen damaligen Assistenten, der ihm einmal gesagt hatte, Anna habe versucht, ihn zu erreichen.
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