Es gibt Menschen, die glauben, dass ein Familienname wichtiger ist als ein Menschenleben. Es gibt Menschen, die jedes Geheimnis bewahren würden, solange sie dadurch ihre Macht behalten.

Wenn du jemals nach der Wahrheit suchst, beginne nicht mit dem Geld.

Beginne mit dem Haus am See.

Lukas las den letzten Satz zweimal.

„Welches Haus am See?“

Clara öffnete ihre Mappe.

Darin befand sich ein Foto eines großen alten Hauses am Ufer des Starnberger Sees.

Vor dem Haus standen Viktor, eine junge Frau und ein kleiner Junge.

Der Junge war Lukas.

Die junge Frau war Elisabeth.

Auf der Rückseite stand:

Sommer 2001. Der letzte glückliche Tag.

Lukas starrte auf das Bild.

„Warum hat mir niemand davon erzählt?“

Clara antwortete vorsichtig.

„Das Haus wurde nach Elisabeths Tod verkauft. Zumindest steht es so in den offiziellen Unterlagen.“

„Und inoffiziell?“

Clara sah ihn ernst an.

„Inoffiziell gibt es Hinweise darauf, dass das Haus nie den Besitzer gewechselt hat.“

Lukas erhob sich.

„Wem gehört es heute?“

Clara schloss die Mappe.

„Das ist der Teil, den Herr Falkenstein noch nicht weiß.“

„Und Sie?“

Sie zögerte.

Dann sagte sie:

„Ich habe gestern Abend herausgefunden, dass die aktuelle Eigentümergesellschaft von einer Firma kontrolliert wird, deren Geschäftsführerin Isabella Brandt ist.“

Lukas wurde still.

Isabella.

Schon wieder Isabella.

Er blickte auf den Brief seiner leiblichen Mutter.

Beginne mit dem Haus am See.

Plötzlich begriff er, dass seine Hochzeit nicht der Anfang dieser Geschichte gewesen war.

Sie war nur der Moment gewesen, in dem die Vergangenheit beschlossen hatte, sich nicht länger verstecken zu lassen.

Teil 6: Das Haus, das niemand betreten durfte
Zwei Tage später fuhren Lukas, Daniel und Dr. Berger zum Starnberger See.

Anna wollte mitkommen, doch Lukas bat sie, sich auszuruhen.

„Ich möchte nicht, dass du noch einmal Angst haben musst“, sagte er.

Sie nahm sein Gesicht in beide Hände.

„Ich habe Angst, mein Sohn. Aber nicht davor, dass du die Wahrheit findest. Ich habe Angst, dass du glaubst, ich hätte dich weniger geliebt, weil ich dir nicht alles erzählt habe.“

Lukas umarmte sie.

„Das werde ich niemals glauben.“

Das Haus lag am Ende einer schmalen Straße, verborgen hinter alten Bäumen und einem hohen schmiedeeisernen Tor.

Es war größer, als Lukas es sich vorgestellt hatte.

Die Fassade war hell, die Fensterläden dunkelblau, und der Garten schien seit Jahren kaum gepflegt worden zu sein.

Doch das Tor war neu.

Eine Kamera hing neben dem Eingang.

Und auf dem Schild stand der Name einer Immobiliengesellschaft.

Dr. Berger prüfte seine Unterlagen.

„Die Firma wurde vor acht Jahren gegründet. Ihre Eigentümerstruktur ist ungewöhnlich kompliziert.“

Daniel zeigte auf ein schwarzes Auto, das vor dem Haus parkte.

„Wir sind nicht allein.“

Die Haustür öffnete sich.

Ein Mann in einem grauen Mantel trat heraus.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Lukas stellte sich vor.

Der Mann musterte ihn, und sein Gesicht veränderte sich.

„Sie sind also zurückgekommen.“

„Kennen Sie mich?“

„Ich kenne Ihr Gesicht.“

„Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Herr Keller. Ich kümmere mich um das Anwesen.“

„Für wen?“

Der Mann zögerte.

„Für die Eigentümerin.“

„Isabella Brandt?“

Keller antwortete nicht.

Das genügte.

Dr. Berger trat vor.

„Herr Keller, wir vertreten die Interessen von Lukas Falkenstein. Wir haben Grund zu der Annahme, dass dieses Anwesen mit einem alten Nachlassverfahren in Verbindung steht. Wir möchten die rechtliche Grundlage der Eigentumsübertragung prüfen.“

Keller wurde blass.

„Ich darf Sie nicht hineinlassen.“

„Warum nicht?“

„Weil ich Anweisungen habe.“

Lukas trat näher.

„Von wem?“

Keller blickte zum Haus.

Dann senkte er die Stimme.

„Von einer Frau, die hier vor drei Tagen war.“

„Isabella?“

Er nickte.

„Sie hat mir gesagt, dass ich niemanden hereinlassen soll. Ganz gleich, wer kommt.“

Lukas spürte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten.

„Hat sie etwas mitgenommen?“

Keller sah ihn lange an.

Dann flüsterte er:

„Einen Schlüssel.“

„Zu welchem Raum?“

Der Mann zögerte.

„Zum Keller.“

Dr. Berger wechselte einen Blick mit Daniel.

„Was befindet sich dort?“

Keller schluckte.

„Ein Raum, der seit mehr als zwanzig Jahren verschlossen ist.“

Lukas blickte auf das Haus.

Er wusste nicht, was ihn dort erwartete.

Aber zum ersten Mal seit dem Abend seiner Hochzeit hatte er das Gefühl, dass er der Wahrheit tatsächlich näherkam.

„Öffnen Sie das Tor“, sagte er.

Keller schüttelte den Kopf.

„Ich kann nicht.“

Lukas atmete tief durch.

„Dann rufen Sie Isabella an. Sagen Sie ihr, dass ich hier bin. Sagen Sie ihr, dass ich nicht mehr bereit bin, vor verschlossenen Türen zu warten.“

Keller nahm sein Telefon heraus.

Er wählte eine Nummer.

Es klingelte zweimal.

Dann hörten sie eine Stimme.

Isabellas Stimme.

„Ich habe dir gesagt, du sollst niemanden hineinlassen.“

Keller wurde nervös.

„Frau Brandt, es ist Lukas Falkenstein.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.

Dann sagte Isabella:

„Geben Sie ihm das Telefon.“

Keller reichte Lukas das Gerät.

„Lukas“, sagte sie. Ihre Stimme klang plötzlich ganz anders als bei der Hochzeit. Müde. Verzweifelt. Fast flehend.

„Bitte geh nach Hause.“

„Nein.“