Für einen Augenblick verschwanden die Angst und die Verwirrung. Sie dachte nur an ihren Bruder, an seine Stimme und an die letzte Nachricht, die sie ihm geschickt hatte.

*Ich rufe dich morgen zurück.*

Sie presste die Lippen zusammen.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie.

Dann erschien eine weitere Nachricht.

**Aber Daniel ist nicht der Einzige, vor dem du dich fürchten musst.**

Bevor Anna antworten konnte, hörte sie einen Schlüssel im Schloss der Schlafzimmertür.

Sie fuhr herum.

Die Mappe glitt ihr aus den Händen.

Daniel kam zurück.

Und diesmal war er nicht allein.

—

### 00:39 Uhr – Der Mann im grauen Mantel

Anna schob die blaue Mappe unter das Bett und richtete sich auf.

Die Schlafzimmertür öffnete sich.

Daniel trat ein.

Hinter ihm stand ein älterer Mann in einem grauen Mantel. Sein Haar war silbern, sein Gesicht schmal. Er trug keine sichtbare Waffe und machte keinerlei bedrohliche Bewegung.

Doch etwas an seiner ruhigen Haltung ließ Anna sofort misstrauisch werden.

Daniel schloss die Tür.

„Anna“, sagte er. „Du solltest längst schlafen.“

Sie sah ihn an.

„Wer ist das?“

Der Mann lächelte höflich.

„Mein Name ist Markus Stein. Ich bin ein alter Freund deines Mannes.“

„Um Mitternacht? In unserer Hochzeitsnacht?“

„Es tut mir leid, dass wir dich geweckt haben.“

Anna lachte kurz auf.

Es war kein fröhliches Lachen.

„Ihr habt mich nicht geweckt. Ich war die ganze Zeit wach.“

Daniel sah sie aufmerksam an.

„Warum?“

„Weil du über meinen Bruder gesprochen hast.“

Ein kaum wahrnehmbares Zucken ging über sein Gesicht.

Markus Stein bemerkte es ebenfalls.

„Du hast also etwas gehört“, sagte der ältere Mann.

Anna verschränkte die Arme.

„Genug, um zu wissen, dass ihr mir etwas verheimlicht.“

Daniel trat einen Schritt näher.

„Anna, hör mir zu. Es gibt Dinge, die du noch nicht verstehst.“

„Dann erklär sie mir.“

„Das ist kompliziert.“

„Nein“, sagte sie. „Kompliziert ist, wenn man nicht weiß, welchen Tisch man bei der Hochzeit für die Familie reservieren soll. Kompliziert ist, wenn der Caterer die falsche Torte liefert.“

Sie zeigte auf die Tür.

„Das hier ist etwas anderes. Du hast am Abend unserer Hochzeit mit jemandem telefoniert und gesagt, dass mein Bruder bis zum Morgen erledigt sein muss. Was bedeutet das?“

Daniel schwieg.

„Lebt Alex?“, fragte sie.

Der ältere Mann blickte Daniel an.

Ein einziger Blick.

Doch Anna sah ihn.

Und plötzlich begriff sie, dass die beiden sich nicht erst seit heute kannten.

Sie hatten diese Unterhaltung erwartet.

Vielleicht hatten sie sogar darüber gesprochen, was sie tun würden, falls Anna davon erfuhr.

„Antwortet mir!“, rief sie.

Markus Stein hob beschwichtigend die Hand.

„Dein Bruder lebt.“

Anna spürte, wie ihre Knie weich wurden.

„Wo ist er?“

„Das kann ich dir im Moment nicht sagen.“

„Warum nicht?“

„Weil wir nicht wissen, wer alles zuhört.“

Sie blickte zur Decke, zu den Wänden, zum Fernseher.

„Was soll das bedeuten?“

Markus ging zum Fenster und betrachtete die Stadt.

„Vor vier Jahren hat Alex Unterlagen entdeckt, die auf schwere finanzielle Unregelmäßigkeiten in mehreren Unternehmen hinwiesen. Er wollte sie öffentlich machen. Doch bevor er damit zur Polizei gehen konnte, wurde ihm klar, dass einige der Personen, gegen die er Beweise gesammelt hatte, Kontakte zu Menschen hatten, die eigentlich für die Aufklärung solcher Fälle zuständig sein sollten.“

Anna dachte an den ehemaligen Polizeibeamten auf der Liste.

„Also ist er verschwunden?“

„Er musste untertauchen.“

„Und warum hat er sich nicht bei mir gemeldet?“

Markus antwortete nicht sofort.

„Weil jemand deine Nachrichten überwacht hat.“

Anna blickte zu Daniel.

„Wusstest du davon?“

Daniel senkte den Kopf.

Das war Antwort genug.

Anna trat zurück, als hätte der Abstand zwischen ihnen plötzlich eine Bedeutung bekommen.

„Du hast zugelassen, dass ich glaubte, mein Bruder hätte mich verlassen.“

„Ich wollte dich schützen.“

„Indem du mich angelogen hast?“

„Indem ich dafür gesorgt habe, dass du nichts wusstest, was dich in Gefahr bringen könnte.“

„Du hast mich geheiratet!“

Ihre Stimme hallte durch das Zimmer.

„Du hast mir versprochen, dass wir ehrlich miteinander sein würden. Du hast mir gesagt, dass ich dir alles erzählen kann. Und während ich geglaubt habe, dass wir unser gemeinsames Leben beginnen, hast du bereits gewusst, dass mein Bruder verfolgt wird.“

Daniel sah aus, als wollte er etwas sagen.

Doch Anna ließ ihn nicht.

„Hast du mich überhaupt geliebt?“

Stille.

Markus Stein wandte sich vom Fenster ab.

Daniel sah Anna lange an.

„Ja.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Dann warum fühlt sich alles, was du getan hast, wie eine Lüge an?“

Er hatte keine Antwort.

Und zum ersten Mal sah Anna, dass Daniel nicht nur Angst davor hatte, die Kontrolle zu verlieren.

Er hatte Angst davor, dass sie ihn wirklich sah.

Nicht den erfolgreichen Geschäftsmann.

Nicht den charmanten Mann, den ihre Familie bewundert hatte.

Sondern den Menschen, der eine Entscheidung getroffen hatte, deren Folgen er nicht mehr kontrollieren konnte.

Markus räusperte sich.

„Wir müssen die Mappe finden.“

Anna erstarrte.

„Welche Mappe?“

Der ältere Mann sah sie direkt an.