„Die blaue.“

Für einen Moment bewegte sich niemand.

Dann lächelte Markus schwach.

„Du bist keine besonders gute Lügnerin, Anna.“

Sie sagte nichts.

„Alex hat uns erzählt, dass er dir eine Nachricht geschickt hat. Er wusste, dass du früher oder später herausfinden würdest, was wirklich hinter dieser Hochzeit steckt.“

Anna spürte einen kalten Schauer.

„Was steckt dahinter?“

Markus sah Daniel an.

„Das solltest du deinem Mann fragen.“

„Nein“, sagte Anna. „Ich frage dich.“

Der ältere Mann atmete tief durch.

„Deine Familie besitzt etwas, das seit Jahrzehnten gesucht wird. Nicht nur Geld. Nicht nur Anteile an Unternehmen. Es geht um einen Vertrag, der mehrere Generationen zurückreicht. Ein Vertrag, dessen Existenz manche Menschen reich gemacht und andere zerstört hat.“

„Und ich bin Teil davon?“

„Du bist der Schlüssel.“

Anna blickte auf ihren Ehering, den sie noch immer in der Hand hielt.

„Weil ich Daniel geheiratet habe?“

„Weil die Eheschließung eine rechtliche Klausel aktiviert hat.“

Sie dachte an den Satz in der Mappe.

*Zugang durch Heirat. Vollmacht nach Eheschließung aktivieren.*

„Ihr habt meine Hochzeit benutzt.“

Daniel schloss die Augen.

„Anna …“

Sie hob die Hand.

„Sag nichts.“

Markus trat einen Schritt zurück.

„Es gibt noch etwas, das du wissen musst. Alex hat nicht nur Beweise gegen Daniel gesammelt.“

Anna sah ihn an.

„Gegen wen dann?“

Der Mann antwortete leise.

„Gegen deinen Vater.“

Die Welt schien für einen Augenblick stillzustehen.

Anna hatte ihren Vater seit ihrer Kindheit kaum gesehen. Er war gestorben, als sie sechzehn gewesen war, offiziell bei einem Autounfall auf einer Landstraße außerhalb Münchens.

Ihre Mutter hatte danach nie gern über ihn gesprochen.

Alex hatte das Thema stets vermieden.

Und jetzt stand ein fremder Mann in ihrer Hochzeitsnacht und behauptete, ihr Bruder habe Beweise gegen ihren verstorbenen Vater gesammelt.

„Das ist unmöglich“, flüsterte Anna.

„Ich wünschte, es wäre so.“

„Mein Vater war kein Verbrecher.“

„Vielleicht nicht“, sagte Markus. „Aber er wusste, was geschehen war.“

Daniel trat zwischen sie.

„Markus, genug.“

Der ältere Mann sah ihn kühl an.

„Nein. Sie hat ein Recht darauf, es zu erfahren.“

„Nicht heute Nacht.“

„Gerade heute Nacht.“

Markus wandte sich wieder Anna zu.

„Dein Vater hat kurz vor seinem Tod eine Kopie des ursprünglichen Vertrages angefertigt. Er versteckte sie an einem Ort, den nur seine Kinder finden konnten. Alex hat diesen Ort entdeckt.“

Anna dachte an das Haus ihrer Kindheit.

An die alte Standuhr im Wohnzimmer.

An den Dachboden, auf dem ihr Vater früher seine Unterlagen aufbewahrt hatte.

Und plötzlich erinnerte sie sich an etwas.

Als sie zwölf gewesen war, hatte ihr Vater ihr ein kleines Notizbuch geschenkt. Er hatte es ihr in die Hände gelegt und gesagt:

*Wenn du jemals das Gefühl hast, dass alle Menschen um dich herum lügen, lies zuerst die letzte Seite.*

Anna hatte das Notizbuch jahrelang aufbewahrt.

Nach seinem Tod war es verschwunden.

„Wo ist das Original?“, fragte sie.

Markus sah sie an.

„Wir glauben, dass Alex es gefunden hat.“

„Dann muss er wissen, was darin steht.“

„Ja.“

„Und deshalb wollt ihr ihn finden.“

„Wir müssen ihn finden, bevor es jemand anderes tut.“

Anna blickte zu Daniel.

„Wer ist dieser Jemand?“

Niemand antwortete.

Dann vibrierte ihr Handy.

Eine neue Nachricht.

Diesmal war sie von Alex.

**Anna, geh nicht mit Daniel. Geh nicht mit Markus. Wenn du wissen willst, wer unseren Vater wirklich getötet hat, komm morgen um sechs Uhr allein zum alten Bahnhof. Gleis neun.**

Anna las die Nachricht zweimal.

Dann hob sie den Blick.

Daniel beobachtete sie.

„Was ist?“

Sie schaltete den Bildschirm aus.

„Nichts.“

Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass Anna ihren Mann direkt anlog.

Und in diesem Moment wusste sie, dass es nicht das letzte Mal sein würde.

—

### 01:12 Uhr – Eine Entscheidung ohne Rückweg

Markus Stein verließ das Schlafzimmer zehn Minuten später.

Daniel begleitete ihn bis zur Tür.

Anna hörte die beiden im Flur flüstern.

„Sie weiß zu viel“, sagte Markus.

„Sie weiß nicht alles.“

„Das ist das Problem. Wenn sie die Mappe gelesen hat, wird sie Fragen stellen.“

„Dann werde ich ihr die Wahrheit sagen.“

Markus lachte trocken.

„Du hattest den ganzen Abend Zeit, Daniel.“

„Ich werde das in Ordnung bringen.“

„Du kannst nicht in Ordnung bringen, was du absichtlich zerstört hast.“

Eine Pause.

Dann sagte Markus etwas, das Anna kaum verstand.

„Wenn Alex morgen auftaucht, wird sich zeigen, auf welcher Seite du wirklich stehst.“

Die Tür fiel ins Schloss.

Daniel blieb im Flur.

Anna hörte seine Schritte.

Er kam zurück ins Schlafzimmer, doch diesmal ging er nicht zum Bett. Er setzte sich in den Sessel am Fenster und legte das Gesicht in die Hände.

Lange sagte er nichts.

Dann flüsterte er:

„Es tut mir leid.“

Anna saß im Dunkeln und wusste nicht, ob er mit ihr sprach oder mit sich selbst.

Sie wollte ihm glauben.

Das war das Schlimmste.