„Bitte dokumentieren Sie die Situation und bewahren Sie alle relevanten Unterlagen auf. Verändern oder entfernen Sie nichts. Ich werde die zuständigen unabhängigen Stellen einschalten.“
Laurent schüttelte hektisch den Kopf.
„Das können Sie nicht einfach machen!“
„Doch. Ich kann dafür sorgen, dass der Verdacht ordnungsgemäß geprüft wird. Über die Konsequenzen entscheiden die zuständigen Stellen anhand der Beweise.“
„Sie zerstören meine Karriere!“
Claire sah ihn an.
„Ihre Karriere steht nicht zur Debatte, weil Sie einen Fehler gemacht haben. Sie steht zur Debatte, wenn sich herausstellt, dass Sie Ihre Befugnisse missbraucht haben.“
Er schwieg.
Zum ersten Mal an diesem Nachmittag hatte Laurent Maréchal keine Antwort.
Als Claire die Wache verließ, wartete Karim vor dem Gebäude.
Er stand neben seinem Taxi und hielt seine Mütze in den Händen.
„Frau Kommissarin“, sagte er unsicher. „Stimmt es, was Julien mir erzählt hat?“
„Was hat er Ihnen erzählt?“
„Dass Sie eine hohe Polizeibeamtin sind.“
Claire nickte.
Karim starrte sie an.
„Und ich habe Ihnen im Taxi von meinen Problemen erzählt, ohne zu wissen, wer Sie sind.“
„Sie haben mir die Wahrheit erzählt. Das ist alles, was zählt.“
Der Fahrer schluckte.
„Was passiert jetzt?“
„Ihre Aussage wird aufgenommen. Die Vorwürfe werden geprüft, und ich werde darauf achten, dass die Untersuchung unabhängig erfolgt. Wenn Sie weitere Beweise haben, bewahren Sie sie auf und geben Sie sie den zuständigen Ermittlern.“
Karim nickte langsam.
„Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben.“
Claire legte ihm kurz die Hand auf die Schulter.
„Geben Sie sie noch nicht auf.“
Sie verabschiedete sich und ging zu einem nahe gelegenen Platz, um ein anderes Taxi zu rufen.
Erst dort schaltete sie ihr privates Handy wieder ein.
Dutzende Nachrichten erschienen auf dem Bildschirm.
Ihre Mutter hatte angerufen. Mathieu hatte geschrieben. Eine Cousine hatte ein Foto der bereits geschmückten Hochzeitslocation geschickt.
Claire rief ihren Bruder an.
„Mathieu, es tut mir leid.“
„Claire! Wo bist du? Mama macht sich Sorgen. Wir wollten gerade anfangen.“
„Ich hatte einen dienstlichen Zwischenfall.“
„Du hast heute doch frei!“
„Ich weiß.“
Am anderen Ende herrschte kurz Stille.
„Kommst du noch?“, fragte Mathieu schließlich.
Claire blickte auf die Uhr.
„Ja. Ich komme.“
„Dann beeil dich. Und bitte komm nicht mit diesem Gesicht, das du immer hast, wenn du einen Verdächtigen verhörst.“
Trotz allem musste Claire lächeln.
„Ich werde mich bemühen.“
Sie legte auf.
Für einen Moment erlaubte sie sich, wieder nur Schwester zu sein.
Doch dann vibrierte ihr Handy erneut.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer erschien auf dem Bildschirm.
Wenn Sie wissen wollen, wer Maréchal wirklich schützt, suchen Sie nach dem Bericht vom 14. März.
Darunter stand ein zweiter Satz:
Vertrauen Sie niemandem in Ihrer eigenen Direktion.
Claire las die Nachricht zweimal.
Der 14. März.
Genau das Datum, das Julien auf dem Deckblatt des Berichts gesehen hatte.
Sie blickte zurück zur Polizeiwache.
Laurent war nicht der Einzige, der etwas zu verlieren hatte.
Vielleicht hatte jemand in der Direktion von den Vorgängen gewusst. Vielleicht hatte jemand weggesehen. Vielleicht war jemand sogar daran beteiligt gewesen.
Claire konnte noch nicht wissen, welche dieser Möglichkeiten zutraf.
Aber eines war klar: Sie durfte sich nicht allein auf die Aussagen eines einzelnen Beamten verlassen.
Sie musste Beweise sichern, die Herkunft der Nachricht prüfen lassen und sicherstellen, dass die Ermittlungen nicht von denjenigen beeinflusst wurden, gegen die sich der Verdacht richtete.
Eine Stunde später betrat Claire den Festsaal.
Ihre Mutter kam ihr entgegen und umarmte sie so fest, dass Claire für einen Augenblick die Augen schloss.
„Ich hatte solche Angst, dass dir etwas passiert ist.“
„Es tut mir leid, Mama.“
Mathieu stand neben seiner zukünftigen Frau und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Du schaffst es wirklich, an deinem freien Tag in Schwierigkeiten zu geraten.“
„Es war kompliziert.“
„Das glaube ich dir sofort.“
Er lächelte und nahm sie in den Arm.
Für einige Minuten gelang es Claire, den Fall zu vergessen.
Sie gratulierte dem Brautpaar, sprach mit den Verwandten und tanzte sogar mit ihrem Bruder.
Doch als sie später allein am Rand des Saals stand, holte sie ihr Handy heraus und las die anonyme Nachricht erneut.
Der Bericht vom 14. März.
Der unbekannte Anrufer.
Laurents selbstsicheres Auftreten.
Und eine Dienststelle, in der ein junger Beamter Angst hatte, die Wahrheit auszusprechen.
All diese Dinge ergaben noch kein vollständiges Bild.
Aber sie ergaben genug, um eine ernsthafte Untersuchung zu rechtfertigen.
Claire öffnete ihre Kontakte und wählte eine Nummer, die sie seit Jahren kannte: die einer erfahrenen Ermittlerin, die nicht zu Laurents Dienststelle gehörte.
Als die Verbindung zustande kam, sprach Claire leise.
„Ich brauche Ihre Hilfe. Es geht um einen möglichen Korruptionsfall in Lyon. Ich möchte, dass wir die Sache unabhängig prüfen und zunächst alle Beweise sichern.“
Am anderen Ende wurde es still.
Dann fragte die Ermittlerin:
„Wie groß ist die Sache?“
Claire blickte durch die Glastür in den Saal. Ihr Bruder lachte gerade mit seiner Frau. Ihre Mutter saß an einem Tisch und wischte sich gerührt die Augen.
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