„Mama, warum hast du mir nicht gesagt, dass du kommst?“
Lukas hielt seine Mutter fest, als hätte er Angst, sie könnte im nächsten Augenblick wieder verschwinden.
Anna zitterte in seinen Armen. Ihr alter Schal war an den Rändern ausgefranst, ihre Schuhe waren vom langen Weg mit Staub bedeckt, und ihre Hände umklammerten noch immer das grüne Stoffbündel.
„Mein Sohn“, flüsterte sie unter Tränen. „Ich wollte dich nur einmal sehen. Nur ein einziges Mal, bevor du dein neues Leben beginnst.“
Lukas löste sich ein wenig von ihr und betrachtete ihr Gesicht.
„Warum bist du so weit allein gekommen? Wo hast du geschlafen? Hast du etwas gegessen?“
Anna versuchte zu lächeln.
„Mach dir keine Sorgen um mich. Heute ist dein großer Tag.“
Hinter ihnen räusperte sich die Braut.
Isabella stand noch immer vor dem weißen Rosenbogen. Ihr teures Spitzenkleid glitzerte im Licht der Kronleuchter, doch ihr Gesicht war vor Wut verzerrt.
„Lukas, das reicht jetzt!“, rief sie. „Wir haben dreihundert Gäste eingeladen. Du kannst doch nicht die ganze Hochzeit unterbrechen, nur weil irgendeine Frau behauptet, deine Mutter zu sein!“
Der Saal verstummte.
Lukas drehte langsam den Kopf.
„Irgendeine Frau?“
Isabella verschränkte die Arme.
„Sieh sie dir doch an! Sie passt nicht hierher. Sie ruiniert die Fotos, die Zeremonie und unseren wichtigsten Tag.“
Lukas sah seine Mutter an. Dann blickte er wieder zu seiner Braut.
„Diese Frau hat mich großgezogen, als wir kaum genug Geld für Brot hatten.“
„Das ist Vergangenheit!“, erwiderte Isabella scharf. „Du bist jetzt ein erfolgreicher Geschäftsmann. Du musst dich nicht mehr mit solchen Dingen belasten.“
Ein Raunen ging durch die Reihen.
Anna senkte den Blick. Sie wollte keinen Streit verursachen. Langsam machte sie einen Schritt zurück.
Doch Lukas ergriff ihre Hand.
„Nein, Mama. Du gehst nirgendwohin.“
Dann wandte er sich an die Hochzeitsgäste.
„Ich möchte, dass jeder hier eines versteht: Ohne diese Frau würde ich heute nicht hier stehen.“
Seine Stimme brach.
„Als mein Vater starb, arbeitete sie Tag und Nacht. Sie verzichtete auf alles, damit ich zur Schule gehen konnte. Als ich krank war, saß sie neben meinem Bett, obwohl sie selbst kaum noch Kraft hatte. Und als ich nach München ging, um mir eine Zukunft aufzubauen, gab sie mir das Letzte, was sie besaß.“
Anna schüttelte den Kopf.
„Lukas, bitte. Du musst das nicht erzählen.“
„Doch, Mama. Ich hätte es schon längst tun sollen.“
Er küsste ihre Stirn.
Isabella sah sich nervös um. Einige Gäste hatten bereits ihre Telefone gesenkt. Niemand machte mehr Fotos von der Braut.
Alle blickten auf die alte Frau.
Auf einmal schien Isabella zu begreifen, dass sie die Kontrolle über diesen Moment verloren hatte.
„Wenn du sie behalten willst, dann entscheide dich!“, sagte sie. „Entweder diese Hochzeit findet so statt, wie ich sie geplant habe, oder ich gehe.“
Lukas antwortete nicht sofort.
Anna griff nach seinem Ärmel.
„Mein Sohn, bitte. Ich bin nicht gekommen, um dir dein Glück zu nehmen.“
Dann hob sie das grüne Stoffbündel an ihre Brust.
„Ich wollte dir nur das zurückgeben, was ich all die Jahre für dich aufbewahrt habe.“
Lukas runzelte die Stirn.
„Was ist darin?“
Mit zitternden Fingern löste Anna den Knoten.
Zum Vorschein kamen ein vergilbter Brief, ein kleines silbernes Medaillon und ein altes Foto.
Lukas nahm das Foto.
Es zeigte ihn als kleinen Jungen, vielleicht fünf Jahre alt, neben einem Mann in einem dunklen Mantel. Hinter ihnen stand ein großes Gebäude mit einem schmiedeeisernen Tor.
Doch das Gesicht des Mannes ließ Lukas erstarren.
„Das … das kann nicht sein.“
Anna nickte unter Tränen.
„Doch, mein Sohn. Ich habe dir all die Jahre nicht die ganze Wahrheit erzählt.“
Isabella trat einen Schritt näher.
„Was soll das Theater jetzt wieder?“
Lukas hörte sie kaum noch.
Er drehte das Foto um. Auf der Rückseite stand eine handschriftliche Nachricht:
Für Lukas. Wenn der richtige Tag kommt, muss er erfahren, wer sein Vater wirklich war.
Darunter befand sich ein Datum – und ein Name, den Lukas aus den Nachrichten kannte.
Viktor Falkenstein.
Einer der reichsten Unternehmer Deutschlands.
Ein Mann, der vor über zwanzig Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden war und dessen Vermögen bis heute Gegenstand eines erbitterten Rechtsstreits war.
Lukas blickte seine Mutter an.
„Mama … was bedeutet das?“
Anna presste die Lippen zusammen. Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.
„Dein Vater war nicht der Mann, für den du ihn gehalten hast. Und bevor er starb, bat er mich, dir dieses Geheimnis erst dann zu offenbaren, wenn du alt genug wärst, selbst zu entscheiden, wem du vertrauen kannst.“
Isabella wurde plötzlich blass.
Denn sie kannte diesen Namen.
Und sie wusste etwas, das Lukas noch nicht wusste.
Etwas, das sie um jeden Preis verborgen halten wollte.
Denn in dem Brief, den Anna nun aus dem Bündel zog, stand nicht nur die Wahrheit über Lukas’ Herkunft – sondern auch der Grund, warum Isabella ihn unbedingt heiraten wollte.
Der gesamte Festsaal war still geworden.
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