Für einige Sekunden schien das gesamte Restaurant den Atem anzuhalten.
Mariana Flores stand neben ihrem Stuhl. Ihre Finger umklammerten den Riemen ihrer Handtasche, während sie Ricardo ansah, der noch immer mit seinem Handy in der Hand dastand.
Alejandro legte langsam seine Serviette auf den Tisch.
„Was genau soll das bedeuten, Ricardo?“, fragte er.
Ricardo grinste.
„Ach, komm schon. Tu nicht so, als wüsstest du nicht, warum wir hier sind. Wir wollten doch alle sehen, ob du es tatsächlich durchziehst.“
Brenda presste die Lippen zusammen, um ihr Lachen zu unterdrücken.
„Eine Wette ist eine Wette“, fügte sie hinzu. „Du hast behauptet, du könntest eine ganze Verabredung mit einer Frau verbringen, die nicht deinem üblichen Typ entspricht.“
Mariana wurde blass.
Sie sah Alejandro an.
Nicht Ricardo. Nicht Brenda.
Alejandro.
Denn plötzlich verstand sie, warum die Männer am Nebentisch immer wieder zu ihr herübergeschaut hatten. Warum Ricardo sein Telefon unter dem Tisch versteckt hatte. Warum Alejandro so überrascht gewirkt hatte, als sie sich vorstellte.
Sie hatte geglaubt, vielleicht endlich einen Menschen kennenzulernen, der sie nicht nach ihrem Äußeren beurteilen würde.
Vielleicht hatte sie sich geirrt.
„War das also eine Wette?“, fragte sie leise.
Alejandro stand sofort auf.
„Mariana, hör mir bitte zu.“
Sie hob eine Hand.
„Ich habe eine einfache Frage gestellt.“
Er schwieg einen Moment.
Und dieses Schweigen tat ihr mehr weh, als sie erwartet hatte.
Ricardo nutzte die Gelegenheit.
„Siehst du? Genau das meine ich. Du kannst dich noch immer zurückziehen. Niemand zwingt dich, den Abend fortzusetzen.“
Alejandro drehte sich zu ihm um.
„Setz dich.“
„Was?“
„Ich sagte, setz dich.“
Ricardo lachte ungläubig.
„Jetzt spielst du den Beschützer?“
Alejandro machte einen Schritt auf ihn zu.
„Nein. Ich versuche gerade herauszufinden, wann aus einem schlechten Scherz eine öffentliche Demütigung geworden ist.“
„Wir wollten uns nur amüsieren!“
„Auf ihre Kosten.“
Die Worte hallten durch den Raum.
Brenda senkte das Handy, das sie inzwischen ebenfalls hervorgeholt hatte.
Doch Mariana hatte es bereits bemerkt.
Sie griff nach ihrer Tasche.
„Ich gehe.“
„Mariana, bitte“, sagte Alejandro.
Sie sah ihn an. Ihre Augen glänzten, aber ihre Stimme blieb ruhig.
„Weißt du, was das Schlimmste daran ist? Ich habe mich heute Morgen beinahe wieder abgesagt. Ich habe eine Stunde vor meinem Kleiderschrank gestanden und mich gefragt, ob ich überhaupt hierherkommen sollte.“
Sie schluckte.
„Dann habe ich mir gesagt, dass ich nicht mein ganzes Leben damit verbringen kann, mich vor Menschen zu verstecken, die mich vielleicht nicht mögen.“
Alejandro sagte nichts.
„Und jetzt stehe ich hier und frage mich, ob ihr mich überhaupt als Menschen gesehen habt.“
Sie drehte sich um.
Doch bevor sie den Ausgang erreichte, hörte sie Alejandros Stimme.
„Mariana, ich habe diese Wette nicht abgeschlossen.“
Sie blieb stehen.
Langsam drehte sie sich wieder um.
Alejandro sah Ricardo direkt an.
„Er hat mich zu dieser Verabredung gedrängt. Er hat behauptet, ich würde mich niemals mit einer Frau treffen, wenn ich sie nicht vorher nach einem Foto beurteilen könnte. Ich habe ihm gesagt, dass ich das für lächerlich halte.“
Ricardo schnaubte.
„Du hast aber trotzdem zugestimmt.“
„Ja“, sagte Alejandro. „Und das war mein Fehler.“
Er wandte sich Mariana zu.
„Ich hätte dir von Anfang an sagen müssen, dass meine Kollegen die Verabredung organisiert haben. Ich habe nicht erwartet, dass sie so etwas tun würden. Aber ich hätte besser aufpassen müssen.“
Mariana musterte ihn.
„Und das Video?“
Alejandro blickte zu Brenda.
Sie steckte das Telefon hastig ein.
„Ich habe nichts veröffentlicht“, sagte sie.
„Noch nicht“, entgegnete Alejandro.
Dann wandte er sich an den Restaurantmanager, der inzwischen näher gekommen war.
„Bitte sorgen Sie dafür, dass niemand hier Fotos oder Videos von dieser Frau ohne ihre Zustimmung verbreitet.“
Ricardo schüttelte den Kopf.
„Du übertreibst völlig.“
„Nein. Ich habe nur gerade verstanden, wie wenig ich von dir weiß.“
Alejandro nahm seine Jacke vom Stuhl.
„Mariana, ich werde dich nicht bitten, mir zu verzeihen. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich mich nicht für deine Gesellschaft geschämt habe. Nicht eine Sekunde lang.“
Mariana sah ihn lange an.
Dann sagte sie leise:
„Ich weiß nicht, ob ich dir glauben kann.“
„Das verstehe ich.“
„Gut. Denn ich werde nicht so tun, als wäre nichts passiert, nur damit du dich besser fühlst.“
„Das solltest du auch nicht.“
Mariana verließ das Restaurant.
Diesmal folgte Alejandro ihr nicht.
Er ließ sie gehen, weil er begriffen hatte, dass Respekt manchmal bedeutete, jemanden nicht aufzuhalten.
Doch kaum war die Tür hinter ihr geschlossen, wandte er sich wieder seinen Kollegen zu.
Und sein Gesichtsausdruck veränderte sich vollständig.
## 1. Der Mann, der seine Freunde verlor
„Gebt mir eure Telefone“, sagte Alejandro.
Ricardo lachte.
„Du machst Witze.“
„Sehe ich so aus?“
„Du kannst uns nicht einfach vorschreiben, was wir mit unseren Handys machen.“
„Das stimmt. Aber ich kann entscheiden, mit wem ich zusammenarbeite.“
Alejandro nahm seine Jacke und blickte Ricardo an.
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