„Und du bist erwachsen. Trotzdem scheinst du noch immer nicht zu verstehen, dass andere Menschen keine Unterhaltung für dich sind.“
Ricardo schwieg.
Alejandro stand auf und ging zum Fenster.
„Ich werde nicht so tun, als wäre das, was gestern passiert ist, bedeutungslos. Ich will nicht mehr mit Menschen zusammenarbeiten, die andere erniedrigen, um sich selbst überlegen zu fühlen.“
„Also war’s das?“
„Fürs Erste, ja.“
Ricardo schüttelte den Kopf.
„Du wirst es bereuen.“
„Vielleicht. Aber nicht deshalb, weil ich mich entschieden habe, anständig zu sein.“
Ricardo ging, ohne sich zu verabschieden.
Alejandro setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
Wenige Minuten später erhielt er eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
„Hier ist Mariana. Ich möchte etwas klarstellen. Ich erwarte keine Geschenke, keine großen Gesten und keine Entschuldigung, die nur dazu dient, dass du dich besser fühlst. Ich möchte lediglich wissen, ob du gestern ehrlich zu mir warst.“
Alejandro las die Nachricht mehrmals.
Dann schrieb er:
„Ja. Ich habe der Verabredung zugestimmt, weil ich dachte, es könnte eine Gelegenheit sein, jemanden kennenzulernen. Ich wusste nichts von der Wette oder dem Video. Aber ich hätte dir sagen sollen, wie die Verabredung zustande gekommen ist. Das war mein Fehler. Du musst mir nicht antworten, und du schuldest mir keine zweite Chance.“
Er legte das Handy beiseite.
Eine Minute später vibrierte es erneut.
„Danke für deine Ehrlichkeit. Ich bin noch verletzt und brauche Zeit. Bitte respektiere das.“
Alejandro antwortete nur:
„Das werde ich.“
Dann legte er das Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch.
Es war nicht die Antwort, auf die er gehofft hatte.
Aber es war die Antwort, die sie brauchte.
## 4. Die Geschichte, die niemand erwartet hatte
Zwei Wochen vergingen.
Mariana kehrte in ihren Alltag zurück. Sie arbeitete, holte Sofia von der Schule ab und schrieb abends an ihren Geschichten.
Sie hatte nicht aufgehört, an Alejandro zu denken. Aber sie hatte beschlossen, dass ihre Hoffnung nicht länger davon abhängen sollte, ob ein Mann sie auswählte.
Eines Tages erzählte ihre Freundin Lucía ihr von einem Wettbewerb für unveröffentlichte Kinderbücher.
„Du solltest deine Geschichte einreichen“, sagte Lucía.
Mariana schüttelte den Kopf.
„Sie ist noch nicht fertig.“
„Dann beende sie.“
„Ich weiß nicht, ob sie gut genug ist.“
Lucía verschränkte die Arme.
„Mariana, du sagst das seit drei Jahren. Irgendwann musst du entscheiden, ob du deine Geschichte schreiben willst oder ob du für immer darüber nachdenken möchtest, sie zu schreiben.“
Mariana blickte auf ihr Manuskript.
Dann lächelte sie.
„Na gut. Ich reiche sie ein.“
In den nächsten Tagen arbeitete sie jeden Abend an der Geschichte. Sofia half ihr dabei, die Drachen zu zeichnen, und bestand darauf, dass der kleine Held am Ende nicht von einem Prinzen gerettet wurde, sondern selbst herausfand, wie er seine Flügel benutzen konnte.
Als Mariana das Manuskript abschickte, fühlte sie sich gleichzeitig erleichtert und verängstigt.
Sie hatte etwas getan, das sie lange vermieden hatte.
Sie hatte sich selbst eine Chance gegeben.
Am folgenden Montag erhielt sie eine E-Mail vom Wettbewerb.
Ihr Beitrag war in die engere Auswahl gekommen.
Mariana las die Nachricht zweimal, bevor sie begriff, was sie bedeutete.
Dann rief sie Sofia.
„Wir müssen feiern!“
„Warum?“
„Weil deine Drachenzeichnung vielleicht bald in einem echten Buch erscheint!“
Sofia kreischte vor Freude.
Mariana lachte mit ihr.
Und genau in diesem Moment klingelte es an der Tür.
Sie öffnete.
Draußen stand Alejandro.
Er hielt weder Blumen noch teure Geschenke in der Hand. Nur einen schlichten Umschlag.
Mariana blieb überrascht stehen.
„Was machst du hier?“
Alejandro trat nicht näher.
„Ich hätte vorher fragen sollen, ob ich vorbeikommen darf. Das tut mir leid.“
Sie betrachtete ihn vorsichtig.
„Warum bist du hier?“
Er reichte ihr den Umschlag.
„Ich möchte dir etwas zurückgeben.“
Mariana öffnete ihn.
Darin lag ein kleiner Zettel mit einer handgeschriebenen Nachricht und eine Visitenkarte eines Verlags, der Kinderbücher veröffentlichte.
Sie blickte sofort auf.
„Was ist das?“
„Der Verlag hat einen offenen Wettbewerb für neue Autorinnen und Autoren. Ich habe die Informationen gefunden und dachte, sie könnten für dich interessant sein.“
Mariana schloss den Umschlag.
„Hast du ihnen mein Manuskript geschickt?“
„Nein.“
„Hast du ihnen meinen Namen genannt?“
„Nein. Ich habe lediglich die öffentlich zugänglichen Informationen gesammelt. Was du damit machst, entscheidest du selbst.“
Sie betrachtete ihn lange.
„Warum?“
Alejandro atmete tief durch.
„Weil du mir an diesem Abend von deinen Geschichten erzählt hast. Du hast dabei gelächelt, als würdest du für einen Moment vergessen, was andere von dir denken könnten.“
Er machte eine kurze Pause.
„Ich fand, dass etwas, das dir so viel bedeutet, eine faire Chance verdient. Aber ich weiß, dass ich nicht derjenige sein sollte, der entscheidet, ob du bereit bist.“
Mariana senkte den Blick auf den Umschlag.
„Ich habe gerade erfahren, dass meine Geschichte bei einem Wettbewerb in die engere Auswahl gekommen ist.“
Alejandro lächelte.
„Dann gratuliere ich dir.“
„Du weißt nicht einmal, worum es in der Geschichte geht.“
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