Der Brief war noch nicht zu Ende.
Viktor war kein einfacher Mann. Er hatte Feinde, und nicht alle Menschen in seiner Nähe wollten sein Wohl. Als ich herausfand, dass jemand versuchte, seine Familie gegeneinander auszuspielen, brachte ich dich und deine Mutter in Sicherheit.
Ich nahm dich mit, als wäre ich dein Vater, denn ich wollte, dass du aufwächst, ohne dass Geld, Macht und Gier dein Leben bestimmen.
Wenn du eines Tages erwachsen bist, suche nicht zuerst nach seinem Vermögen. Suche nach der Wahrheit.
Und vertraue niemandem allein deshalb, weil er behauptet, dich zu lieben.
Dein Vater im Herzen.
Martin.
Lukas ließ den Brief sinken.
Martin.
Der Mann, den er sein ganzes Leben lang Papa genannt hatte.
Der Mann, der ihm das Fahrradfahren beigebracht, ihm bei den Hausaufgaben geholfen und ihm vor dem Schlafengehen Geschichten erzählt hatte.
Der Mann, von dem man ihm gesagt hatte, er sei gestorben, als Lukas noch ein Jugendlicher gewesen war.
„Mama“, flüsterte er, „hat Papa gewusst, wer mein leiblicher Vater war?“
Anna nickte.
„Ja.“
„Und warum hast du mir nie etwas gesagt?“
Ihre Schultern begannen zu beben.
„Weil Martin mich darum gebeten hat. Aber auch, weil ich Angst hatte, dass du dich auf die Suche nach Viktor machen würdest. Ich wusste nicht, wem ich vertrauen konnte. Ich wusste nur, dass ich dich nicht verlieren wollte.“
Lukas umarmte sie.
Für einen Augenblick verschwanden die Gäste, die Musik und die Hochzeit aus seinem Bewusstsein.
Es gab nur noch seine Mutter und den Mann, den er sein Leben lang als seinen Vater geliebt hatte.
Doch dann ertönte hinter ihnen eine Stimme.
„Das ist eine sehr bewegende Geschichte.“
Isabella.
Sie stand wieder kerzengerade da. Ihr Lächeln war zurückgekehrt, doch ihre Augen waren kalt.
„Aber ein alter Brief beweist gar nichts. Wir sollten nicht vergessen, dass wir hier sind, um zu heiraten.“
Lukas drehte sich zu ihr.
„Du hast den Namen Viktor Falkenstein gehört. Warum bist du so nervös?“
„Ich bin nicht nervös.“
„Dann beantworte mir eine Frage.“
Er hielt das Foto hoch.
„Hast du diesen Mann schon einmal gesehen?“
Isabella blickte auf das Bild.
Nur für eine Sekunde.
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Nein.“
Doch Dr. Berger stand plötzlich auf.
„Frau Isabella, ich würde Ihnen raten, diese Antwort noch einmal zu überdenken.“
Sie fuhr herum.
„Entschuldigung?“
Der Anwalt griff in seine Jackentasche und zog sein Mobiltelefon heraus.
„Vor ungefähr sechs Monaten wurde mein Büro mit der Prüfung eines vertraulichen Nachlassdokuments beauftragt. In diesem Dokument tauchte Ihr Name auf.“
Lukas starrte ihn an.
„Isabellas Name?“
„Ja.“
„Warum?“
Dr. Berger antwortete nicht sofort.
Dann sagte er einen Satz, der die Atmosphäre im Saal endgültig veränderte.
„Weil Isabella seit Monaten versucht, Zugang zu einem Vermögen zu bekommen, von dem sie behauptet hat, es existiere nicht mehr.“
Isabella wurde kreidebleich.
„Das ist eine Lüge!“
„Dann dürfte es Ihnen ja nichts ausmachen, wenn wir den zuständigen Nachlassverwalter anrufen.“
Sie riss den Kopf herum.
„Nein!“
Das Wort kam so schnell, dass selbst sie zu erschrecken schien.
Alle Augen richteten sich auf sie.
Lukas trat langsam auf seine Braut zu.
„Warum nicht?“
Isabella presste die Lippen zusammen.
„Weil du nicht weißt, worauf du dich einlässt.“
„Dann erklär es mir.“
„Nicht hier.“
„Du wolltest vor dreihundert Menschen meine Mutter hinauswerfen. Du hast dich nicht darum gekümmert, ob du sie verletzt. Jetzt wirst du mir sagen, was du weißt.“
Isabella blickte zu Anna.
Für einen Moment lag etwas in ihrem Gesicht, das Lukas nicht einordnen konnte.
Angst?
Schuld?
Oder beides?
„Du glaubst, ich hätte dich wegen deines Geldes geheiratet?“, fragte sie plötzlich.
Lukas antwortete nicht.
„Du glaubst, ich hätte drei Jahre meines Lebens damit verschwendet, nur um an ein Erbe zu kommen?“
„Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.“
Isabella lachte bitter.
„Dann frag deine Mutter, warum sie so lange gewartet hat.“
Anna erstarrte.
„Was soll das bedeuten?“, fragte Lukas.
Isabella hob das Kinn.
„Vielleicht ist nicht nur mein Schweigen das Problem.“
Dann griff sie nach ihrem Brautstrauß und warf ihn auf einen Stuhl.
„Ich gehe.“
Doch bevor sie den Saal verlassen konnte, öffnete sich die große Eingangstür.
Ein Mann in einem dunklen Anzug trat herein.
Er war ungefähr siebzig Jahre alt, hatte schneeweißes Haar und stützte sich auf einen eleganten Gehstock. Neben ihm ging eine junge Frau mit einer Ledermappe.
Der ältere Mann ließ seinen Blick durch den Saal wandern.
Als er Lukas sah, blieb er stehen.
Seine Lippen begannen zu zittern.
„Mein Gott“, flüsterte er. „Du siehst ihm so ähnlich.“
Dr. Berger richtete sich sofort auf.
„Herr Falkenstein?“
Der Mann nickte.
„Ich entschuldige mich für mein unangekündigtes Erscheinen. Aber ich habe soeben erfahren, dass dieser Brief heute öffentlich geworden ist.“
Lukas spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Sind Sie Viktor Falkenstein?“
Der alte Mann sah ihn lange an.
Dann stellte er seinen Gehstock zur Seite.
„Ja.“
Ein Aufschrei ging durch den Saal.
Lukas wich unwillkürlich einen Schritt zurück.
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