„Woher hat der Wolf dieses Medaillon?“
Der Mann hörte die Frage.
Sein Gesicht veränderte sich augenblicklich.
„Was hast du gerade gesagt?“
Mateo zeigte auf das Lederband.
„Das Zeichen. Ich kenne es.“
Der Mann packte ihn am Arm.
„Woher?“
Mateo versuchte, sich loszumachen.
„Lassen Sie mich los!“
Der Wolf hob plötzlich den Kopf.
Ein tiefes Knurren erfüllte die Senke.
Der Mann ließ Mateo sofort los und wich einen Schritt zurück.
Zum ersten Mal wirkte er nicht mehr wütend.
Er wirkte verängstigt.
Denn der Wolf hatte sich aufgerichtet.
Trotz seiner Schwäche stand das Tier nun zwischen dem Mann und dem Jungen. Seine bernsteinfarbenen Augen waren auf den Fremden gerichtet.
Der Mann griff nach seiner Kette.
„Das ist unmöglich“, murmelte er.
Mateo blickte zwischen beiden hin und her.
„Was ist unmöglich?“
Der Mann antwortete nicht.


Stattdessen zog er ein Funkgerät aus seiner Tasche und sprach hastig hinein.
„Wir haben ein Problem. Jemand hat das Zeichen erkannt.“
Eine Stimme knackte aus dem Gerät.
„Wer?“
Der Mann sah Mateo an.
„Ein Junge. Er sagt, er kennt das Symbol.“
Am anderen Ende herrschte einige Sekunden lang Stille.
Dann kam eine Antwort, die den Fremden sichtlich erschütterte.
„Bring den Jungen nicht hierher. Und lass den Wolf auf keinen Fall frei.“
Mateo spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
Warum hatte dieser Mann solche Angst vor einem elfjährigen Jungen?
Und was hatte sein Vater mit diesem Wolf zu tun?
Der Fremde steckte das Funkgerät weg und ging auf Mateo zu.
„Du wirst jetzt mit mir kommen.“
Mateo wich zurück.
„Nein.“
„Das war keine Frage.“
In diesem Augenblick tat der Wolf etwas,

womit keiner der beiden gerechnet hatte.
Er senkte den Kopf und stieß mit seiner Schnauze gegen den rostigen Eisenpfosten.
Der lockere Boden gab nach.
Der Pfosten neigte sich zur Seite, und die Kette rutschte ein Stück über den Metallring.
Mateo begriff sofort.
„Der Ring!“, rief er.
Der Mann drehte sich um.
Mateo griff nach dem flachen Stein, setzte ihn erneut unter die Befestigung und stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen.
Der Ring lockerte sich weiter.
Noch ein Versuch.
Ein metallisches Knacken hallte durch die Senke.
Der Pfosten fiel um.
Die Kette lag frei im Sand.
Der Wolf war nicht länger an den Eisenpfosten gebunden.
Der Fremde rief etwas, doch Mateo hörte es kaum noch.
Das Tier stand auf seinen vier Beinen. Es schwankte, fing sich aber wieder.
Dann ging es langsam zu Mateo.


Der Junge hielt still.
Der Wolf senkte seinen Kopf und berührte mit der Nase seine Hand.
Mateo schluckte.
„Du bist jetzt frei“, flüsterte er.
Doch anstatt davonzulaufen, stellte sich der Wolf neben ihn und blickte in Richtung der Felsen.
Dort waren inzwischen zwei weitere Männer aufgetaucht.
Einer von ihnen trug einen schwarzen Koffer.
Als er den frei stehenden Wolf sah, ließ er den Koffer fallen.
„Nein …“, flüsterte er. „Das kann nicht sein.“
Der ältere Mann neben ihm wurde kreidebleich.
„Wir müssen sofort den Professor verständigen.“
Mateo verstand kein Wort.
Doch dann hörte er einen der Männer einen Namen aussprechen.
Den Namen seines Vaters.
„Wenn dieser Junge wirklich der Sohn von Daniel ist, dann hat er keine Ahnung, was sein Vater damals entdeckt hat.“
Mateo spürte, wie ihm das Herz bis zum Hals schlug.


Sein Vater war vor sieben Jahren verschwunden.
Seine Großmutter hatte immer gesagt, er sei weit weg und könne nicht zurückkehren.
Aber warum kannten diese Männer seinen Namen?
Und warum war ein Wolf mitten in der Wüste angekettet worden, als müsste jemand ein Geheimnis bewachen?
Mateo sah zu dem Tier hinunter.
Der Wolf blickte ihn an.
Dann drehte er sich um und begann, auf einen schmalen Pfad zwischen den Felsen zuzugehen.
Nach wenigen Schritten blieb er stehen und sah zurück.
Es war, als würde er Mateo auffordern, ihm zu folgen.
Der Junge dachte an seine Großmutter, die zu Hause auf ihn wartete.
Er wusste, dass er den Rückweg finden musste.
Doch tief in seinem Herzen spürte er, dass die Begegnung mit diesem Wolf kein Zufall gewesen war.
Er nahm seinen fast leeren Wasserbehälter, atmete tief ein und folgte dem Tier.
Hinter ihm rief einer der Männer:
„Junge! Bleib stehen! Du weißt nicht, wohin dieser Weg führt!“
Mateo drehte sich nicht um.
Der Wolf führte ihn tiefer in die Felsen, bis sich vor ihnen eine verborgene Öffnung auftat.
Dahinter lag der Eingang zu einer alten Höhle.
Und direkt am Eingang entdeckte Mateo etwas, das ihm den Atem raubte.
Eine rostige Metalltafel.
Darauf stand der Name seines Vaters.
DANIEL RAMÍREZ – EXPEDITION 2019.
Darunter waren drei Worte eingraviert:
„Der Wächter ist zurück.“
Mateo trat näher.
Aus dem Inneren der Höhle ertönte plötzlich ein leises Geräusch.
Es klang wie eine Stimme.
Eine Stimme, die seinen Namen rief.
„Mateo …“
Der Junge erstarrte.
Denn diese Stimme hatte er seit sieben Jahren nicht mehr gehört.
Es war die Stimme seines Vaters.
„Papa …?“
Mateos Stimme zitterte.