Trotz allem, was sie gehört hatte, trotz der Mappe und der geheimen Vollmacht, war da noch immer ein Teil von ihr, der sich an den Mann erinnerte, der ihr bei ihrem ersten Treffen einen viel zu starken Kaffee gekauft und sich anschließend eine halbe Stunde lang dafür entschuldigt hatte.
Der Mann, der ihre Mutter zum Lachen gebracht hatte.
Der Mann, der ihre Hand gehalten hatte, als sie Angst vor einer Operation gehabt hatte.
Der Mann, der sie am Morgen ihrer Hochzeit angesehen und gesagt hatte, sie sei das Beste, was ihm jemals passiert sei.
War davon irgendetwas echt gewesen?
Oder hatte sie nur die Seite von ihm gesehen, die er ihr zeigen wollte?
„Anna?“, fragte er leise.
Sie antwortete nicht.
„Ich weiß, dass du nicht schläfst.“
Sie blickte zum Fenster.
„Ich werde dir nicht sagen, dass ich unschuldig bin“, fuhr er fort. „Das wäre eine weitere Lüge.“
Anna spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte.
„Ich habe Dinge getan, die ich nicht hätte tun dürfen. Ich habe geschwiegen, obwohl ich hätte sprechen müssen. Und ich habe geglaubt, dass ich alles kontrollieren kann, wenn ich nur genug Informationen zurückhalte.“
Er stand auf.
„Aber ich habe dich nicht geheiratet, um dich zu benutzen.“
Anna drehte sich zu ihm um.
„Woher soll ich wissen, dass das stimmt?“
Daniel schwieg.
Dann zog er etwas aus seiner Jackentasche.
Es war ein kleines Foto.
Darauf waren zwei Kinder zu sehen, ein Junge und ein Mädchen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Sie standen vor einem alten Haus und hielten sich an den Händen.
Anna kannte das Haus.
Es war das Haus ihrer Großeltern, in dem sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hatte.
Und die beiden Kinder …
Sie erkannte den Jungen sofort.
Alex.
Das Mädchen war sie selbst.
„Woher hast du das?“, fragte sie.
„Dein Vater hat es mir gegeben.“
Anna starrte ihn an.
„Wann?“
„Zwei Wochen vor seinem Tod.“
Sie konnte nicht atmen.
„Du hast meinen Vater gekannt?“
Daniel nickte.
„Ich war damals siebzehn. Mein Vater arbeitete mit ihm zusammen. Sie hatten einen Streit über die Unterlagen, die du in der Mappe gesehen hast. Dein Vater wollte alles offenlegen. Mein Vater wollte verhindern, dass die Firma auseinanderbricht.“
„Und du?“
Daniel sah auf das Foto.
„Ich habe damals geglaubt, mein Vater hätte recht.“
Anna schloss die Augen.
„Was ist in der Nacht des Unfalls passiert?“
Daniel schwieg so lange, dass sie glaubte, er würde nicht antworten.
Dann sagte er:
„Ich weiß es nicht.“
Sie lachte bitter.
„Du erwartest, dass ich dir das glaube?“
„Nein. Ich erwarte gar nichts mehr von dir.“
Er legte das Foto auf den Tisch.
„Aber es gibt etwas, das ich dir sagen muss. Dein Vater hat mich gebeten, auf dich aufzupassen. Er sagte, dass Alex eines Tages etwas finden würde, das ihn in Gefahr bringen könnte. Und er sagte, dass du niemals in diese Geschichte hineingezogen werden dürftest.“
Anna sah ihn an.
„Und du hast genau das Gegenteil getan.“
„Ja.“
Das Wort kam ohne Ausrede.
Ohne Rechtfertigung.
Zum ersten Mal in dieser Nacht versuchte Daniel nicht, sich zu verteidigen.
„Ich dachte, ich könnte die Sache beenden, bevor sie dich erreicht“, sagte er. „Ich dachte, wenn ich die Dokumente bekomme, wenn ich den Vertrag ändere und die Leute davon überzeuge, dass Alex nichts mehr in der Hand hat, wäre alles vorbei.“
„Und die Hochzeit?“
Daniel senkte den Kopf.
„Ich wollte dich heiraten, bevor die anderen ihre Ansprüche geltend machen konnten.“
Anna spürte, wie ihr Herz zerbrach.
„Also war es doch ein Plan.“
„Am Anfang dachte ich, es wäre der einzige Weg, dich zu schützen.“
„Und später?“
Er sah sie an.
Seine Augen waren gerötet.
„Später habe ich dich wirklich geliebt.“
Anna schüttelte langsam den Kopf.
„Du kannst nicht erwarten, dass ich dir dafür dankbar bin, dass du mich erst benutzt und dich dann in mich verliebt hast.“
„Das tue ich nicht.“
„Du hast mir die Möglichkeit genommen, selbst zu entscheiden, ob ich dieses Risiko eingehen will.“
„Ich weiß.“
„Du hast mir meine eigene Geschichte vorenthalten.“
„Ich weiß.“
„Und du hast mich in ein Leben hineingezogen, von dem ich nicht einmal wusste, dass es existiert.“
Daniel atmete schwer aus.
„Ich weiß, Anna.“
Sie sah ihn lange an.
Dann nahm sie den Ring, den sie zuvor abgezogen hatte, und legte ihn auf den Tisch.
„Ich werde morgen früh gehen.“
Daniel blickte auf den Ring.
„Wohin?“
„Das geht dich nichts an.“
Er nickte langsam.
„Gut.“
Diese Antwort überraschte sie.
Sie hatte erwartet, dass er protestieren würde. Dass er versuchen würde, sie aufzuhalten oder ihr zu erklären, warum sie bleiben sollte.
Doch Daniel stand nur auf und ging zur Tür.
Dort blieb er stehen.
„Wenn du morgen zu Alex gehst, nimm die Mappe mit.“
Anna erstarrte.
„Woher weißt du, dass ich sie habe?“
Daniel drehte sich um.
„Weil ich sie dort versteckt habe.“
Sie starrte ihn an.
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