Er stand vor dem dunklen Höhleneingang und wagte kaum zu atmen. Sieben Jahre lang hatte er sich vorgestellt, wie es wäre, seinen Vater wiederzusehen. In manchen Nächten hatte er sogar davon geträumt, dass Daniel eines Tages durch die Tür ihres kleinen Lehmhauses treten würde.
Doch jetzt hörte er seine Stimme mitten in der Wüste.
„Mateo … komm nicht näher.“
Der Junge erstarrte.
Es war tatsächlich die Stimme seines Vaters.
Aber wie konnte das sein?
„Papa! Ich bin es! Mateo! Wo bist du?“
Er machte einen Schritt in Richtung Höhle.
Der Wolf stellte sich sofort vor ihn und versperrte ihm den Weg.
„Lass mich durch!“, rief Mateo verzweifelt. „Mein Vater ist da drin!“
Das Tier bewegte sich nicht.
Es sah Mateo mit seinen bernsteinfarbenen Augen an und gab ein leises, tiefes Geräusch von sich.
Nicht bedrohlich.
Es klang beinahe wie eine Warnung.
Plötzlich ertönte aus der Höhle ein lautes Krachen.
Dann herrschte Stille.
„Papa?“
Keine Antwort.
Mateo spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen.
„Bitte, Papa. Antworte mir!“
Der Wolf wandte sich um und ging langsam in die Höhle hinein. Nach wenigen Schritten blieb er stehen und blickte zurück.
Mateo verstand.
Das Tier wollte ihm etwas zeigen.
Er nahm seinen fast leeren Wasserbehälter, schaltete die kleine Taschenlampe ein, die seine Großmutter ihm für Notfälle mitgegeben hatte, und folgte ihm.
Was er im Inneren entdeckte, sollte sein Leben für immer verändern.
Das Geheimnis unter der Wüste
Die Höhle war viel größer, als Mateo von außen vermutet hatte.
An den Wänden verliefen alte Metallleitungen. Auf dem Boden lagen verrostete Werkzeuge, leere Wasserkanister und Kisten mit verblassten Aufschriften.
Doch das Seltsamste waren die Zeichen an den Wänden.
Überall waren Kreise mit drei Sternen eingraviert.
Dasselbe Symbol wie auf dem Medaillon des Wolfs.
Mateo strich mit den Fingern über eine der Markierungen.
„Was ist das für ein Ort?“
Der Wolf ging weiter, bis er vor einer schweren Metalltür stehen blieb.
Daneben befand sich ein kleines Bedienfeld.
Mateo konnte einige Buchstaben erkennen, aber die meisten waren durch Staub und Rost unleserlich geworden.
Dann bemerkte er etwas auf dem Boden.
Ein altes Foto.
Er hob es auf und wischte den Staub ab.
Auf dem Bild standen drei Menschen vor einem Geländewagen: sein Vater Daniel, ein älterer Mann mit weißem Bart und eine junge Frau in einer dunkelblauen Jacke.
Zwischen ihnen saß ein junger grauer Wolf.
Mateo drehte das Foto um.
Auf der Rückseite stand eine handschriftliche Notiz:
„Für den Tag,
an dem Mateo die Wahrheit erfährt.“
Der Junge bekam eine Gänsehaut.
„Wer hat das geschrieben?“
Er erkannte die Handschrift.
Es war die seines Vaters.
Plötzlich ertönte ein Klicken aus dem Bedienfeld.
Die Metalltür öffnete sich einen Spalt.
Dahinter lag ein kleiner Raum, in dem mehrere Monitore standen. Einige waren ausgeschaltet, andere zeigten flackernde Bilder aus verschiedenen Bereichen der Wüste.
Und in der Mitte des Raumes befand sich ein alter Computer.
Auf seinem Bildschirm leuchtete eine einzige Zeile:
„Identität bestätigt: Mateo Ramírez.“
Der Junge wich zurück.
„Woher kennt dieser Computer meinen Namen?“
Bevor er eine Antwort finden konnte, sprang ein Bildschirm an.
Ein Mann erschien darauf.
Er hatte ein schmales Gesicht, dunkle Haare und einen kurzen Bart. Er sah älter aus als auf Mateos Erinnerungen, aber seine Augen waren unverkennbar.
Es war Daniel.
Mateos Vater.
„Mein Sohn“, sagte die Aufnahme. „Wenn du diese Nachricht siehst, bedeutet das, dass der Wächter dich hierhergeführt hat.“
Mateo presste eine Hand auf seinen Mund.
„Papa …“
„Ich weiß nicht, wann du diese Nachricht finden wirst. Vielleicht bin ich dann schon wieder bei dir. Vielleicht ist mir das nicht möglich gewesen.“
Daniel blickte direkt in die Kamera.
„Aber eines musst du verstehen: Der Wolf, den du befreit hast, ist kein gewöhnliches Tier.“
Mateo sah zu dem grauen Wolf.
Das Tier setzte sich neben ihn.
„Sein Name ist Sombra“, fuhr Daniel fort. „Er wurde von klein auf darauf trainiert, Menschen aufzuspüren und verschollene Expeditionen zu begleiten. Er hat Menschen in gefährlichen Situationen gefunden, lange bevor Rettungskräfte sie erreichen konnten.“
Daniel machte eine kurze Pause.
„Doch Sombra ist mehr als ein ausgebildeter Rettungswolf. Er war mein Partner. Und er hat mir das Leben gerettet.“
Mateo konnte seine Tränen nicht zurückhalten.
„Papa, wo bist du?“
Die Aufnahme lief weiter.
„Vor sieben Jahren entdeckte unser Team etwas tief unter der Wüste. Wir fanden ein unterirdisches Wassersystem, das möglicherweise mehrere abgelegene Dörfer versorgen könnte. Aber einige Männer wollten die Entdeckung für sich behalten.“
Daniel senkte den Blick.
„Sie wollten das Land kaufen, die Zugänge kontrollieren und verhindern, dass die Menschen der umliegenden Gemeinden davon erfuhren.“
Mateo dachte an seine Großmutter.
An die langen Wege zum Wasser.
An die heißen Sommer, in denen die Brunnen fast austrockneten.
Wenn sein Vater die Wahrheit sagte, könnte diese Entdeckung das Leben vieler Menschen verändern.
Dann wurde Daniels Stimme ernster.
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