Jetzt durfte sie nicht einmal mehr auf die Unterlagen ihres eigenen Teams zugreifen.

Ihr Telefon klingelte.

Ihre Mutter.

Laura nahm den Anruf sofort an.

„Mama?“

„Schatz! Ich habe gerade die Nachricht von deiner Beförderung gelesen. Das ist wunderbar! Wann feiern wir?“

Laura schloss die Augen.

„Mama, ich wurde freigestellt.“

Am anderen Ende entstand Stille.

„Was?“

„Es gibt eine Untersuchung. Und Daniel …“

Sie brach ab.

„Was ist mit Daniel?“

Laura atmete zittrig ein.

„Er besitzt die Firma.“

„Welche Firma?“

„Die Bennett International Group.“

Ihre Mutter schwieg so lange, dass Laura dachte, die Verbindung sei abgebrochen.

Dann fragte sie leise:

„Wusstest du das nicht?“

„Nein! Natürlich nicht!“

„Aber du bist doch mit ihm verheiratet.“

„Das weiß ich selbst!“

Ihre Mutter seufzte.

„Laura, ich möchte nicht grausam sein. Aber hast du ihn jemals gefragt, was er eigentlich macht?“

Laura starrte aus dem Fenster.

Natürlich hatte sie gefragt.

Doch Daniel hatte immer nur erklärt, dass er in Investitionen und Unternehmensentwicklung tätig sei. Er hatte Projekte betreut, Geschäftsreisen unternommen und sich mit Menschen getroffen, deren Namen Laura nicht kannte.

Sie hatte nie genauer nachgefragt.

Sie hatte geglaubt, dass seine Arbeit gewöhnlich war, weil er nicht ständig darüber sprach.

„Ich dachte, er wäre ein ganz normaler Geschäftsmann“, flüsterte sie.

„Vielleicht ist er das auch. Nur nicht so, wie du es dir vorgestellt hast.“

Laura legte auf.

Sie wollte nicht länger zuhören.

Sie wollte nicht hören, dass sie selbst einen Teil der Wahrheit übersehen hatte.

Sie wollte nicht daran erinnert werden, wie oft sie Daniel wegen seines Lebensstils kritisiert hatte.

Und sie wollte vor allem nicht darüber nachdenken, dass er ihr all die Jahre die Freiheit gelassen hatte, ihre Karriere selbst aufzubauen.

Ein Klopfen unterbrach ihre Gedanken.

Ihre Assistentin stand in der Tür.

„Frau Bennett?“

„Was ist?“

„Ein Kurier hat das hier für Sie abgegeben.“

Sie legte eine kleine schwarze Schachtel auf den Schreibtisch.

Laura runzelte die Stirn.

„Von wem?“

„Es steht kein Absender darauf.“

Nachdem die Assistentin gegangen war, öffnete Laura die Schachtel.

Darin lag eine Visitenkarte.

Victor Hale – Private Equity & Strategic Acquisitions.

Darunter stand eine Telefonnummer.

Und eine handschriftliche Nachricht:

Ich weiß, wer Ihr Mann ist. Wenn Sie Ihre Karriere retten wollen, sollten wir sprechen.

Laura las die Worte zweimal.

Zum ersten Mal an diesem Tag spürte sie etwas anderes als Scham und Wut.

Hoffnung.

Vielleicht gab es noch eine Möglichkeit.

Vielleicht konnte sie die Untersuchung aufhalten.

Vielleicht konnte sie Daniel beweisen, dass sie genauso mächtig war wie er.

Sie nahm ihr Telefon und wählte die Nummer auf der Karte.

Ein Mann meldete sich nach dem zweiten Klingeln.

„Victor Hale.“

„Mein Name ist Laura Bennett. Ich habe Ihre Karte erhalten.“

„Ich hatte gehofft, dass Sie anrufen würden.“

„Was wollen Sie von mir?“

Der Mann lachte leise.

„Ich möchte Ihnen helfen.“

„Warum?“

„Weil Ihr Mann ein Problem hat, von dem er glaubt, dass niemand es kennt.“

Laura richtete sich auf.

„Welches Problem?“

„Treffen Sie mich heute Abend um acht Uhr im Hotel Grand Meridian. Kommen Sie allein.“

„Ich werde nicht irgendwohin gehen, ohne zu wissen, worum es geht.“

„Dann sage ich es Ihnen am Telefon.“

Er machte eine kurze Pause.

„Daniel Bennett ist nicht der einzige Eigentümer der Unternehmensgruppe.“

Laura erstarrte.

„Was?“

„Es gibt eine alte Beteiligungsvereinbarung. Eine Vereinbarung, die Ihrem Mann seit Jahren erlaubt, die Kontrolle über einen Teil des Unternehmens auszuüben. Aber diese Vereinbarung läuft bald aus.“

„Und was hat das mit mir zu tun?“

„Mehr, als Sie denken.“

Laura sah auf die Visitenkarte.

„Ich komme.“

Sie beendete das Gespräch.

Dann stand sie auf, ging zum Spiegel und betrachtete ihr Gesicht.

Sie sah müde aus.

Verletzt.

Und zum ersten Mal unsicher.

Doch hinter der Unsicherheit begann sich ein neuer Gedanke zu formen.

Wenn Daniel ein Geheimnis vor ihr gehabt hatte, dann musste es noch andere geben.

Und vielleicht war ihre Geschichte mit ihm noch lange nicht vorbei.

Kapitel 5: Der Mann, der Daniel hasste

Am selben Abend betrat Laura das Grand Meridian Hotel.

Die Lobby war voller Geschäftsleute, die sich in kleinen Gruppen unterhielten. Ein Pianist spielte leise Musik, während Kellner Getränke servierten.

Victor Hale saß allein an einem Tisch in der hinteren Ecke.

Er war Anfang fünfzig, trug einen dunkelgrauen Anzug und hatte ein schmales, kontrolliertes Lächeln.

Als Laura sich näherte, stand er auf.

„Frau Bennett. Danke, dass Sie gekommen sind.“

„Ich habe nicht viel Zeit.“

„Das glaube ich Ihnen.“

Er deutete auf den Stuhl gegenüber.

Laura setzte sich.

„Erzählen Sie mir von der Beteiligungsvereinbarung.“

Victor nahm einen Schluck Wasser.

„Vor zwölf Jahren brauchte Daniel Bennett Kapital, um sein Unternehmen aufzubauen. Mein Vater stellte einen Teil des Geldes zur Verfügung. Im Gegenzug erhielt unsere Familie bestimmte vertragliche Rechte.“

„Und diese Rechte laufen aus?“

„Nicht ganz. Einige davon können verlängert werden. Andere gehen an die Anteilseigner zurück, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.“

„Welche Bedingungen?“

Victor lächelte.

„Das ist kompliziert.“