„Das stimmt.“
„Es geht um einen Drachen, der sich nicht kleiner machen will, damit andere ihn mögen.“
Alejandro lachte leise.
„Dann klingt es, als könnte ich etwas von ihm lernen.“
Mariana sah ihn an.
Zum ersten Mal seit jener Nacht war da keine Bitterkeit in ihrem Blick.
Aber es war auch noch kein Vertrauen, das von selbst zurückgekehrt wäre.
„Alejandro, ich möchte ehrlich sein. Ich weiß nicht, ob aus uns jemals etwas wird.“
„Das musst du heute nicht wissen.“
„Ich will nicht wieder in eine Situation geraten, in der ich mich frage, ob jemand sich für mich schämt.“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Das verstehe ich.“
„Und ich werde mich nicht verändern, um in die Vorstellung eines anderen Menschen zu passen.“
„Das solltest du auch nicht.“
Mariana schwieg einen Moment.
Dann trat sie zur Seite.
„Möchtest du einen Kaffee?“
Alejandro blickte sie überrascht an.
„Bist du sicher?“
„Es ist nur ein Kaffee. Kein Versprechen.“
„Dann nehme ich ihn gern.“
## 5. Die Überraschung, die alles veränderte
Während Mariana den Kaffee vorbereitete, saß Alejandro am Küchentisch und betrachtete Sofias Zeichnungen.
Das Mädchen kam mit einem Blatt Papier aus ihrem Zimmer.
„Bist du der Mann aus dem Restaurant?“, fragte sie unverblümt.
Alejandro sah Mariana an.
Sie hob entschuldigend die Schultern.
„Kinder stellen Fragen.“
„Das sehe ich.“
Sofia legte ihre Zeichnung vor ihn.
Darauf war ein großer Drache mit violetten Flügeln zu sehen. Neben ihm stand eine kleine Prinzessin, die einen Werkzeugkasten trug.
„Das ist meine Mama“, erklärte Sofia. „Sie kann alles reparieren. Außer Menschen, die absichtlich gemein sind.“
Alejandro musste lächeln.
„Das klingt nach einer sehr wichtigen Fähigkeit.“
„Und das bist du.“
Sofia zeigte auf eine kleine Figur am Rand des Bildes.
Alejandro beugte sich vor.
„Ich? Warum bin ich so klein?“
„Weil ich dich noch nicht gut genug kenne, um dich größer zu malen.“
Mariana musste lachen.
Alejandro nahm die Antwort mit erstaunlicher Gelassenheit hin.
„Das ist fair.“
Sofia nickte zufrieden und lief zurück in ihr Zimmer.
Mariana stellte die Tassen auf den Tisch.
„Sie beobachtet Menschen sehr genau.“
„Das hat sie offenbar von ihrer Mutter.“
Mariana lächelte, doch dann wurde sie nachdenklich.
„Weißt du, was ich an diesem Abend am meisten gefürchtet habe?“
Alejandro legte seine Tasse ab.
„Was?“
„Dass ich nach Hause gehen und mir einreden würde, ich hätte es verdient. Dass ich zu empfindlich gewesen sei. Dass ich mich nicht hätte so zeigen sollen, wie ich bin.“
Er sah sie ernst an.
„Du hast nichts falsch gemacht.“
„Ich weiß das jetzt. Aber früher habe ich es nicht immer gewusst.“
Alejandro schwieg, damit sie weitersprechen konnte.
„Ich möchte jemanden kennenlernen, der mich respektiert, auch wenn niemand zusieht. Nicht nur, wenn es eine Gelegenheit gibt, sich als guter Mensch zu präsentieren.“
„Das ist richtig.“
„Und ich möchte, dass Sofia sieht, wie eine gesunde Beziehung aussieht. Sie soll niemals glauben, dass sie sich Liebe verdienen muss, indem sie sich kleiner macht.“
Alejandro nickte.
„Dann sollten wir uns Zeit lassen. Ohne Versprechen, die wir noch nicht halten können.“
Mariana blickte ihn an.
„Du bist wirklich bereit, einfach nur einen Kaffee mit mir zu trinken?“
„Wenn du möchtest.“
Sie lächelte.
„Dann trinken wir Kaffee.“
Draußen begann es zu regnen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Mariana sich nicht gezwungen, etwas zu beweisen. Sie musste weder die perfekte Frau noch die mutigste Mutter sein. Sie durfte einfach sie selbst sein.
Alejandro wusste, dass er ihr Vertrauen nicht an einem Nachmittag zurückgewinnen konnte.
Vielleicht würde sie ihn irgendwann näher an sich heranlassen.
Vielleicht würden sie feststellen, dass sie besser als Freunde miteinander auskamen.
Beides war möglich.
Und zum ersten Mal war er bereit, diese Unsicherheit auszuhalten.
Doch als Mariana später am Abend ihr Handy überprüfte, entdeckte sie eine Nachricht von Ricardo.
„Du glaubst wirklich, Alejandro hätte sich aus freien Stücken für dich entschieden? Frag ihn, warum er die Verabredung ursprünglich angenommen hat. Und frag ihn, was er seinen Kollegen versprochen hat, bevor er dich überhaupt kannte.“
Mariana starrte auf den Bildschirm.
Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht.
Alejandro bemerkte es sofort.
„Was ist passiert?“
Sie legte das Handy auf den Tisch.
„Ich möchte dich etwas fragen. Und ich brauche eine ehrliche Antwort.“
„Natürlich.“
„Bevor du mich kennengelernt hast: Was genau hast du Ricardo versprochen?“
Alejandro wurde still.
Und diese Stille dauerte einen Augenblick zu lange.
Mariana sah ihn an.
„Alejandro?“
Er senkte den Blick.
„Ich habe ihm versprochen, dass ich zu dieser Verabredung gehen würde. Aber ich habe ihm nie versprochen, dich zu demütigen.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Alejandro atmete langsam aus.
„Nein. Hast du nicht.“
Er hob den Kopf und sah sie direkt an.
„Es gibt etwas, das ich dir von Anfang an hätte erzählen sollen.“
Mariana spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Was?“
Alejandro öffnete den Mund, doch bevor er antworten konnte, klingelte sein Telefon.
Der Name auf dem Display ließ ihn erstarren.
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