Étienne Valmont starrte auf das Dokument in der Hand seiner Tochter.

Er hatte in seinem Leben Hunderte Verträge unterschrieben. Er hatte Hotels gekauft, Grundstücke verkauft und Verhandlungen geführt, bei denen Millionen auf dem Spiel standen. Doch noch nie hatte ihn ein Blatt Papier so sehr erschüttert wie dieses.

„Du willst mich für geschäftsunfähig erklären lassen?“, fragte er leise.

Claire verschränkte die Arme.

„Ich will verhindern, dass du Entscheidungen triffst, die dem Unternehmen schaden. Du bist krank, Papa. Du kannst nicht einmal mehr allein aufstehen.“

Étienne presste die Lippen zusammen.

„Und deshalb soll ich auch nicht mehr über mein eigenes Leben entscheiden dürfen?“

„Mach es nicht komplizierter, als es ist.“

Madeleine Roux stand schweigend neben dem Bett. Sie hatte schon genug Familien erlebt, um zu wissen, dass manche Worte schmerzhafter waren als jede Krankheit.

Claire warf ihr einen verächtlichen Blick zu.

„Und Sie sollten sich besser nicht einmischen. Sie werden dafür bezahlt, sich um meinen Vater zu kümmern, nicht dafür, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen.“

Madeleine hob ruhig den Kopf.

„Ich werde dafür bezahlt, meiner Tochter zu helfen, dieses Haus in Ordnung zu halten. Aber niemand hat mich dafür bezahlt, wegzusehen, wenn ein Mensch gedemütigt wird.“

Claire lachte trocken.

„Wie rührend.“

Dann wandte sie sich wieder ihrem Vater zu.

„Du hast bis Freitag Zeit, das Dokument freiwillig zu unterschreiben. Danach wird das Gericht entscheiden.“

Sie legte die Unterlagen auf den Nachttisch und verließ das Zimmer.

Die Tür fiel ins Schloss.

Lange sagte niemand etwas.

Schließlich griff Étienne nach dem Dokument und schob es von sich.

„Sie wartet seit Monaten auf diesen Moment“, murmelte er. „Sie glaubt, meine Krankheit sei ihre Gelegenheit.“

Madeleine zog einen Stuhl heran.

„Vielleicht hat sie Angst.“

„Angst?“

„Vielleicht hat sie Angst, ihren Vater zu verlieren. Manche Menschen wissen nicht, wie sie mit dieser Angst umgehen sollen. Also versuchen sie, alles zu kontrollieren.“

Étienne sah sie bitter an.

„Und wenn sie nicht aus Angst handelt? Wenn sie einfach nur mein Geld will?“

Madeleine antwortete nicht sofort.

„Dann wird die Wahrheit irgendwann ans Licht kommen. Aber Sie sollten nicht zulassen, dass Ihre Angst Ihnen die letzten Menschen nimmt, denen Sie noch vertrauen können.“

Étienne wandte den Blick zum Fenster.

Draußen glitzerte das Mittelmeer in der Nachmittagssonne. Früher hatte er von dort aus seine Entscheidungen getroffen, als gehöre ihm die ganze Welt.

Jetzt wusste er nicht einmal, ob er seiner eigenen Tochter noch glauben konnte.

Und zum ersten Mal seit Jahren war er froh, dass Madeleine im Zimmer blieb.

Am nächsten Morgen erschien Claire erneut in der Villa.

Diesmal brachte sie einen Mann in einem dunkelblauen Anzug mit. Er stellte sich als Maître Laurent Delorme vor, einen auf Vermögens- und Betreuungsrecht spezialisierten Anwalt.

„Mein Vater braucht professionelle Unterstützung“, erklärte Claire. „Wir müssen sicherstellen, dass seine medizinische Situation angemessen berücksichtigt wird.“

Étienne schnaubte.

„Du meinst, du willst einen Mann neben mein Bett setzen, der jede meiner Entscheidungen überprüft.“

Der Anwalt blieb höflich.

„Monsieur Valmont, mein Auftrag besteht darin, Ihre Interessen zu schützen.“

„Und wer hat Sie beauftragt?“

„Ihre Tochter.“

„Dann schützen Sie ihre Interessen.“

Claire schlug mit der Hand auf den Tisch.

„Das reicht! Du bist nicht mehr in der Lage, objektiv zu beurteilen, was gut für dich ist.“

Madeleine, die gerade Tee hereinbrachte, stellte das Tablett ab.

„Dann lassen Sie unabhängige Fachleute entscheiden“, sagte sie. „Nicht Menschen, die selbst etwas davon haben, wenn er seine Entscheidungsbefugnis verliert.“

Für einen Moment herrschte absolute Stille.

Der Anwalt sah Madeleine nachdenklich an.

Claire hingegen wurde rot vor Wut.

„Sie sind entlassen!“

„Das können Sie nicht entscheiden“, erwiderte Madeleine ruhig. „Ich arbeite für Anaïs, und mein Vertrag betrifft ihre Unterstützung im Haushalt. Nicht Ihre Launen.“

Étienne musste trotz seiner Erschöpfung lächeln.

Es war das erste Mal seit Wochen, dass jemand in seinem Haus Claire widersprochen hatte, ohne sich sofort zu entschuldigen.

Doch Claire hatte noch einen Trumpf.

Sie zog eine weitere Mappe aus ihrer Tasche.

„Gut. Dann reden wir über die Tatsachen. In den vergangenen sechs Monaten wurden mehrere größere Überweisungen von den Konten der Unternehmensgruppe vorgenommen. Die Freigaben tragen deinen Namen.“

Étiennes Gesicht veränderte sich.

„Welche Überweisungen?“

„Insgesamt fast vier Millionen Euro. An eine Gesellschaft in Luxemburg.“

„Das ist unmöglich.“

Claire legte ihm eine Liste vor.

„Die Transaktionen wurden von deinem Büro autorisiert.“

Étienne betrachtete die Daten. Seine Hände begannen zu zittern.

Einige Überweisungen stammten aus einer Zeit, in der er bereits Schwierigkeiten hatte, sich an Besprechungen zu erinnern. Andere waren an Tagen erfolgt, an denen er sich nachweislich in einer neurologischen Klinik aufgehalten hatte.

„Ich habe diese Zahlungen nicht genehmigt“, sagte er.

Claire beugte sich zu ihm.

„Vielleicht erinnerst du dich einfach nicht mehr.“

„Ich weiß, was ich unterschrieben habe!“

Seine Stimme brach.

Madeleine trat näher, doch Étienne hob die Hand. Er wollte nicht, dass seine Tochter sah, wie sehr ihn die Situation erschütterte.

Claire schloss die Mappe.

„Genau deshalb brauchen wir eine rechtliche Lösung.“