Frau Schneider betrachtete sie aufmerksam.

„Und ist das das erste Mal?“

Laura zögerte.

„Nein.“

Die Antwort war leise, aber eindeutig.

Thomas nickte langsam.

„Danke, dass Sie ehrlich sind.“

Laura blickte auf.

„Heißt das, dass ich nicht entlassen werde?“

Thomas antwortete nicht sofort.

„Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Es hängt davon ab, ob Sie bereit sind, Ihr Verhalten zu ändern, und ob es in der Vergangenheit bereits Gespräche darüber gab.“

Laura spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.

„Ich brauche diese Arbeit, Herr Berger.“

„Das verstehe ich.“

„Meine Schwester lebt bei mir. Unsere Mutter ist vor einigen Jahren gestorben, und ich bin diejenige, die sich um sie kümmert. Wenn ich meinen Job verliere, weiß ich nicht, wie wir die Miete bezahlen sollen.“

Zum ersten Mal veränderte sich Thomas’ Gesichtsausdruck.

Er lehnte sich zurück.

„Warum haben Sie mir das nicht gesagt, bevor Sie mich wie einen unerwünschten Besucher behandelt haben?“

Laura schüttelte den Kopf.

„Weil Sie das nicht verpflichtet, mir etwas zu vergeben. Meine Probleme sind keine Entschuldigung dafür, andere Menschen schlecht zu behandeln.“

Im Raum wurde es still.

Frau Schneider warf Thomas einen kurzen Blick zu.

Er erwiderte ihn, sagte aber nichts.

Dann stand er auf und ging zum Fenster.

Draußen bewegten sich die Einkaufswagen über den Parkplatz. Eine ältere Frau half einem kleinen Jungen, eine Tüte in den Kofferraum zu legen. Ein Mitarbeiter schob einen Wagen zurück in den Eingangsbereich.

All diese Menschen waren Teil des Alltags, für den Thomas seit Jahrzehnten Verantwortung trug.

Als er sich wieder umdrehte, hatte er eine Entscheidung getroffen.

„Laura, ich werde Sie heute nicht entlassen.“

Sie sah ihn ungläubig an.

„Wirklich?“

„Aber das bedeutet nicht, dass nichts passiert ist. Sie werden eine schriftliche Verwarnung erhalten. Außerdem erwarte ich, dass Sie die Regeln zur Handynutzung während der Arbeitszeit einhalten und an einer Schulung zum Kundenservice teilnehmen.“

Laura nickte sofort.

„Ja. Natürlich.“

Thomas hob die Hand.

„Lassen Sie mich ausreden. Ich gebe Ihnen diese Chance nicht, weil Sie mich um Ihren Job gebeten haben. Ich gebe sie Ihnen, weil Sie gerade zum ersten Mal in diesem Gespräch die Verantwortung für Ihr Verhalten übernommen haben.“

Laura wischte sich eine Träne von der Wange.

„Danke.“

„Bedanken Sie sich nicht bei mir. Zeigen Sie mir in den kommenden Wochen, dass diese Entscheidung richtig war.“

Sie nickte erneut.

Doch gerade als sie glaubte, das Gespräch sei beendet, klopfte es an der Tür.

Ein junger Mann steckte den Kopf herein.

„Herr Berger? Entschuldigung, aber wir haben ein Problem im Kassenbereich.“

Thomas runzelte die Stirn.

„Was für ein Problem?“

Der Mitarbeiter zögerte.

„Ein Kunde verlangt, dass eine Mitarbeiterin sofort entlassen wird. Er sagt, sie habe ihn beleidigt und sich geweigert, ihm zu helfen.“

Thomas blickte zu Laura.

Sie wurde blass.

„Ich war das nicht“, flüsterte sie.

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

„Nein, Herr Berger. Es geht um Frau Keller.“

Laura erstarrte.

Frau Keller war eine langjährige Mitarbeiterin, die seit fast fünfzehn Jahren im Supermarkt arbeitete. Sie war freundlich, hilfsbereit und bei vielen Stammkunden beliebt.

„Was ist passiert?“, fragte Thomas.

„Der Kunde behauptet, sie habe ihm ein falsches Produkt verkauft und sich anschließend geweigert, den Fehler zu korrigieren. Er ist sehr laut geworden und droht, ein Video im Internet zu veröffentlichen.“

Thomas griff nach seinem Sakko.

„Ich komme.“

Laura stand ebenfalls auf.

„Herr Berger?“

Er drehte sich um.

Sie rang kurz mit sich, dann sagte sie: „Darf ich mitkommen?“

Frau Schneider hob überrascht die Augenbrauen.

„Warum?“

Laura atmete tief ein.

„Weil ich heute selbst einen Kunden schlecht behandelt habe. Ich möchte sehen, wie man eine solche Situation richtig löst.“

Thomas musterte sie einige Sekunden lang.

Dann nickte er.

„Gut. Aber Sie beobachten zunächst nur.“

Laura folgte ihm aus dem Büro.

Und zum ersten Mal an diesem Tag steckte sie ihr Handy freiwillig in die Tasche.
Kapitel 3: Der Kunde, der immer recht haben wollte
Als sie den Kassenbereich erreichten, hatte sich bereits eine kleine Menschenmenge versammelt.

Ein Mann in einem teuren Mantel stand vor Kasse vier. Sein Gesicht war gerötet, und er hielt eine Packung Kaffee in der Hand.

Frau Keller stand ihm gegenüber. Sie wirkte angespannt, blieb aber ruhig.

„Ich habe Ihnen bereits erklärt, dass dieses Produkt mit dem Rabatt ausgezeichnet war“, sagte sie. „Ich kann gern die Marktleitung bitten, die Preisauszeichnung zu überprüfen.“

„Ich will keine Überprüfung!“, rief der Mann. „Ich will mein Geld zurück, und ich will, dass Sie sich entschuldigen!“

„Wenn ein Fehler vorliegt, erstatten wir Ihnen selbstverständlich den entsprechenden Betrag.“

„Sie nennen mich einen Lügner?“

„Nein, das habe ich nicht gesagt.“

Der Mann hob sein Smartphone und richtete die Kamera auf sie.

„Wiederholen Sie das! Sagen Sie es noch einmal! Ich werde dafür sorgen, dass jeder sieht, wie Sie mit Kunden umgehen.“

Einige Menschen begannen zu tuscheln.

Frau Keller blickte kurz zur Seite. Ihre Hände zitterten leicht.

Thomas trat näher.