Mateo blieb wie angewurzelt stehen.
Das metallische Geräusch kam aus einer kleinen Senke zwischen zwei Felsformationen. Vorsichtig ging er näher. Sein Herz schlug schneller, und der trockene Sand knirschte unter seinen abgetragenen Schuhen.
Dann sah er ihn.
Einen riesigen grauen Wolf.
Das Tier lag neben einem rostigen Eisenpfosten. Eine schwere Kette um seinen Hals hielt ihn so kurz, dass er kaum den Schatten eines Felsens erreichen konnte. Sein Fell war voller Staub, und seine Augen waren halb geschlossen.
Mateo hatte schon Bilder von Wölfen gesehen. Doch noch nie hatte er eines aus solcher Nähe betrachtet.
Er wusste, dass ein Wolf gefährlich sein konnte.
Trotzdem konnte er nicht einfach weitergehen.
„Hey, mein Freund“, flüsterte er.
Der Wolf hob langsam den Kopf.
Seine bernsteinfarbenen Augen richteten sich auf den Jungen.
Mateo wich erschrocken zurück.


Das Tier knurrte nicht. Es zeigte keine Zähne. Es versuchte nicht einmal, sich aufzurichten.
Es sah ihn nur an.
Und in diesem Blick lag etwas, das Mateo nicht erwartet hatte: Erschöpfung.
„Wer hat dir das angetan?“, murmelte der Junge.
Natürlich bekam er keine Antwort.
Mateo kniete sich in einiger Entfernung hin und stellte seinen kleinen Wasserbehälter auf den Boden.
„Du hast bestimmt Durst.“
Er schob das Gefäß langsam über den Sand, ohne sich dem Wolf zu sehr zu nähern.
Das Tier bewegte den Kopf, roch am Wasser und begann vorsichtig zu trinken.
Mateo beobachtete es schweigend.
Er selbst hatte nur noch wenig Wasser übrig. Seine Großmutter hatte ihm eingeschärft, den Behälter für den Rückweg aufzusparen.
Doch als er sah, wie durstig das Tier war, konnte er nicht anders.
„Langsam“, flüsterte er.

„Es ist nicht viel, aber du kannst es haben.“
Als der Wolf fertig war, hob er erneut den Kopf.
Dann geschah etwas Seltsames.
Das Tier legte seine Stirn für einen kurzen Augenblick auf den Sand und schloss die Augen.
Mateo hatte das Gefühl, als würde es ihm auf seine eigene Weise danken.
Er lächelte schwach.
„Ich kann dich doch nicht hier zurücklassen.“
Erst jetzt bemerkte er, dass die Kette an einem alten Metallring befestigt war, der tief im Boden verankert worden war.
Mateo zog daran.
Nichts bewegte sich.
Er versuchte es erneut, diesmal mit beiden Händen.
Der Pfosten wackelte ein wenig, aber die Kette blieb fest.
„Verdammt“, murmelte er.
Er konnte die Kette nicht lösen. Und er hatte weder Werkzeug noch genug Kraft, den Eisenring aus dem Boden zu ziehen.


Für einen Moment wusste er nicht, was er tun sollte.
Dann erinnerte er sich an das kleine Taschenmesser, das seine Großmutter ihm zum Sammeln von Brennholz mitgegeben hatte.
Er holte es aus seiner Tasche und untersuchte vorsichtig die Umgebung.
Die Kette war viel zu dick, um sie damit zu durchtrennen.
Doch direkt neben dem Pfosten lag ein großer, flacher Stein.
Mateo schob ihn unter den Metallring und versuchte, den Ring mit dem Stein als Hebel anzuheben.
Seine Hände schmerzten. Der Stein rutschte weg.
Er setzte erneut an.
„Komm schon“, flüsterte er.
Beim dritten Versuch gab der lockere Boden unter dem Eisenring ein wenig nach.
Mateo hielt inne.
Wenn er den Ring weiter lockern konnte, würde er vielleicht die Befestigung lösen.
Doch plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch.
Ein Knacken.


Mateo drehte sich um.
Oben auf dem Felsvorsprung stand ein Mann.
Er trug einen staubigen Hut, dunkle Kleidung und ein Gewehr über der Schulter.
„Was glaubst du eigentlich, was du da machst, Junge?“, rief er.
Mateo erstarrte.
Der Mann kletterte langsam den Felsen hinunter.
„Geh von dem Tier weg! Sofort!“
Mateo ließ den Stein fallen.
„Ich wollte ihm nur Wasser geben“, antwortete er mit zitternder Stimme.
Der Mann blieb vor ihm stehen und musterte ihn verärgert.
„Das ist nicht irgendein Wolf. Du hast keine Ahnung, womit du es zu tun hast.“
„Aber er ist verletzt.“
„Das geht dich nichts an.“
Der Mann packte die Kette und zog daran. Der Wolf versuchte aufzustehen, doch seine Beine zitterten.
Mateo ballte die Hände zu Fäusten.
„Bitte tun Sie ihm nicht weh.“
Der Mann lachte spöttisch.
„Du solltest dir lieber Gedanken darüber machen, wie du nach Hause kommst. Diese Gegend ist kein Spielplatz.“
Mateo senkte den Blick.
Der Mann hatte recht: Er hatte sich verirrt. Die Sonne stand hoch, das Wasser wurde knapp, und er wusste nicht, wie weit sein Zuhause entfernt war.
Doch bevor er gehen konnte, sah er etwas, das ihn erneut innehalten ließ.
Unter dem dichten Fell des Wolfs befand sich ein breites Lederband.
Daran hing ein kleines, silbernes Medaillon.
Als das Licht darauf fiel, erkannte Mateo ein eingraviertes Zeichen: einen Kreis mit drei Sternen.
Er kannte dieses Symbol.
Er hatte es schon einmal gesehen.
Auf einer alten Fotografie, die seine Großmutter in einer Holzkiste aufbewahrte.
Auf dem Bild stand sein Vater vor einem dunklen Geländewagen. Neben ihm befand sich ein älterer Mann, und beide trugen dasselbe Zeichen auf ihren Jacken.
Mateo schluckte.