„Du verstehst nicht, was du dort finden wirst.“

„Dann erklär es mir.“

„Ich kann nicht.“

„Du kannst nicht oder du willst nicht?“

Sie atmete zittrig ein.

„Wenn du diesen Keller betrittst, wird nichts mehr so sein wie zuvor.“

Lukas sah durch das Tor auf das alte Haus.

„Das ist mein ganzes Leben bereits nicht mehr.“

Er legte auf.

Dann wandte er sich an Keller.

„Rufen Sie einen Anwalt an, wenn Sie möchten. Aber wir werden das Grundstück nicht gewaltsam betreten. Wir werden den rechtmäßigen Zugang klären.“

Dr. Berger nickte zustimmend.

„Ich werde sofort eine formelle Anfrage stellen. Wenn es Beweise für eine unrechtmäßige Übertragung gibt, werden wir die zuständigen Stellen einschalten.“

Keller sah zwischen ihnen hin und her.

Dann schloss er die Augen.

„Es gibt noch etwas, das Sie wissen sollten.“

„Was?“, fragte Lukas.

Der Mann griff in seine Manteltasche und zog einen kleinen Messingschlüssel heraus.

„Isabella hat mir diesen Schlüssel nicht abgenommen.“

Lukas starrte ihn an.

„Warum geben Sie ihn mir?“

Keller blickte auf den Boden.

„Weil ich Ihrem Vater etwas versprochen habe.“

Lukas hielt den Atem an.

„Welchem Vater?“

Keller hob den Blick.

„Martin.“

Für einen Augenblick sagte niemand etwas.

Dann fuhr Keller fort:

„Er kam vor vielen Jahren hierher. Kurz bevor er starb. Er sagte, eines Tages würde ein junger Mann kommen, der dieselben Augen hätte wie Viktor. Wenn dieser Tag käme, sollte ich ihm den Schlüssel geben.“

Lukas nahm den Schlüssel.

Er war kalt und schwer in seiner Hand.

„Was öffnet er?“

Keller blickte zum Kellerfenster.

„Eine Schublade in einem alten Schreibtisch.“

„Und was liegt darin?“

Der Mann antwortete erst nach einer langen Pause.

„Ein Beweis dafür, dass Ihr Vater nicht einfach verschwunden ist.“

Lukas spürte, wie sein Herz schneller schlug.

„Viktor lebt doch.“

„Ich spreche nicht von Viktor.“

Keller sah ihn an.

„Ich spreche von Martin.“

Teil 7: Die Wahrheit über Martins Tod
Auf der Rückfahrt sagte Lukas kaum ein Wort.

Martin war seit Jahren tot.

Er hatte am Grab gestanden. Er hatte Blumen niedergelegt. Er hatte die letzten Erinnerungsstücke in einer kleinen Schachtel aufbewahrt.

Und nun behauptete ein Fremder, Martin habe vor seinem Tod etwas entdeckt, das mit Viktor und dem alten Haus zusammenhing.

Als sie bei Anna ankamen, saß sie am Küchentisch und sortierte alte Fotografien.

Lukas legte den Messingschlüssel vor sie.

Ihre Hände erstarrten.

„Woher hast du den?“

„Vom Haus am See.“

Anna schloss die Augen.

„Martin war dort.“

„Du wusstest davon?“

Sie nickte langsam.

„Er war wenige Wochen vor seinem Tod dort. Er sagte, er müsse etwas erledigen.“

„Warum hast du mir das nie erzählt?“

„Weil er mich darum gebeten hat.“

Lukas setzte sich ihr gegenüber.

„Mama, bitte. Ich kann nicht noch einmal erfahren, dass alle um mich herum etwas wussten, das ich nicht wissen durfte.“

Anna sah ihn lange an.

Dann stand sie auf und ging zu einem alten Schrank.

Aus einer Schublade holte sie eine kleine Holzkiste.

Sie stellte sie auf den Tisch und öffnete sie.

Darin lagen Fotos, ein abgenutzter Schlüsselanhänger und mehrere Briefe.

„Martin hat mir diese Sachen gegeben“, sagte sie. „Er sagte, ich solle sie erst herausgeben, wenn du die Wahrheit über Viktor erfahren hast.“

Lukas nahm einen der Briefe.

Auf dem Umschlag stand sein Name.

Die Handschrift kannte er sofort.

Martins.

Mein lieber Lukas,

wenn du diesen Brief liest, hast du wahrscheinlich bereits Fragen gestellt, auf die ich dir selbst keine Antwort mehr geben kann.

Ich möchte, dass du eines weißt: Ich habe dich niemals als Ersatz für ein anderes Kind gesehen. Du warst mein Sohn, lange bevor du verstehen konntest, was das bedeutet.

Ich habe dich nicht großgezogen, weil ich dazu verpflichtet war. Ich habe dich großgezogen, weil ich dich liebte.

Doch es gibt eine Sache, die ich dir nicht sagen konnte.

Viktor Falkenstein verschwand nicht einfach aus meinem Leben. Ich habe ihm geholfen, sich zu verstecken.

Lukas blickte auf.

Anna presste ein Taschentuch an ihre Lippen.

Er las weiter.

Vor vielen Jahren entdeckte ich, dass Menschen aus Viktors unmittelbarem Umfeld versuchten, die Kontrolle über seine Unternehmen zu übernehmen. Es gab Dokumente, die seine Unterschrift trugen, obwohl er sie nie unterzeichnet hatte.

Viktor wollte die Angelegenheit öffentlich machen. Doch kurz davor verschwand Elisabeth.

Er glaubte, dass auch Lukas in Gefahr sein könnte. Ich brachte dich deshalb zu mir und Anna. Wir gaben dir ein neues, ruhiges Leben.

Viktor wollte zurückkehren, sobald die Gefahr vorüber war. Doch jemand hatte dafür gesorgt, dass jeder Hinweis auf ihn verschwand.

Ich habe ihn jahrelang gesucht.

Als ich schließlich einen Beweis fand, war ich bereits schwer krank.

Ich wollte dir die Wahrheit erzählen, aber ich hatte Angst, dass du dich auf die Suche nach Menschen machen würdest, die dir schaden könnten.

Wenn du heute diesen Brief liest, hoffe ich, dass du älter bist als ich es damals war, als ich die falsche Entscheidung traf.