Dreihundert Gäste saßen zwischen weißen Rosen, goldenen Kerzenständern und funkelnden Kronleuchtern. Noch wenige Minuten zuvor hatten sie gelacht, Champagner getrunken und auf das glückliche Brautpaar gewartet.
Jetzt wagte kaum jemand zu sprechen.
Lukas hielt das alte Foto in der einen Hand und den vergilbten Brief in der anderen. Seine Mutter Anna stand dicht neben ihm. Ihre Finger zitterten, und in ihren Augen lag eine Traurigkeit, die er noch nie zuvor so deutlich gesehen hatte.
„Mama“, sagte er leise. „Bitte sag mir, was hier wirklich passiert ist.“
Anna öffnete den Mund, doch zunächst kam kein Wort über ihre Lippen.
„Ich habe so viele Jahre geschwiegen“, flüsterte sie schließlich. „Nicht, weil ich dich belügen wollte. Ich hatte Angst.“
„Angst wovor?“
Sie blickte über seine Schulter hinweg zu Isabella.
In diesem Augenblick veränderte sich das Gesicht seiner Braut.
Es war nur ein kurzer Moment. Ein kaum wahrnehmbares Zucken um ihre Augen. Doch Lukas bemerkte es.
„Isabella“, fragte er langsam, „warum siehst du meine Mutter so an?“
Die Braut zwang sich zu einem Lächeln.
„Weil ich nicht verstehe, warum wir an unserem Hochzeitstag über einen fremden Mann sprechen müssen. Lukas, deine Mutter ist offensichtlich verwirrt. Vielleicht sollten wir sie in einen Nebenraum bringen, ihr etwas zu essen geben und später in Ruhe mit ihr reden.“
Anna senkte beschämt den Blick.
„Ich brauche nichts, mein Kind. Ich wollte nur, dass du den Brief bekommst.“
„Hör auf, sie so zu nennen!“, fuhr Lukas seine Braut an.
Isabella zuckte zusammen.
Lukas hatte sie in den drei Jahren ihrer Beziehung noch nie vor anderen Menschen so angesprochen.
„Sie ist meine Mutter. Und du wirst sie mit Respekt behandeln.“
Ein leises Raunen ging durch die Reihen.
In der ersten Reihe erhob sich ein älterer Herr mit silbernem Haar. Es war Dr. Friedrich Berger, ein angesehener Anwalt, der seit Jahrzehnten mit großen Familienunternehmen arbeitete. Er war als Gast eingeladen worden, weil er Lukas bei mehreren geschäftlichen Angelegenheiten beraten hatte.
Als er den Namen auf dem Foto las, verlor er für einen Augenblick seine Fassung.
„Darf ich dieses Bild sehen?“, fragte er.
Lukas reichte es ihm.
Der Anwalt betrachtete das Foto lange. Dann zog er seine Brille ab und sah Anna an.
„Gnädige Frau … woher haben Sie dieses Bild?“
Anna atmete tief durch.
„Viktor hat es mir gegeben.“
„Viktor Falkenstein?“
Sie nickte.
Der Anwalt setzte sich langsam wieder.
„Dann ist es also wahr“, murmelte er.
Lukas trat einen Schritt näher.
„Was ist wahr? Warum kennt jeder diesen Namen, nur ich nicht?“
Dr. Berger blickte zu den Gästen. Viele hatten sich inzwischen von ihren Plätzen erhoben. Einige flüsterten miteinander, andere beobachteten Isabella, deren Gesicht immer blasser wurde.
„Herr Falkenstein war vor über zwanzig Jahren einer der einflussreichsten Unternehmer des Landes“, erklärte der Anwalt. „Sein Konzern besaß Immobilien, Hotels, Industrieanlagen und zahlreiche Beteiligungen. Dann verschwand er plötzlich. Kurz darauf begann ein jahrelanger Streit um sein Vermögen.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“, fragte Lukas.
Der Anwalt schwieg.
Anna nahm ihrem Sohn vorsichtig den Brief aus der Hand.
„Lukas, bevor du ihn liest, musst du eines wissen: Ich habe dich immer geliebt. Ganz gleich, wer dein Vater war und was die Menschen über ihn erzählen.“
„Mama, ich weiß, dass du mich liebst.“
„Nein“, flüsterte sie. „Du weißt nicht, was ich alles getan habe, damit du ein normales Leben führen konntest.“
Dann faltete sie den Brief auseinander.
Ihre Augen wanderten über die ersten Zeilen. Als sie die Stimme ihres verstorbenen Mannes in den handgeschriebenen Worten wiederzuerkennen schien, liefen ihr Tränen über die Wangen.
„Ich kann das nicht allein vorlesen“, sagte sie.
Lukas legte den Arm um ihre Schultern.
„Dann lesen wir es zusammen.“
Er nahm den Brief und begann.
Der letzte Brief eines verschwundenen Mannes
Für meinen Sohn Lukas.
Wenn du diese Zeilen liest, bin ich vielleicht nicht mehr in der Lage, dir selbst die Wahrheit zu erklären.
Es gibt Dinge, die ich aus Angst verschwiegen habe. Und es gibt Entscheidungen, die ich getroffen habe, weil ich glaubte, dich dadurch beschützen zu können.
Ich war nicht dein leiblicher Vater.
Lukas hielt inne.
Einige Gäste schlugen sich die Hand vor den Mund.
Anna schloss die Augen.
„Nein“, flüsterte Lukas. „Das kann nicht sein.“
Doch seine Augen wanderten weiter über die Zeilen.
Als ich deine Mutter kennenlernte, warst du noch sehr klein. Sie hatte bereits zu viel verloren und wollte dich vor einer Welt schützen, die sie nicht verstand.
Ich versprach ihr, dich wie meinen eigenen Sohn großzuziehen. Und dieses Versprechen war für mich niemals eine Last. Du warst mein Sohn, weil ich dich liebte.
Doch ich wusste, dass eines Tages jemand nach dir suchen würde.
Dein leiblicher Vater war Viktor Falkenstein.
Lukas’ Knie wurden weich.
Er stützte sich auf die Tischkante neben dem Rosenbogen.
Der Mann, den ganz Deutschland für einen verschollenen Milliardär hielt, sollte sein Vater sein?
„Das ist unmöglich“, murmelte er.
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