00:17 Uhr – München, Deutschland

Anna wagte nicht, sich zu bewegen.

Die Spitze ihres Brautkleides lag auf dem kalten Holzboden. Unter dem Bett roch es nach Staub, Holzpolitur und den weißen Rosen, die ihr Mann am Morgen hatte liefern lassen. Ein einzelnes Blütenblatt war unter die Bettkante geweht worden und klebte nun an ihrem Handgelenk.

Sie spürte es kaum.

Ihre ganze Aufmerksamkeit galt den Schuhen vor ihr.

Schwarzes Leder. Perfekt poliert. Der rechte Schuh wippte leicht auf und ab, während Daniel telefonierte.

Daniel.

Ihr Ehemann.

Vor wenigen Stunden hatte er ihre Hände gehalten und ihr versprochen, sie niemals anzulügen. Er hatte ihr einen Ring an den Finger gesteckt, sie vor ihren Familien geküsst und ihr ins Ohr geflüstert, dass von diesem Tag an alles anders werden würde.

Jetzt saß er über ihr und sprach über ihren Bruder, als wäre Alex ein Problem, das vor Sonnenaufgang beseitigt werden musste.

„Ich habe dich etwas gefragt“, sagte Daniel ins Telefon.

Eine Pause.

„Nein, ich will keine Ausreden hören. Du hattest drei Tage Zeit.“

Anna hielt den Atem an.

Drei Tage.

Genau so lange war Alex verschwunden.

Sie erinnerte sich an den letzten Anruf ihres Bruders. Er hatte am frühen Abend angerufen, während sie mit ihrer Hochzeitsplanerin über die Tischordnung diskutiert hatte.

Sie hatte den Anruf weggedrückt.

Dann hatte sie ihm eine Nachricht geschrieben:

*Ich rufe dich morgen zurück. Heute ist alles etwas chaotisch. Hab dich lieb.*

Alex hatte mit einem einzigen Wort geantwortet.

*Anna.*

Nicht *Alles gut*.

Nicht *Viel Glück*.

Nur ihren Namen.

Damals hatte sie sich nichts dabei gedacht.

Jetzt wünschte sie sich, sie hätte sofort zurückgerufen.

„Hör mir genau zu“, sagte Daniel.

Seine Stimme war so leise geworden, dass Anna sich noch stärker konzentrieren musste.

„Alex besitzt die Originalunterlagen. Solange er sie hat, können wir nichts tun. Wenn diese Dokumente morgen bei der Polizei landen, ist alles vorbei.“

Wieder schwieg er.

Dann lachte er kurz, ohne jede Freude.

„Nein. Ich werde nicht selbst hinfahren. Dafür habe ich dich.“

Anna spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

Wer war am anderen Ende der Leitung?

Und welche Dokumente waren so wichtig, dass Daniel ihretwegen seinen eigenen Schwager bedrohte?

Plötzlich knackte das Bettgestell.

Anna zuckte zusammen.

Daniel verstummte mitten im Satz.

Die Stille, die darauf folgte, war schlimmer als jedes Geräusch.

Langsam senkten sich seine Schuhe zum Boden. Er beugte sich vor.

Anna sah den Schatten seiner Hand auf dem Parkett.

„Was war das?“, murmelte er.

Sie presste beide Hände vor ihren Mund.

Bitte.

Bitte geh einfach zur Tür.

Bitte schau nicht nach unten.

Daniel stand auf und ging zwei Schritte zum Fenster. Er zog den Vorhang ein Stück auseinander. Draußen glänzten die nassen Straßen Münchens unter den Laternen. In der Ferne fuhr eine Straßenbahn vorbei.

„Wahrscheinlich nur das Holz“, sagte er ins Telefon.

Er klang nicht überzeugt.

Dann drehte er sich wieder um.

„Wir haben ein Problem.“

Anna hörte ein leises Geräusch.

Er machte ein Foto.

Von ihrem Brautstrauß.

Der Strauß, den sie auf dem Nachttisch abgelegt hatte, lag jetzt auf dem Boden. Einige weiße Rosen waren herausgefallen, als sie sich unter das Bett geschoben hatte.

Daniel betrachtete die Blumen.

Dann blickte er langsam auf das Bett.

„Ich glaube“, sagte er ins Telefon, „meine Frau ist noch wach.“

Anna schloss die Augen.

Ihr Herz schlug so heftig, dass sie glaubte, der Boden müsse unter ihr vibrieren.

Daniel ging zur Tür.

Seine Schritte wurden leiser.

Dann hörte sie, wie die Tür ins Schloss fiel.

Eine Sekunde verging.

Zwei.

Fünf.

Anna blieb regungslos liegen.

Erst als sie glaubte, allein zu sein, wagte sie, die Hände von ihrem Mund zu nehmen.

Sie sog die Luft ein und versuchte, nicht zu schluchzen.

Sie musste hier weg.

Sofort.

Doch gerade als sie sich auf die Ellbogen stützen wollte, hörte sie ein Geräusch von der anderen Seite der Tür.

Ein Schlüssel.

Jemand schloss ab.

Anna erstarrte erneut.

Dann erklang Daniels Stimme, diesmal direkt vor dem Schlafzimmer.

„Ich weiß, dass du da bist, Anna.“

Ihr Blut schien in ihren Adern stillzustehen.

„Komm heraus, Liebling.“

Er machte eine kurze Pause.

„Wir müssen reden.“

Anna blickte auf ihre linke Hand.

Der Ehering glänzte im schwachen Licht, das unter der Tür hindurchfiel.

Sie zog ihn langsam ab.

Und zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit verstand sie, dass sie ihren Mann vielleicht nie wirklich gekannt hatte.

—

### 00:24 Uhr – Das Zimmer ohne Ausgang

„Anna?“

Daniel klopfte einmal an die Tür.

Sie antwortete nicht.

„Ich weiß, dass du mich gehört hast.“

Seine Stimme klang jetzt beinahe freundlich.

Das machte alles noch schlimmer.

Anna tastete nach ihrem Handy. Sie hatte es in der kleinen Tasche ihres Brautkleides versteckt, bevor sie sich unter das Bett geschoben hatte.

Der Bildschirm leuchtete auf.

Drei verpasste Anrufe.

Alle von einer unbekannten Nummer.

Darunter eine Nachricht, die vor vier Minuten eingegangen war.