**Wenn du gerade mit Daniel allein bist, darfst du ihm unter keinen Umständen sagen, dass du die blaue Mappe gefunden hast.**
Anna starrte auf die Worte.
Die blaue Mappe?
Sie wusste nicht, wovon die Nachricht sprach.
Eine zweite Nachricht erschien.
**Alex hat versucht, dich zu warnen. Er hatte nicht genug Zeit.**
Anna tippte mit zitternden Fingern eine Antwort.
*Wer bist du?*
Die Nachricht wurde sofort zugestellt.
Doch es kam keine Antwort.
Draußen hörte sie Daniel seufzen.
„Du machst es dir unnötig schwer.“
Dann entfernten sich seine Schritte.
Anna wartete.
Als die Geräusche verschwunden waren, kroch sie langsam unter dem Bett hervor.
Ihre Knie schmerzten, und ihr Kleid war an mehreren Stellen zerknittert. Sie sah aus, als hätte sie die Nacht in einem fremden Haus verbracht, nicht in der Hochzeitssuite, die sie selbst ausgesucht hatte.
Sie stand auf und betrachtete den Raum.
Die Tür war verschlossen.
Die Fenster waren groß, doch das Zimmer befand sich weit über dem Boden. Sie würde nicht hinausgelangen, ohne sich in Gefahr zu bringen.
Im Flur hörte sie ein leises Geräusch.
Dann Stille.
Anna ging zur Badezimmertür und schloss sie hinter sich.
Dort angekommen, schaltete sie das Licht nicht ein. Sie wollte nicht, dass Daniel bemerkte, wo sie sich befand.
Sie öffnete den Wasserhahn, damit das Rauschen mögliche Geräusche überdeckte, und setzte sich auf den Rand der Badewanne.
Dann rief sie Alex an.
Mailbox.
Sie legte nicht auf.
„Alex“, flüsterte sie. „Bitte. Wenn du mich hören kannst, ruf zurück. Ich weiß nicht, was hier passiert. Daniel hat über dich gesprochen. Er hat gesagt, dass du noch lebst.“
Sie brach ab.
Ihre Stimme zitterte zu stark.
„Bitte sag mir, dass du in Sicherheit bist.“
Sie beendete die Nachricht und hielt das Handy mit beiden Händen fest.
Dann bemerkte sie etwas.
Die Badezimmertür hatte sich einen Spalt geöffnet.
Anna war sich sicher, sie geschlossen zu haben.
Langsam stand sie auf.
„Daniel?“
Keine Antwort.
Sie trat einen Schritt vor und sah durch den Türspalt in das Schlafzimmer.
Es war leer.
Doch auf dem Bett lag plötzlich ein Gegenstand, der vorher nicht dort gewesen war.
Ein kleiner schwarzer Schlüssel.
Daneben ein Zettel.
Anna ging zurück ins Zimmer und nahm den Zettel hoch.
Darauf stand:
*Du hast die falsche Person geheiratet.*
Unter dem Satz befand sich ein Datum.
Der 14. Oktober.
Morgen.
Anna drehte das Papier um.
Auf der Rückseite standen drei Wörter:
**Bahnhof. Gleis neun.**
Sie starrte auf die Nachricht.
Dann hörte sie hinter sich ein leises Klopfen.
Nicht an der Schlafzimmertür.
An der Wand.
Dreimal.
Anna drehte sich um.
Das Geräusch kam aus dem Bereich neben dem Kleiderschrank.
Dreimal erneut.
Sie ging langsam darauf zu und legte die Hand gegen die Wand.
Ein hohler Klang.
Dahinter musste sich ein Hohlraum befinden.
Anna schob die Tür des Kleiderschranks zur Seite. Zwischen den dunklen Holzpaneelen entdeckte sie eine schmale Linie, die sie zuvor für eine gewöhnliche Fuge gehalten hatte.
Sie drückte dagegen.
Nichts geschah.
Dann fiel ihr Blick auf den schwarzen Schlüssel.
Er passte in ein winziges Schloss, das beinahe vollständig von der Holzmaserung verdeckt wurde.
Mit zitternden Fingern steckte sie ihn hinein.
Ein leises Klicken ertönte.
Ein schmales Fach sprang auf.
Darin lag eine blaue Mappe.
Anna konnte kaum atmen.
Die Nachricht hatte recht gehabt.
Die Mappe existierte.
Sie zog sie heraus und öffnete sie.
Auf der ersten Seite stand der Name ihres Bruders.
**Alexander Weber.**
Darunter folgte ein Dokument mit dem Briefkopf einer Münchner Investmentgesellschaft, für die Daniel seit fünf Jahren arbeitete.
Anna begann zu lesen.
Schon nach wenigen Zeilen wurde ihr klar, dass es nicht um eine gewöhnliche geschäftliche Auseinandersetzung ging.
Die Dokumente enthielten Überweisungen, geheime Verträge und Kopien von E-Mails. Mehrere Zahlungen waren über Konten abgewickelt worden, die offiziell gar nicht existieren sollten.
Neben einigen Transaktionen standen handschriftliche Kürzel.
D.H.
Daniel Hayes.
Ihr Mann.
Sie blätterte weiter.
Auf der letzten Seite befand sich eine Liste mit Namen.
Dreizehn Namen.
Der erste war Daniels Vater.
Der vierte gehörte dem Leiter einer großen Münchner Privatbank.
Der siebte war der Name eines ehemaligen Polizeibeamten.
Und der dreizehnte …
Anna ließ die Mappe beinahe fallen.
Es war ihr eigener Name.
**Anna Weber.**
Darunter stand:
*Zugang durch Heirat. Vollmacht nach Eheschließung aktivieren.*
Sie las den Satz erneut.
Dann noch einmal.
Die Hochzeit.
Die Vollmacht.
Die Dokumente.
Alles war miteinander verbunden.
Sie hatte geglaubt, Daniel habe sie geheiratet, weil er sie liebte.
Doch wenn diese Unterlagen echt waren, hatte jemand ihre Ehe von Anfang an als Teil eines Plans betrachtet.
Ihr Telefon vibrierte.
Eine neue Nachricht.
**Du hast die Mappe gefunden. Gut. Jetzt musst du entscheiden, wem du sie anvertraust.**
Anna tippte:
*Wer bist du?*
Diesmal kam die Antwort sofort.
**Jemand, der Alex geholfen hat, zu verschwinden.**
Anna hielt inne.
*Ist er am Leben?*
Die Antwort ließ lange auf sich warten.
Dann erschien ein einzelnes Wort.
**Ja.**
Anna schloss die Augen.
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