Laura verschränkte die Arme.
„Dann erklären Sie es mir einfach.“
„Daniel muss innerhalb der nächsten drei Monate eine neue Eigentümerstruktur genehmigen. Wenn er das nicht tut, könnte ein Teil seiner Kontrolle an andere Investoren übergehen.“
„Und Sie wollen, dass ich ihm dabei helfe?“
„Ich möchte, dass Sie verstehen, wie verwundbar er tatsächlich ist.“
Laura schwieg.
Victor beugte sich leicht vor.
„Sie waren seine Ehefrau. Sie kennen ihn besser als die meisten Menschen. Und jetzt sind Sie aus der Unternehmensführung entfernt worden. Das muss bitter sein.“
„Ich bin nicht hier, um über meine Gefühle zu sprechen.“
„Natürlich nicht.“
Er schob eine Mappe über den Tisch.
„Hier sind die ersten Unterlagen. Lesen Sie sie. Sie werden feststellen, dass Daniel nicht so unantastbar ist, wie er Ihnen heute Morgen erscheinen wollte.“
Laura öffnete die Mappe.
Die Dokumente waren umfangreich. Sie verstand nicht jedes Detail, erkannte aber Namen, Unternehmensanteile und mehrere Verweise auf eine alte Vereinbarung.
„Warum geben Sie mir das?“
Victor lehnte sich zurück.
„Weil ich glaube, dass Sie und ich gemeinsame Interessen haben.“
„Welche Interessen?“
„Sie möchten Ihre Karriere zurück. Ich möchte, dass Daniel lernt, dass er nicht jede Entscheidung allein treffen kann.“
Laura schloss die Mappe.
„Ich werde nichts Illegales tun.“
Victor hob beschwichtigend die Hände.
„Das habe ich auch nicht vorgeschlagen.“
„Und ich werde keine vertraulichen Informationen aus der Firma weitergeben.“
„Dann sollten Sie die Unterlagen vielleicht nicht behalten.“
Laura stand auf.
„Ich denke, dieses Gespräch ist beendet.“
Victor blieb sitzen.
„Bevor Sie gehen, eine letzte Frage.“
Sie drehte sich um.
„Hat Daniel Ihnen jemals erzählt, warum er seine Familie so konsequent aus seinen Geschäften heraushält?“
Laura antwortete nicht.
Victor sah ihr nach, als sie zur Tür ging.
„Fragen Sie ihn nach seinem Vater“, sagte er ruhig. „Und fragen Sie ihn, warum sein Vater kurz vor seinem Tod versucht hat, die Beteiligungsvereinbarung aufzulösen.“
Laura blieb stehen.
Doch sie drehte sich nicht um.
Sie verließ das Hotel mit der Mappe in ihrer Tasche und einer Frage, die sie nicht mehr loslassen würde.
Was, wenn Daniel nicht nur ihr etwas verschwiegen hatte?
Was, wenn seine gesamte Karriere auf einem Geheimnis beruhte, das noch immer nicht ans Licht gekommen war?
Kapitel 6: Die Tür, die sich nicht mehr öffnete
Am nächsten Morgen fuhr Laura zur Unternehmenszentrale.
Sie hatte kaum geschlafen.
Die Dokumente von Victor lagen auf dem Beifahrersitz. Sie hatte sie die ganze Nacht gelesen, aber viele Abschnitte waren schwer zu verstehen.
Trotzdem hatte sie eine Entscheidung getroffen.
Sie würde mit Daniel sprechen.
Nicht als Ehefrau.
Nicht als die Frau, die gestern ihren Job verloren hatte.
Sondern als jemand, der wissen wollte, ob sie die Wahrheit über den Mann kannte, mit dem sie ihr Leben geteilt hatte.
Als sie die Lobby betrat, nickte ihr die Rezeptionistin zu.
„Guten Morgen, Frau Bennett.“
Laura zwang sich zu einem Lächeln.
„Guten Morgen. Ich möchte zu Daniel.“
„Haben Sie einen Termin?“
„Nein. Ich bin seine Ehefrau.“
Die Rezeptionistin blickte kurz auf ihren Bildschirm.
„Es tut mir leid. Herr Bennett hat angeordnet, dass alle Besuche angemeldet werden müssen.“
Laura erstarrte.
„Alle Besuche? Ich bin nicht irgendein Geschäftspartner.“
„Das verstehe ich.“
„Dann rufen Sie ihn an.“
Die Rezeptionistin tat es.
Nach einer kurzen Pause legte sie den Hörer auf.
„Herr Bennett kann Sie heute nicht empfangen.“
Laura starrte sie an.
„Hat er das selbst gesagt?“
„Ja.“
Die Antwort war höflich.
Und endgültig.
Laura spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Hinter ihr hatten sich inzwischen mehrere Mitarbeiter versammelt. Einige taten so, als würden sie ihre Telefone überprüfen. Andere beobachteten die Szene offen.
Sie wollte schreien.
Sie wollte Daniel zwingen, herunterzukommen und ihr zuzuhören.
Doch dann erinnerte sie sich an seine Worte im Konferenzraum.
Ich glaube, ich sollte dir glauben.
Sie hatte ihm gesagt, dass er nicht zu ihrem Leben passte.
Jetzt hatte er eine Grenze gezogen.
Und sie konnte ihn nicht zwingen, diese Grenze wieder zu öffnen.
Laura drehte sich um und verließ die Lobby.
Doch gerade als sie die Drehtür erreichte, vibrierte ihr Telefon.
Eine Nachricht von Victor.
Haben Sie die Unterlagen gelesen?
Laura tippte:
Ja. Ich muss wissen, ob sie echt sind.
Die Antwort kam sofort.
Dann treffen Sie mich heute Abend wieder. Ich werde Ihnen zeigen, was Daniel Ihnen niemals erzählen wird.
Laura steckte das Telefon ein.
Sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste.
Aber sie wusste auch, dass sie nicht mehr einfach zu ihrem alten Leben zurückkehren konnte.
Die Scheidung war noch nicht abgeschlossen.
Die Untersuchung im Unternehmen lief weiter.
Und nun gab es einen Mann, der behauptete, dass Daniel selbst in Gefahr war, alles zu verlieren.
Laura sah zum Wolkenkratzer hinauf.
Zum ersten Mal fragte sie sich nicht, wie sie wieder an die Spitze gelangen konnte.
Sie fragte sich, was dort oben wirklich vor sich ging.
Kapitel 7: Das Dokument mit der Unterschrift
Am Abend traf Laura Victor in einem privaten Büro außerhalb des Stadtzentrums.
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