Er hätte sich über das Erbe freuen können, über die Aussicht, dass sein Vermögen endlich in die Hände seines leiblichen Sohnes gelangen würde.

Doch in diesem Augenblick verstand er, dass er Lukas nichts schenken konnte, was Anna ihm nicht bereits gegeben hatte.

Eine Familie.

Ein Zuhause.

Und die Gewissheit, dass Liebe nicht davon abhing, wie viel Geld jemand besaß.

Viktor trat näher.

„Lukas, darf ich dich um etwas bitten?“

Lukas sah auf.

„Was?“

„Lass mich dich kennenlernen. Nicht als Erbe. Nicht als Falkenstein. Einfach als deinen Vater.“

Lukas betrachtete ihn lange.

„Ich weiß nicht, ob ich das kann.“

Viktor nickte.

„Das verstehe ich.“

„Ich habe bereits einen Vater gehabt.“

„Martin“, sagte Viktor leise.

„Ja. Er hat mich großgezogen. Er hat mich beschützt. Er war bei mir, wenn ich Angst hatte. Er hat mir beigebracht, ehrlich zu sein.“

Viktor schluckte.

„Dann muss ich dir nichts wegnehmen. Ich möchte nur die Chance bekommen, dich kennenzulernen.“

Lukas blickte zu Anna.

Sie nickte kaum merklich.

„Wir können reden“, sagte Lukas schließlich. „Aber ich verspreche Ihnen nichts.“

Viktor lächelte unter Tränen.

„Mehr verlange ich nicht.“

Teil 5: Das verschwundene Testament
Am nächsten Morgen erwachte Lukas in seinem Haus am Stadtrand von München.

Er hatte kaum geschlafen.

Die Bilder des vergangenen Tages gingen ihm immer wieder durch den Kopf: seine Mutter unter dem Rosenbogen, Isabellas kalter Blick, der Brief von Martin und der alte Mann, der plötzlich aus einer längst vergangenen Welt aufgetaucht war.

Auf dem Küchentisch lagen die Dokumente, die Viktor ihm überlassen hatte.

Daneben stand eine Tasse Kaffee, die längst kalt geworden war.

Lukas nahm sein Telefon und wählte die Nummer seines langjährigen Freundes Daniel.

„Du musst sofort herkommen.“

„Was ist passiert?“

„Ich glaube, mein ganzes Leben war eine Lüge.“

Eine Stunde später saßen sie gemeinsam am Küchentisch.

Daniel las die Unterlagen sorgfältig durch.

„Das ist unglaublich“, sagte er schließlich.

„Das ist nicht das Wort, das mir dazu einfällt.“

„Hast du mit Viktor gesprochen?“

„Ja.“

„Und glaubst du ihm?“

Lukas dachte nach.

„Ich glaube, dass er die Wahrheit herausfinden will. Aber ich weiß nicht, wie viel er selbst weiß.“

Daniel legte die Dokumente beiseite.

„Dann brauchen wir jemanden, der die Unterlagen unabhängig überprüft.“

„Dr. Berger kümmert sich darum.“

„Gut. Und was ist mit Isabella?“

Lukas blickte aus dem Fenster.

„Ich will sie nicht hassen. Aber ich kann ihr nicht mehr vertrauen.“

In diesem Moment klingelte es an der Haustür.

Lukas stand auf und öffnete.

Vor ihm stand eine junge Frau mit einer Ledermappe.

Es war dieselbe Frau, die Viktor am Abend zuvor begleitet hatte.

„Guten Morgen, Herr Lukas Falkenstein.“

Er verzog das Gesicht.

„Bitte nennen Sie mich einfach Lukas.“

„Natürlich. Mein Name ist Clara Weiss. Ich arbeite für die Stiftung, die Herrn Falkensteins private Unterlagen verwaltet.“

Sie reichte ihm einen Umschlag.

„Herr Falkenstein hat mich gebeten, Ihnen dieses Dokument zu übergeben. Er sagte, Sie sollten es allein lesen, wenn Sie bereit dazu sind.“

Lukas nahm den Umschlag.

„Was ist darin?“

Clara zögerte.

„Ein Nachtrag zu einem Testament aus dem Jahr 2002.“

Lukas blickte sie scharf an.

„Warum hat Viktor mir das nicht selbst gegeben?“

„Weil er glaubt, dass der Inhalt Sie verletzen könnte.“

Lukas öffnete den Umschlag.

Das Dokument war kurz.

Es enthielt eine Erklärung, dass Lukas im Fall einer bestätigten Identität Anspruch auf einen erheblichen Teil des persönlichen Familienvermögens hatte.

Doch darunter stand ein handschriftlicher Zusatz.

Sollte mein Sohn jemals gefunden werden, darf die Übertragung erst erfolgen, nachdem sämtliche Umstände seines Verschwindens unabhängig untersucht wurden.

Und daneben stand ein zweiter Name.

Heinrich Brandt.

Lukas blickte auf.

„Der Großvater von Isabella.“

Clara nickte.

„Es gibt noch etwas.“

Sie nahm einen zweiten Umschlag aus ihrer Tasche.

„Dieser Brief wurde erst vor wenigen Wochen im Archiv gefunden. Er stammt von Ihrer verstorbenen Mutter.“

Lukas erstarrte.

„Von meiner Mutter? Anna?“

„Nein. Von Ihrer leiblichen Mutter.“

Die Welt schien für einen Augenblick stillzustehen.

„Meine leibliche Mutter?“

Clara nickte.

„Ihr Name war Elisabeth Falkenstein. Sie starb, als Sie noch sehr klein waren.“

Lukas konnte kaum sprechen.

„Ich dachte, meine Mutter wäre Anna.“

„Anna ist die Frau, die Sie großgezogen hat. Und sie ist ohne jeden Zweifel Ihre Mutter im Herzen. Aber Elisabeth war Ihre leibliche Mutter.“

Lukas setzte sich.

Er hatte geglaubt, die größte Wahrheit seines Lebens bereits erfahren zu haben.

Jetzt öffnete sich eine weitere Tür.

„Was steht in dem Brief?“

Clara legte ihn auf den Tisch.

„Ich glaube, Sie sollten ihn selbst lesen.“

Lukas löste vorsichtig das Siegel.

Die Handschrift war elegant, aber an manchen Stellen verwischt.

Mein geliebter Sohn,

wenn du diesen Brief jemals liest, bedeutet das, dass du alt genug bist, um die Fragen zu stellen, die ich dir selbst nicht beantworten konnte.

Dein Vater liebt dich. Daran sollst du niemals zweifeln.

Aber unsere Familie ist nicht so, wie sie nach außen erscheint.