„Und wenn Daniel euch sagt, dass ich in jener Nacht allein im Auto war, glaubt ihm nicht.“

Die Aufnahme endete.

Anna stand regungslos da.

Der Bahnhof schien sich um sie herum zu drehen.

„Was bedeutet das?“, flüsterte sie.

Alex blickte auf die Mappe.

„Ich weiß es nicht.“

„Du hast diese Aufnahme die ganze Zeit gehabt?“

„Seit drei Jahren.“

„Und du hast sie mir nie gezeigt?“

„Ich wollte sicher sein, dass sie echt ist.“

Anna schüttelte den Kopf.

„Du klingst genau wie Daniel.“

Alex nahm die Worte schweigend hin.

Dann vibrierte sein Telefon.

Er sah auf den Bildschirm.

Sein Gesicht wurde blass.

„Was ist?“, fragte Anna.

Er drehte ihr das Display zu.

Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.

**Ihr seid nicht allein.**

Darunter ein Foto.

Es zeigte die beiden am Bahnsteig.

Aufgenommen vor wenigen Sekunden.

Anna hob den Blick.

Am anderen Ende des Bahnsteigs stand ein Mann in einem grauen Mantel.

Markus Stein.

Er hielt sein Handy in der Hand und beobachtete sie.

Doch das war nicht das Schlimmste.

Neben ihm stand eine zweite Person.

Eine Frau in einem dunklen Mantel.

Anna erkannte sie sofort.

Victoria.

Daniels ehemalige Geliebte.

Die Frau, von der Anna geglaubt hatte, sie wäre nur ein schmerzhafter Teil ihrer Vergangenheit.

Victoria hob die Hand und winkte.

Dann sagte sie etwas, das Anna selbst aus der Entfernung zu verstehen glaubte.

*Es tut mir leid.*

Alex griff nach Annas Arm.

„Wir müssen gehen. Jetzt.“

Doch bevor sie sich bewegen konnten, erklang eine Durchsage.

„Achtung auf Gleis neun. Der einfahrende Zug endet hier. Bitte beachten Sie den Sicherheitsabstand.“

Ein Zug rollte langsam in den Bahnhof.

Seine Fenster spiegelten die kalten Lichter der Halle.

Als er zum Stillstand kam, öffneten sich die Türen.

Niemand stieg aus.

Niemand stieg ein.

Doch auf einem Sitz im ersten Wagen lag ein brauner Umschlag.

Anna bemerkte ihn, weil auf der Vorderseite ihr Name stand.

Nicht ihr vollständiger Name.

Nur ein einziges Wort.

**Tochter.**

Alex folgte ihrem Blick.

„Nein“, flüsterte er.

„Was ist das?“

Er packte ihre Hand.

„Fass ihn nicht an.“

Doch Anna hatte den Umschlag bereits in der Hand.

Sie öffnete ihn.

Darin lag eine Fotografie.

Ein Mann stand neben ihrem Vater vor einem Gebäude, das Anna noch nie gesehen hatte. Hinter ihnen befand sich ein schwarzes Auto.

Auf der Rückseite war ein Datum vermerkt.

Der Tag, an dem ihr Vater offiziell gestorben war.

Und darunter stand ein Satz:

**Dein Vater war nicht das Opfer des Unfalls. Er war derjenige, der überlebt hat.**

Anna hob langsam den Kopf.

Der Zug begann sich wieder in Bewegung zu setzen.

Am anderen Ende des Bahnsteigs war Markus verschwunden.

Victoria ebenfalls.

Alex sah aus, als hätte er gerade etwas erkannt, das er jahrelang zu verdrängen versucht hatte.

„Anna“, sagte er leise. „Wir müssen unseren Vater finden.“

Sie blickte auf die Fotografie.

Auf den Mann neben ihrem Vater.

Dann bemerkte sie ein kleines Detail, das ihr bisher entgangen war.

Der Mann trug einen goldenen Ring.

Einen Ring mit einem Wappen.

Dasselbe Wappen, das Daniel auf einem alten Familienfoto getragen hatte.

Anna spürte, wie ihr Herz langsamer schlug.

Dann sagte sie einen einzigen Satz.

„Daniel weiß, wo er ist.“

Und irgendwo in der Stadt klingelte zur gleichen Zeit ein Telefon.

Daniel Hayes nahm ab.

Eine Stimme, die er seit Jahren nicht mehr gehört hatte, sagte:

„Deine Frau hat die Wahrheit gefunden.“

Daniel schloss die Augen.

„Nein“, flüsterte er.

Die Stimme antwortete:

„Doch. Und jetzt musst du dich entscheiden, Daniel.“

Eine Pause.

Dann die Worte, vor denen er sich sein ganzes Leben lang gefürchtet hatte.

„Wirst du deine Frau retten – oder deinen Vater?“

**Fortsetzung folgt …**