„Sie waren verschwunden.“
„Das hat man dir erzählt.“
„Man hat gesagt, Sie seien möglicherweise tot.“
„Es gab Menschen, die wollten, dass ich für tot gehalten werde.“
Viktor blickte zu Anna.
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Anna.“
Sie hielt Lukas’ Arm fester.
„Viktor.“
Zwischen ihnen lag eine Geschichte, die älter war als die Hochzeit, älter als Lukas’ Karriere und älter als jedes Gerücht über das Falkenstein-Vermögen.
„Warum kommen Sie jetzt?“, fragte Lukas.
Viktor sah ihn an.
„Weil ich endlich erfahren habe, dass du lebst.“
Lukas schüttelte den Kopf.
„Das ergibt keinen Sinn. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Ich bin zur Schule gegangen, habe gearbeitet, ein Unternehmen aufgebaut. Wie konnten Sie nicht wissen, dass ich lebe?“
Viktor senkte den Blick.
„Weil jemand dafür gesorgt hat, dass ich dich nicht finden konnte.“
Langsam wandte er sich Isabella zu.
„Und weil einige Menschen sehr viel davon profitiert haben.“
Isabella wich zurück.
„Sie können mir nichts beweisen.“
Viktor lächelte traurig.
„Das stimmt. Noch nicht.“
Dann nahm er die Ledermappe von seiner Begleiterin entgegen.
„Aber ich habe etwas mitgebracht, das heute eigentlich niemand sehen sollte.“
Er öffnete die Mappe.
Darin lag eine Kopie eines Testaments, mehrere alte Briefe und ein Dokument mit einem roten Siegel.
Lukas sah seinen eigenen Namen.
Darunter stand:
Alleiniger rechtmäßiger Erbe des persönlichen Nachlasses von Viktor Falkenstein, sofern seine Identität bestätigt wird.
Der Saal explodierte förmlich in Stimmen.
Lukas las die Zeile noch einmal.
„Alleiniger Erbe?“
Viktor nickte.
„Das Vermögen, über das seit Jahren gestritten wird, sollte niemals an entfernte Verwandte gehen. Ich hatte einen Sohn. Und ich habe nie aufgehört, nach ihm zu suchen.“
Lukas konnte kaum atmen.
„Wie viel?“
„Das ist nicht die wichtigste Frage.“
„Für mich schon“, antwortete Lukas. „Nicht, weil ich das Geld will. Sondern weil ich wissen muss, wie viele Menschen davon gewusst haben.“
Viktor sah ihn prüfend an.
Dann nickte er langsam.
„Das ist eine gute Frage.“
Er legte das Testament auf einen Tisch.
„Aber bevor du irgendeine Entscheidung triffst, musst du die ganze Wahrheit erfahren.“
Sein Blick wanderte erneut zu Isabella.
„Denn deine Verlobte hat eine Verbindung zu meiner Familie, die sie dir niemals erzählt hat.“
Teil 4: Das Geheimnis der Braut
Isabella stand regungslos da.
Ihr weißes Kleid, die Diamanten an ihrem Hals und die perfekt gesteckte Frisur wirkten plötzlich wie eine Verkleidung, hinter der sie sich nicht länger verstecken konnte.
„Sie haben kein Recht, hier über mich zu sprechen“, sagte sie.
Viktor hob eine Augenbraue.
„Du hast recht. Ich hätte es diskreter tun können. Aber du hast selbst entschieden, dass dieser Tag vor dreihundert Menschen stattfinden soll.“
„Sie kennen mich nicht!“
„Ich kenne deine Mutter.“
Isabella verstummte.
Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in diesem Saal schien sie wirklich die Kontrolle zu verlieren.
Lukas sah von ihr zu Viktor.
„Was hat ihre Mutter damit zu tun?“
Viktor setzte sich auf einen Stuhl. Seine Begleiterin reichte ihm ein Glas Wasser, doch er schien es kaum zu bemerken.
„Vor vielen Jahren arbeitete ich mit einem Mann namens Heinrich Brandt zusammen. Er war ein brillanter Finanzberater. Ich vertraute ihm. Er kannte meine geschäftlichen Angelegenheiten und wusste, welche Vermögenswerte meiner Familie gehörten.“
„Und?“, fragte Lukas.
„Eines Tages stellte ich fest, dass vertrauliche Unterlagen verschwunden waren. Kurz darauf gab es Unregelmäßigkeiten in mehreren Unternehmen. Ich begann, Nachforschungen anzustellen.“
Viktor machte eine Pause.
„Heinrich Brandt war der Vater von Isabellas Mutter.“
Lukas drehte sich langsam zu seiner Braut.
„Du bist die Enkelin dieses Mannes?“
Isabella hob das Kinn.
„Das ist kein Verbrechen.“
„Nein“, sagte Viktor ruhig. „Natürlich nicht. Niemand ist für die Entscheidungen seiner Familie verantwortlich.“
Für einen Augenblick wirkte Isabella erleichtert.
Dann fuhr Viktor fort.
„Aber einige Jahre später wurde ein Teil der fehlenden Unterlagen in einem Tresor gefunden, der deiner Mutter gehörte.“
Isabella wurde erneut blass.
„Meine Mutter hatte nichts damit zu tun.“
„Das habe ich nicht behauptet. Ich sage nur, dass ich seit damals nach den fehlenden Dokumenten suche.“
Lukas blickte auf die Mappe.
„Und was haben diese Dokumente mit mir zu tun?“
Viktor zog ein weiteres Blatt heraus.
„Sie beweisen, dass ein Teil meines Vermögens unter falschen Voraussetzungen übertragen wurde. Und dass jemand versucht hat, meinen Sohn aus den offiziellen Unterlagen verschwinden zu lassen.“
Anna griff sich an die Brust.
„Nein …“
Viktor sah sie an.
„Anna, ich wollte nie, dass du so lange allein mit dieser Angst leben musst.“
„Du weißt nicht, wie es war“, flüsterte sie. „Du weißt nicht, wie oft ich nachts aufgewacht bin, weil ich glaubte, jemand würde vor unserer Tür stehen.“
„Ich weiß es nicht“, sagte Viktor. „Und dafür bitte ich dich um Verzeihung.“
Diese Antwort schien Anna mehr zu erschüttern als jede Erklärung.
Sie hatte sich so viele Jahre auf Wut, Angst und Misstrauen verlassen, dass sie nicht wusste, was sie mit einer ehrlichen Entschuldigung anfangen sollte.
Lukas legte den Arm um sie.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



