Kapitel 1: „Bitte folgen Sie mir in mein Büro.“
„Sie sind … der Eigentümer?“

Laura brachte die Worte kaum heraus.

Der Mann vor ihr nickte ruhig. Er trug eine schlichte dunkle Hose, ein graues T-Shirt und eine leichte Jacke. Nichts an ihm hatte verraten, dass er der Mann war, dessen Name auf den Verträgen, den Gehaltsabrechnungen und dem Schild am Haupteingang stand.

„Ja“, antwortete er. „Mein Name ist Thomas Berger.“

Laura spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.

Vor wenigen Minuten hatte sie ihn noch für einen lästigen Kunden gehalten. Sie hatte auf ihr Handy geschaut, mit den Augen gerollt und ihm praktisch gesagt, dass er sich selbst helfen sollte.

Und jetzt stand dieser Mann vor ihr und sah sie nicht einmal wütend an.

Das machte die Situation beinahe noch schlimmer.

„Herr Berger, es tut mir leid. Ich wusste nicht, wer Sie sind.“

Thomas neigte leicht den Kopf.

„Das ist interessant.“

Laura schluckte.

„Was meinen Sie?“

„Sie entschuldigen sich, weil Sie jetzt wissen, wer ich bin. Vor wenigen Minuten haben Sie sich nicht dafür entschuldigt, wie Sie mit einem Kunden gesprochen haben.“

Die Worte trafen sie härter, als sie erwartet hatte.

Hinter ihr war es still geworden. Zwei Mitarbeiter an den benachbarten Kassen taten so, als würden sie ihre Arbeit fortsetzen, doch Laura wusste, dass sie jedes Wort hörten.

„Ich hatte nur einen stressigen Morgen“, sagte sie hastig. „Es war viel los, und ich musste noch ein paar Nachrichten beantworten.“

Thomas blickte auf ihr Smartphone.

„Während Ihrer Arbeitszeit?“

Laura senkte den Kopf.

„Ja.“

„Und wenn ich nicht der Eigentümer gewesen wäre?“

Sie wusste keine Antwort.

Thomas atmete langsam aus.

„Laura, ich möchte Sie nicht vor Ihren Kollegen bloßstellen. Aber ich muss verstehen, was hier passiert. Bitte kommen Sie mit mir in mein Büro.“

Er wandte sich ab und ging in Richtung des Verwaltungsbereichs.

Laura folgte ihm mit schweren Schritten.

Jeder Meter fühlte sich länger an als der vorherige.

In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Würde sie sofort entlassen werden? Würde ihr Gehalt einbehalten werden? Würde sie jemals wieder eine Stelle finden?

Sie hatte die Miete für ihre kleine Wohnung zu bezahlen. Außerdem unterstützte sie ihre jüngere Schwester, die noch zur Schule ging. Ein Verlust ihres Einkommens würde nicht nur sie selbst treffen.

Als sie die Bürotür erreichten, blieb Thomas stehen.

„Bevor wir hineingehen, möchte ich Ihnen etwas sagen.“

Laura hob vorsichtig den Blick.

„Ich erwarte von meinen Mitarbeitern keine Perfektion. Jeder macht Fehler. Auch ich.“

Er öffnete die Tür.

„Aber ich erwarte Respekt. Und ich möchte, dass Sie verstehen, warum.“

Dann ließ er sie eintreten.
Kapitel 2: Die Akte auf dem Schreibtisch
Das Büro war größer, als Laura es sich vorgestellt hatte.

An einer Wand standen Regale mit Ordnern, an der anderen hing ein gerahmtes Foto des ersten Supermarkts, den Thomas vor mehr als zwanzig Jahren eröffnet hatte.

Auf dem Schreibtisch lagen mehrere Akten. Daneben standen zwei Tassen Kaffee.

Eine Frau in einem dunkelblauen Blazer saß bereits auf einem Stuhl. Sie war ungefähr fünfzig Jahre alt, hatte kurze silberne Haare und einen ernsten Blick.

„Das ist Frau Schneider, unsere Leiterin der Personalabteilung“, erklärte Thomas.

Laura nickte nervös.

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen, Frau Weber“, antwortete die Personalchefin.

Thomas nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und deutete auf den freien Stuhl.

„Setzen Sie sich bitte.“

Laura setzte sich so vorsichtig, als könnte bereits das Geräusch des Stuhls über ihre Zukunft entscheiden.

Thomas öffnete eine Akte.

„Ich habe mir heute Morgen einige Bereiche des Geschäfts angesehen. Ich wollte herausfinden, wie unser Kundenservice tatsächlich funktioniert, wenn die Geschäftsleitung nicht vor Ort ist.“

Er legte ein Blatt auf den Tisch.

„Dabei habe ich mehrere Beschwerden gelesen. Kunden berichten, dass sie ignoriert wurden, dass Mitarbeiter unfreundlich reagierten und dass sie häufig keine Hilfe bekamen.“

Laura spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.

„Ich wusste nicht, dass es Beschwerden gab.“

Frau Schneider verschränkte die Hände.

„Es gab Beschwerden über verschiedene Bereiche. Nicht alle betrafen Sie persönlich.“

Laura atmete erleichtert auf.

Doch Thomas fuhr fort:

„Heute habe ich allerdings selbst erlebt, wie ein Kunde behandelt wurde, der lediglich nach einem Produkt gefragt hat.“

Laura starrte auf ihre Hände.

„Ich weiß, dass ich mich falsch verhalten habe.“

„Gut“, sagte Thomas. „Dann können wir wenigstens ehrlich darüber sprechen.“

Er schloss die Akte.

„Warum waren Sie heute so unaufmerksam?“

Laura öffnete den Mund, um eine Ausrede zu geben.

Sie wollte sagen, dass sie müde gewesen sei. Dass die Schicht lang war. Dass sie nur kurz auf ihr Handy geschaut hatte.

Doch plötzlich dachte sie an den Mann, der vor ihr gestanden hatte.

Er hatte höflich gefragt.

Er hatte gewartet.

Und sie hatte ihn behandelt, als wäre er lästig.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich. „Ich habe mich daran gewöhnt, dass die Zeit an der Kasse langsam vergeht. Ich schaue oft auf mein Handy, wenn gerade niemand wartet. Heute habe ich einfach nicht mehr darüber nachgedacht, wie unhöflich ich war.“