„Auf ausdrückliche Anweisung des Vorsitzenden – nach Rücksprache mit P. Garnier.“

Étienne las die Zeile wieder und wieder.

Dann sah er Madeleine an.

„Ich muss mit meiner Tochter sprechen.“

Claire kam noch am selben Abend.

Als sie das Arbeitszimmer betrat, lag der Vertrag offen auf dem Schreibtisch.

Sie blieb stehen.

„Woher hast du das?“

„Philippe hat es hiergelassen.“

Claire schloss die Augen.

„Natürlich hat er das.“

Étienne deutete auf den Stuhl vor sich.

„Setz dich.“

Sie gehorchte.

Lange sagte keiner von beiden etwas.

Dann fragte Étienne:

„Hast du gewusst, dass mein Hotel verkauft wurde?“

Claire sah auf ihre Hände.

„Ja.“

Étienne spürte einen dumpfen Schmerz in seiner Brust.

„Hast du gewusst, dass ich die Vollmacht nicht unterschrieben habe?“

Claire begann zu weinen.

„Ich wusste, dass du im Krankenhaus warst. Philippe sagte, du hättest ihm vorher deine Zustimmung gegeben.“

„Und du hast ihm geglaubt?“

„Er sagte, das Unternehmen würde ohne diese Transaktion in Schwierigkeiten geraten. Er sagte, du hättest alles geplant.“

Étienne schüttelte den Kopf.

„Und die vier Millionen?“

Claire antwortete nicht.

„Claire!“

Sie zuckte zusammen.

„Ich habe nicht gewusst, dass es vier Millionen waren“, flüsterte sie. „Ich wusste nur, dass Geld an eine Gesellschaft überwiesen wurde. Philippe sagte, es sei eine vorübergehende Investition.“

Étienne lehnte sich zurück.

Es war keine vollständige Unschuld. Claire hatte Fragen ignoriert, Warnsignale übersehen und sich auf einen Mann verlassen, dessen Aussagen sie nicht überprüft hatte.

Doch möglicherweise hatte sie nicht den gesamten Plan gekannt.

„Warum wolltest du mich für geschäftsunfähig erklären lassen?“

Claire wischte sich die Tränen ab.

„Weil Philippe sagte, du würdest sonst alles gefährden. Er sagte, wenn du weiter selbst entscheidest, könnten die Banken die Kreditlinien kündigen. Er meinte, wir müssten die Kontrolle vorübergehend übernehmen, bis sich dein Zustand stabilisiert.“

„Und du hast geglaubt, das sei die einzige Möglichkeit?“

„Ich hatte Angst, Papa.“

Ihre Stimme brach.

„Ich hatte Angst, dass du eines Morgens nicht mehr aufwachst. Ich hatte Angst, dass das Unternehmen zusammenbricht. Und ich hatte Angst, dass ich am Ende mit ansehen muss, wie alles, was du aufgebaut hast, verschwindet.“

Étienne sah seine Tochter an.

Zum ersten Mal seit ihrem Streit erkannte er nicht nur die Frau, die ihm seine Freiheit nehmen wollte.

Er sah wieder das kleine Mädchen, das früher in sein Büro gelaufen war, um ihm Zeichnungen zu zeigen.

Aber Liebe bedeutete nicht, dass alle Fragen verschwanden.

„Du hättest mit mir reden müssen“, sagte er.

Claire nickte unter Tränen.

„Ich weiß.“

„Und du wirst alles offenlegen, was du weißt. Auch wenn es bedeutet, dass du selbst Konsequenzen tragen musst.“

Sie hob den Kopf.

„Ja.“

Étienne streckte die Hand aus.

Claire nahm sie.

Doch in diesem Moment klopfte es an der Tür.

Madeleine trat ein und hielt ihr Telefon in der Hand.

„Maître Lambert hat gerade angerufen“, sagte sie. „Sie hat die Identität des tatsächlichen Eigentümers von Orphée Capital bestätigt.“

Étienne richtete sich auf.

„Wer ist es?“

Madeleine blickte erst ihn, dann Claire an.

„Philippe Garnier.“

Claire wurde kreidebleich.

„Das ist unmöglich.“

„Es kommt noch schlimmer“, sagte Madeleine. „Die Gesellschaft hat das Geld nicht nur erhalten. Ein großer Teil davon wurde an eine zweite Firma weitergeleitet.“

Étienne spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

„Welche Firma?“

Madeleine sah auf ihr Telefon.

„Eine Firma, die auf den Namen Ihrer verstorbenen Frau eingetragen wurde.“

Für einen Moment schien die ganze Welt stillzustehen.

Étiennes Frau war seit sieben Jahren tot.

Er hatte nie eine Gesellschaft auf ihren Namen gegründet.

Und doch lagen die Belege vor.

Claire stand langsam auf.

„Papa … das bedeutet, dass Philippe nicht nur das Unternehmen bestohlen hat.“

Étienne blickte auf das Foto seiner Frau, das auf dem Schreibtisch stand.

„Nein“, sagte er leise. „Es bedeutet, dass er etwas verbergen wollte, das schon lange vor meiner Krankheit begonnen hat.“

Dann klingelte das Telefon erneut.

Diesmal war es Maître Lambert.

Ihre Stimme klang angespannt.

„Monsieur Valmont, wir haben gerade einen weiteren Vertrag gefunden. Er wurde vor sieben Jahren unterzeichnet – drei Wochen nach dem Tod Ihrer Frau.“

Étienne schloss die Augen.

„Was steht darin?“

Die Anwältin schwieg einen Moment.

Dann sagte sie:

„Ihre Frau hatte offenbar kurz vor ihrem Tod eine geheime Vereinbarung getroffen. Und Philippe Garnier war nicht der einzige Unterzeichner.“

Étienne öffnete die Augen.

„Wer war der andere?“

Die Antwort ließ Claire rückwärts gegen den Schreibtisch taumeln.

Denn der zweite Name auf dem Vertrag war der Name ihres eigenen Vaters.

Und plötzlich stand nicht mehr nur das Vermögen der Valmonts auf dem Spiel – sondern die Wahrheit über den Tod der Frau, die Étienne sein ganzes Leben lang geliebt hatte.