Laura sah sie ungläubig an.
„Ich?“
„Sie haben noch einiges zu lernen“, sagte Frau Schneider offen. „Aber Sie haben heute gezeigt, dass Sie bereit sind, sich mit Ihrem Verhalten auseinanderzusetzen.“
Laura schwieg.
Noch am Morgen hatte sie geglaubt, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren würde.
Jetzt bot man ihr die Möglichkeit, sich beruflich weiterzuentwickeln.
„Warum geben Sie mir diese Chance?“, fragte sie.
Thomas setzte sich ihr gegenüber.
„Weil Menschen Fehler machen. Entscheidend ist, ob sie daraus lernen. Ich möchte in diesem Unternehmen Menschen haben, die Verantwortung übernehmen, statt sich hinter Ausreden zu verstecken.“
Laura blickte auf ihre Hände.
„Ich weiß nicht, ob ich dafür geeignet bin.“
„Das müssen Sie heute auch nicht wissen“, antwortete Thomas. „Sie müssen nur entscheiden, ob Sie bereit sind, es zu versuchen.“
Sie dachte an ihre Schwester, an die Rechnungen, die auf dem Küchentisch lagen, und an die vielen Abende, an denen sie nach der Arbeit erschöpft auf das Sofa gefallen war.
Vielleicht hatte sie sich so sehr auf ihre eigenen Sorgen konzentriert, dass sie aufgehört hatte, die Menschen um sich herum wahrzunehmen.
„Ja“, sagte sie schließlich. „Ich möchte es versuchen.“
Thomas reichte ihr die Hand.
„Dann fangen wir nächste Woche an.“
Laura schüttelte sie.
Als sie das Büro verließ, fühlte sie sich leichter als am Morgen.
Doch bevor sie den Verwaltungsbereich erreichte, hörte sie hinter sich eine Stimme.
„Laura, einen Moment bitte.“
Sie drehte sich um.
Frau Schneider stand in der Tür und hielt einen weiteren Umschlag in der Hand.
„Das ist gerade für Sie abgegeben worden.“
Laura nahm ihn verwundert entgegen.
Auf der Vorderseite stand ihr Name.
Es gab keinen Absender.
Sie öffnete den Umschlag und zog einen gefalteten Brief heraus.
Die Schrift war ordentlich, aber fremd.
Liebe Laura,
du glaubst, heute sei es nur um einen Kaffee gegangen.
Das war es nicht.
Der Mann, den du heute bedient hast, kam nicht zufällig in diesen Supermarkt. Er wollte herausfinden, ob du bereit bist, die Wahrheit über das zu erfahren, was vor zwölf Jahren geschehen ist.
Wenn du wissen willst, warum dein Vater damals wirklich verschwunden ist, komm morgen um 18 Uhr zum alten Bahnhof.
Und erzähle niemandem davon.
Laura las die Zeilen zweimal.
Ihr Vater war verschwunden, als sie noch ein Kind gewesen war.
Ihre Mutter hatte ihr immer erzählt, er habe die Familie verlassen und wolle keinen Kontakt mehr.
Laura hatte jahrelang versucht, diese Erklärung zu akzeptieren.
Doch nun stand sie in einem Supermarkt, in dem ein gewöhnlicher Arbeitstag plötzlich zu etwas völlig anderem geworden war, und hielt einen Brief in der Hand, der alles infrage stellte, was sie über ihre Familie zu wissen glaubte.
Sie blickte zu Frau Schneider.
„Wer hat diesen Brief abgegeben?“
„Ein Mann. Er hat nicht gewartet.“
„Wie sah er aus?“
Frau Schneider überlegte.
„Groß, dunkler Mantel, vielleicht Mitte fünfzig. Er kannte Ihren Namen und wusste, in welcher Abteilung Sie arbeiten.“
Laura spürte ein unangenehmes Kribbeln im Nacken.
„Hat Herr Berger den Brief gesehen?“
„Nein. Warum?“
Laura faltete das Papier zusammen.
„Ich weiß es noch nicht.“
Sie steckte den Brief in ihre Tasche und verließ das Büro.
Draußen war es bereits dunkel.
Die Parkplatzbeleuchtung spiegelte sich auf dem nassen Asphalt. Laura ging zu ihrem Auto, schloss die Tür ab und setzte sich hinter das Lenkrad.
Sie hätte den Brief wegwerfen können.
Sie hätte ihn Thomas zeigen und die Polizei einschalten können.
Sie hätte so tun können, als hätte sie ihn nie gelesen.
Doch sie konnte nicht aufhören, an den letzten Satz zu denken.
Warum dein Vater damals wirklich verschwunden ist.
Laura startete den Motor.
Morgen um sechs Uhr würde sie am alten Bahnhof sein.
Sie wusste nicht, wer sie dort erwartete.
Aber sie wusste, dass sie zum ersten Mal seit zwölf Jahren die Chance haben könnte, Antworten zu bekommen.
Und während sie vom Parkplatz fuhr, bemerkte sie nicht, dass am Ende der Straße ein schwarzer Wagen stand.
Im Inneren saß ein Mann, der sie seit dem Morgen beobachtet hatte.
Er nahm sein Telefon heraus und wählte eine Nummer.
„Sie hat den Brief bekommen“, sagte er leise.
Am anderen Ende der Leitung antwortete eine Stimme:
„Gut. Dann beginnt morgen der nächste Teil.“
Der Mann blickte auf den Supermarkt zurück.
„Und was ist mit Berger?“
Eine kurze Pause entstand.
Dann kam die Antwort.
„Er darf auf keinen Fall erfahren, wer Laura wirklich ist.“
Fortsetzung folgt …
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