„Du hast mein Vertrauen ausgenutzt, um eine fremde Frau zu demütigen. Du hast sie zu einem Gegenstand für deine Unterhaltung gemacht. Und du warst so überzeugt davon, dass ich mitmachen würde, dass du nicht einmal versucht hast, deine Absicht zu verbergen.“

Ricardo verschränkte die Arme.

„Du kennst sie seit zwei Stunden!“

„Und trotzdem hat sie mir in diesen zwei Stunden mehr Ehrlichkeit gezeigt, als du in den letzten fünf Jahren.“

Brenda blickte unruhig zwischen ihnen hin und her.

„Alejandro, wir wollten doch nur ein bisschen Spaß haben.“

„Dann findet euren Spaß ohne mich.“

Er wandte sich ab.

„Und falls dieses Video irgendwo auftaucht, werde ich dafür sorgen, dass jeder weiß, wer es aufgenommen und verbreitet hat.“

Paola, die bis dahin geschwiegen hatte, stand plötzlich auf.

„Ich habe das Video nicht aufgenommen“, sagte sie. „Und ich wusste nicht, dass Ricardo sie filmen wollte.“

Alejandro nickte knapp.

„Dann hoffe ich, dass du daraus gelernt hast, früher etwas zu sagen.“

Er verließ das Restaurant.

Draußen war die Nacht kühl. Er sah Mariana nirgends.

Er hätte sie anrufen können.

Er hätte ihr schreiben können, dass er alles erklären wollte.

Doch er wusste, dass eine Nachricht in diesem Moment vor allem ihm selbst geholfen hätte. Sie hätte ihm die Möglichkeit gegeben, sich besser zu fühlen, ohne tatsächlich etwas wiedergutzumachen.

Also steckte er sein Handy ein und ging zu seinem Wagen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit schämte er sich nicht dafür, dass andere Menschen schlecht von ihm denken könnten.

Er schämte sich dafür, dass er beinahe zugelassen hätte, dass sie einen unschuldigen Menschen verletzten.

Und er wusste, dass eine Entschuldigung allein nicht ausreichen würde.

## 2. Mariana und das kleine Mädchen mit den großen Träumen

Als Mariana nach Hause kam, war Sofia noch wach.

Das achtjährige Mädchen saß im Schlafanzug am Küchentisch und malte einen Drachen mit violetten Flügeln.

Als sie ihre Mutter sah, sprang sie auf.

„Mama! Wie war das Treffen?“

Mariana zwang sich zu einem Lächeln.

„Es war … kompliziert.“

Sofia legte den Stift hin.

„War der Mann gemein zu dir?“

Mariana kniete sich vor sie.

„Warum fragst du das?“

„Weil du so aussiehst, wenn du versuchst, nicht traurig zu sein.“

Mariana schloss ihre Tochter in die Arme.

Sie hatte den ganzen Abend versucht, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Doch nun, in der kleinen Küche, zwischen den bunten Zeichnungen und dem vertrauten Duft von Tee, konnte sie nicht mehr so tun, als hätte ihr der Vorfall nichts ausgemacht.

„Ein paar Menschen haben sich über mich lustig gemacht“, sagte sie schließlich.

Sofia zog die Stirn kraus.

„Warum?“

„Manche Menschen glauben, sie dürften andere beurteilen, bevor sie sie überhaupt kennen.“

Das Mädchen dachte darüber nach.

„Dann sind sie dumm.“

Mariana musste trotz allem lachen.

„Vielleicht waren sie einfach grausam.“

Sofia legte ihr beide Hände auf die Wangen.

„Mama, du sagst mir immer, dass ich Geschichten schreiben soll, auch wenn jemand sie nicht mag.“

„Das stimmt.“

„Dann solltest du auch an deine eigene Geschichte glauben.“

Mariana schloss die Augen.

Diese Worte waren so einfach.

Und doch brachten sie etwas in ihr zum Leuchten, das sie beinahe vergessen hatte.

Seit Jahren schrieb sie Kindergeschichten, nachdem Sofia eingeschlafen war. Sie schrieb über Drachen, die Angst vor dem Fliegen hatten, über Prinzessinnen, die lieber Erfinderinnen sein wollten, und über kleine Füchse, die lernten, dass sie nicht jedem gefallen mussten.

Sie hatte ihre Geschichten nie veröffentlicht.

Immer hatte es einen Grund gegeben, noch zu warten.

Die Arbeit. Das Geld. Die Angst vor Kritik. Die Erinnerungen an ihren Exmann, der ihre Träume als kindisch bezeichnet hatte.

Mariana strich Sofia über das Haar.

„Du hast recht, mi amor.“

„Natürlich habe ich recht.“

Mariana lachte diesmal wirklich.

Dann setzte sie sich an den Tisch, zog ihr Notizbuch aus der Tasche und schlug die erste leere Seite auf.

Oben schrieb sie einen Titel:

„Der Drache, der sich nicht kleiner machen wollte, um in die Welt der anderen zu passen.“

Und zum ersten Mal seit langer Zeit begann sie zu schreiben, ohne sich zu fragen, ob jemand darüber lachen würde.

## 3. Eine unerwartete Nachricht

Am nächsten Morgen fuhr Alejandro früher als gewöhnlich ins Architekturbüro.

Er hatte die halbe Nacht über Mariana nachgedacht.

Nicht, weil er glaubte, sie hätte ihm etwas geschuldet. Sondern weil ihre Enttäuschung ihm gezeigt hatte, wie leicht man einen Menschen verletzen konnte, wenn man nicht aufpasste.

Um neun Uhr erschien Ricardo in seinem Büro.

„Wir müssen reden.“

Alejandro arbeitete weiter.

„Nein.“

„Komm schon. Du willst doch nicht wegen einer einzigen Verabredung unsere Freundschaft beenden.“

Alejandro legte den Stift hin.

„Es ging nie nur um die Verabredung.“

Ricardo setzte sich ungefragt.

„Du kennst diese Frau nicht einmal richtig.“

„Stimmt.“

„Dann warum verhältst du dich, als wäre sie wichtiger als wir?“

Alejandro sah ihn an.

„Weil sie nichts getan hat, um so behandelt zu werden.“

„Du bist Architekt, Alejandro. Kein Ritter aus einem Märchen.“