Sie ging, ohne sich zu verabschieden.

Als die Tür hinter ihr zufiel, ließ Étienne den Kopf sinken.

„Vier Millionen Euro“, flüsterte er. „Wenn das stimmt, habe ich nicht nur die Kontrolle über mein Unternehmen verloren. Ich habe möglicherweise selbst zugelassen, dass jemand es ausraubt.“

Madeleine setzte sich neben ihn.

„Sie müssen sich nicht heute entscheiden, wem Sie vertrauen. Aber Sie müssen herausfinden, wer diese Überweisungen vorgenommen hat.“

„Und wenn ich es selbst war?“

Sie sah ihm direkt in die Augen.

„Dann werden wir es ebenfalls herausfinden.“

In den folgenden Tagen veränderte sich die Atmosphäre in der Villa.

Étienne bestand darauf, seine alten Geschäftsunterlagen zu sehen. Anaïs holte Akten aus dem Arbeitszimmer, während Madeleine ihm half, die Dokumente zu ordnen.

Es war eine mühsame Arbeit.

Manchmal verlor Étienne den Faden eines Gesprächs. Manchmal konnte er sich an einen Namen erinnern, aber nicht an das Gesicht dazu. Wenn ihn die Erschöpfung übermannte, schloss er die Augen und wartete, bis die Unruhe nachließ.

Doch zwischen den Rechnungen und Verträgen entdeckte er etwas Merkwürdiges.

Jede der verdächtigen Überweisungen war über dieselbe interne Abteilung abgewickelt worden.

Die Abteilung für strategische Vermögensverwaltung.

Sie wurde von einem Mann geleitet, dem Étienne seit fast zwanzig Jahren vertraute: Philippe Garnier, seinem Finanzdirektor.

„Philippe kennt jeden Vertrag in diesem Unternehmen“, sagte Étienne. „Er hat meinen Aufstieg begleitet. Er war bei mir, als ich das erste Hotel gekauft habe.“

Madeleine blätterte durch die Unterlagen.

„Und wer konnte die Zahlungen ohne Ihre persönliche Anwesenheit freigeben?“

Étienne schwieg.

Dann deutete er auf eine Klausel in einem älteren Vertrag.

„Der Finanzdirektor kann bestimmte Transaktionen mit einer zweiten elektronischen Freigabe autorisieren. Diese Berechtigung wurde vor drei Jahren erweitert.“

„Von wem?“

Étienne las die Unterschrift.

Seine eigene.

Doch neben seiner Unterschrift stand eine zweite: Claire Valmont.

Er starrte darauf.

„Claire war damals erst seit wenigen Monaten im Vorstand.“

Madeleine schob ihm das Blatt zurück.

„Dann müssen Sie herausfinden, ob sie die Erweiterung aus geschäftlichen Gründen beantragt hat oder ob jemand sie dazu gebracht hat.“

Étienne rieb sich die Stirn.

Er wollte seine Tochter verteidigen. Ein Teil von ihm konnte sich nicht vorstellen, dass Claire an einem solchen Plan beteiligt war.

Aber er konnte auch nicht länger ignorieren, was vor ihm lag.

Am Nachmittag rief er Philippe Garnier an.

Der Finanzdirektor nahm nach dem zweiten Klingeln ab.

„Étienne! Wie geht es dir? Ich habe gehört, dass du dich etwas zurückgezogen hast.“

„Wir müssen über die Überweisungen nach Luxemburg sprechen.“

Am anderen Ende entstand eine Pause.

Sie dauerte nur einen Moment.

Doch Étienne bemerkte sie.

„Welche Überweisungen?“, fragte Philippe.

„Vier Millionen Euro. Sechs Monate. Eine Gesellschaft namens Orphée Capital.“

Diesmal war die Pause länger.

„Ich werde die Unterlagen prüfen lassen“, antwortete Philippe schließlich. „Du solltest dich im Moment nicht mit solchen Dingen belasten.“

Étienne richtete sich auf.

„Ich habe dich nicht gefragt, was ich tun sollte. Ich habe dich gefragt, wer die Überweisungen genehmigt hat.“

Philippes Stimme wurde kühler.

„Wir sollten darüber sprechen, wenn du wieder in der Lage bist, die Details zu überblicken.“

Dann legte er auf.

Étienne hielt das Telefon noch lange in der Hand.

„Er weiß etwas“, sagte er schließlich.

Madeleine nickte.

„Dann sollten Sie ab jetzt jedes Gespräch dokumentieren und die Originalunterlagen sichern. Ihre Anwältin sollte dafür sorgen, dass unabhängige Fachleute die Vorgänge untersuchen.“

„Meine Anwältin?“

„Ja. Eine, die weder Ihrer Tochter noch Ihrem Unternehmen verpflichtet ist.“

Étienne sah Madeleine an.

„Sie sprechen, als hätten Sie schon einmal erlebt, wie Menschen jemanden ausnutzen.“

Madeleine blickte aus dem Fenster.

„Mein Mann hat seine letzten Jahre damit verbracht, ein Geschäft zu retten, das seine Partner zerstören wollten. Ich habe damals zu lange geglaubt, dass die Wahrheit allein ausreichen würde.“

Sie wandte sich wieder ihm zu.

„Heute würde ich früher Fragen stellen.“

Am Freitagmorgen kam Claire mit einer neuen Nachricht.

Der Antrag auf gerichtliche Prüfung war eingereicht worden. Eine unabhängige medizinische Begutachtung sollte klären, welche Entscheidungen Étienne weiterhin selbst treffen konnte.

„Du solltest dankbar sein“, sagte sie. „Das Gericht wird alles ordentlich regeln.“

Étienne saß im Rollstuhl am Fenster.

„Ich bin nicht gegen eine medizinische Begutachtung. Ich bin dagegen, dass du sie benutzt, um dir die Kontrolle über mein Leben zu sichern.“

Claire presste die Lippen zusammen.

„Du verdächtigst mich, weil eine fremde Frau dir Geschichten erzählt.“

„Nein. Ich verdächtige dich, weil du mir Dokumente vorlegst, die ich nicht kenne, und mir erklärst, ich müsse dir gehorchen.“

„Ich versuche, dich zu schützen!“

„Dann beantworte mir eine Frage. Was weißt du über Orphée Capital?“

Claire erstarrte.

Nur für einen Augenblick.

Aber es genügte.

Étienne hatte ihr Gesicht oft genug gesehen, um den Unterschied zwischen Überraschung und Angst zu erkennen.

„Woher kennst du diesen Namen?“, fragte sie.

„Vier Millionen Euro wurden an diese Gesellschaft überwiesen.“

Claire wandte den Blick ab.

„Das ist eine Angelegenheit des Unternehmens.“

„Du sitzt im Vorstand.“

„Und du bist krank!“

Die Worte hallten durch den Raum.