Claire schien selbst überrascht, dass sie sie ausgesprochen hatte.
Étienne schloss kurz die Augen.
„Geh bitte.“
„Papa …“
„Geh.“
Diesmal widersprach sie nicht.
Als die Tür geschlossen war, begann Étienne zu weinen.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Es waren die stillen Tränen eines Mannes, der ein Vermögen aufgebaut hatte und plötzlich nicht mehr wusste, ob seine eigene Tochter ihn liebte oder nur auf sein Erbe wartete.
Madeleine blieb bei ihm.
Sie stellte keine Fragen. Sie versuchte nicht, ihn zu trösten, indem sie ihm versprach, dass alles gut werden würde.
Sie nahm einfach seine Hand.
Und das genügte.
Zwei Tage später erhielt Étienne einen Anruf von einer unabhängigen Anwältin, die Madeleine über eine Bekannte aus Grasse gefunden hatte.
Sie hieß Maître Sophie Lambert und hatte bereits die ersten Unterlagen geprüft.
„Monsieur Valmont“, sagte sie, „ich muss Ihnen etwas mitteilen. Die Gesellschaft Orphée Capital ist nicht nur Empfängerin der Überweisungen. Sie wurde vor acht Monaten gegründet.“
Étienne schloss die Augen.
„Von wem?“
„Das lässt sich anhand der öffentlich zugänglichen Unterlagen nicht abschließend feststellen. Es gibt allerdings einen weiteren ungewöhnlichen Umstand.“
„Welchen?“
„Die Gesellschaft hat kurz nach ihrer Gründung eine Beteiligung an einem Ihrer Hotels erworben. Zu einem Preis, der deutlich unter dem Marktwert lag.“
Étienne richtete sich auf.
„Welches Hotel?“
Sie nannte den Namen.
Es war das erste Hotel, das er gemeinsam mit seiner verstorbenen Frau gekauft hatte.
Der Ort, an dem sie ihre Flitterwochen verbracht hatten. Das Haus, das er ihr versprochen hatte niemals zu verkaufen.
„Das kann nicht sein“, flüsterte er.
„Wir prüfen den Vertrag. Es sieht so aus, als sei die Transaktion auf Grundlage einer Vollmacht erfolgt, die in Ihrem Namen erteilt wurde.“
Étienne erinnerte sich an den Tag, an dem er die Vollmacht unterschrieben haben sollte.
Er war damals nach einer schweren Episode ins Krankenhaus gebracht worden.
Er hatte nichts unterschrieben.
Das wusste er mit absoluter Sicherheit.
„Maître Lambert“, sagte er, „ich möchte, dass Sie alles untersuchen. Jeden Vertrag, jede Überweisung, jede Unterschrift.“
„Das wird Zeit brauchen.“
„Dann nehmen Sie sich die Zeit.“
Nachdem das Gespräch beendet war, sah Étienne zu Madeleine.
„Ich habe geglaubt, dass meine Tochter mich verrät. Aber vielleicht habe ich nicht einmal verstanden, wer in meinem eigenen Haus die Fäden zieht.“
Madeleine dachte an Philippe Garnier, an Claire und an die unbekannte Gesellschaft.
„Vielleicht“, sagte sie, „haben mehrere Menschen unterschiedliche Gründe gehabt, Ihnen nicht die Wahrheit zu sagen.“
Étienne nickte langsam.
Zum ersten Mal seit Wochen wirkte er nicht mehr hilflos.
Er wirkte entschlossen.
Am Montagmorgen erschien Philippe Garnier persönlich in der Villa.
Er trug einen grauen Anzug, hielt eine Ledermappe in der Hand und lächelte, als wäre er gekommen, um einen alten Freund zu besuchen.
„Étienne, ich mache mir Sorgen um dich“, sagte er. „Claire hat mir erzählt, dass du überall Betrug vermutest.“
Étienne ließ ihn eintreten.
Madeleine blieb im angrenzenden Zimmer. Die Tür stand einen Spalt offen.
„Ich vermute keinen Betrug“, erwiderte Étienne. „Ich untersuche vier Millionen Euro, die verschwunden sind.“
Philippe stellte die Mappe auf den Tisch.
„Ich habe die Unterlagen mitgebracht. Es handelt sich um genehmigte Investitionen. Deine Unterschrift ist auf allen Dokumenten vorhanden.“
„Dann dürfte es kein Problem sein, sie unabhängig überprüfen zu lassen.“
Philippes Lächeln verschwand.
„Du machst einen Fehler. Du lässt dich von einer Haushälterin und einer Anwältin gegen deine eigene Familie aufbringen.“
Étienne antwortete ruhig.
„Madeleine hat mich nicht gebeten, ihr Geld zu geben. Sie hat mich nicht gebeten, ihr Anteile an meinem Unternehmen zu übertragen. Sie hat mir nicht gesagt, ich solle jemandem misstrauen. Sie hat mir nur geholfen, als ich auf dem Boden lag.“
Philippe schwieg.
„Und du?“, fuhr Étienne fort. „Was hast du getan, als ich krank wurde?“
Der Finanzdirektor stand abrupt auf.
„Ich habe dieses Unternehmen mit aufgebaut! Ohne mich wäre es längst zusammengebrochen.“
„Das habe ich nie bestritten.“
„Du solltest dankbar sein, dass jemand noch in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen.“
Étienne blickte ihn lange an.
„Wer hat die Vollmacht für den Verkauf meines Hotels ausgestellt?“
Philippe griff nach seiner Mappe.
„Ich werde mich dazu nicht äußern, solange du nicht wieder vernünftig bist.“
„Dann geh.“
Philippe ging zur Tür.
Doch bevor er das Zimmer verließ, drehte er sich noch einmal um.
„Du solltest aufpassen, Étienne. Nicht jeder, der behauptet, dir helfen zu wollen, tut es aus Nächstenliebe.“
Sein Blick glitt kurz zu Madeleine.
Dann verließ er die Villa.
Madeleine trat ins Zimmer.
„Er wollte Ihnen Angst machen.“
„Ja.“
„Hat es funktioniert?“
Étienne blickte auf die Ledermappe, die Philippe zurückgelassen hatte.
„Nein. Aber ich glaube, er hat gerade einen Fehler gemacht.“
In der Mappe lag eine Kopie des Vertrags über den Verkauf des Hotels.
Und am unteren Rand befand sich ein Vermerk, den Philippe offenbar übersehen hatte.
Die Vollmacht war nicht von Étienne selbst ausgestellt worden.
Sie war von Claire Valmont gegengezeichnet worden.
Doch neben ihrem Namen stand eine handschriftliche Notiz:
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