„Ich wollte mich entschuldigen.“
Claire sah ihn an.
„Wofür?“
„Dafür, dass ich Sie hierhergebracht habe.“
„Sie haben eine Anweisung befolgt.“
Julien schüttelte den Kopf.
„Das ist keine Entschuldigung. Ich hätte wenigstens nachfragen müssen, ob die Festhaltung rechtmäßig ist.“
Claire musterte ihn aufmerksam.
„Warum haben Sie es nicht getan?“
Er schwieg lange.
„Weil ich Angst habe, meine Arbeit zu verlieren.“
„Und was glauben Sie, passiert mit Ihrer Arbeit, wenn Sie irgendwann für etwas verantwortlich gemacht werden, das Sie hätten verhindern können?“
Julien sah zu Boden.
„Ich weiß es nicht.“
Claire ließ ihm einen Moment Zeit.
Dann fragte sie: „Wie lange arbeiten Sie schon mit Maréchal?“
„Drei Jahre.“
„Haben Sie schon einmal erlebt, dass er Geld verlangt hat, ohne einen Bericht auszustellen?“
Julien blickte erschrocken zur Tür.
„Bitte fragen Sie mich das nicht.“
„Warum?“
„Weil ich nicht weiß, wer hier mithört.“
Claire nickte langsam.
„Dann werde ich nicht weiterfragen. Aber ich möchte, dass Sie über eines nachdenken: Wenn Sie etwas gesehen haben, das möglicherweise strafbar ist, dann wird es nicht dadurch ungeschehen, dass Sie schweigen.“
Julien atmete tief durch.
Schließlich griff er in seine Brusttasche und zog einen gefalteten Zettel heraus.
„Ich habe mir eine Telefonnummer notiert“, flüsterte er. „Die Nummer, die Maréchal vorhin angerufen hat.“
Claire blickte auf den Zettel, nahm ihn jedoch nicht sofort entgegen.
„Warum geben Sie mir das?“
„Weil ich nicht mehr sicher bin, ob ich ihm vertrauen kann.“
„Haben Sie selbst gehört, was er gesagt hat?“
„Nur Teile. Aber ich habe auch gesehen, wie er einen Bericht aus einem Ordner genommen und in seinem Schreibtisch eingeschlossen hat. Danach hat er jemanden angerufen.“
„Wann war das?“
„Heute Morgen.“
Claire dachte nach.
„Haben Sie den Bericht gelesen?“
„Nein. Aber auf dem Deckblatt stand das Datum 14. März.“
Sie sah ihn scharf an.
„Der vierzehnte März?“
Julien nickte.
Claire spürte, dass dieses Datum wichtig sein könnte. Sie wollte allerdings keine voreiligen Schlüsse ziehen.
„Haben Sie jemandem davon erzählt?“
„Nein.“
„Dann verändern Sie nichts. Notieren Sie, was Sie selbst gesehen und gehört haben, so genau wie möglich. Trennen Sie dabei Ihre eigenen Beobachtungen von dem, was Sie nur vermuten.“
Julien nickte.
„Verstanden.“
Er ging zur Tür, blieb jedoch noch einmal stehen.
„Frau … darf ich Sie etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Warum haben Sie sich nicht einfach ausgewiesen? Dann hätte Maréchal Sie niemals so behandeln können.“
Claire sah ihn ruhig an.
„Weil er sich auch gegenüber Menschen rechtmäßig verhalten muss, die keine Dienstmarke besitzen.“
Julien senkte den Kopf.
Diese Antwort schien ihn stärker zu treffen als jede Standpauke.
Kurz darauf kam Laurent persönlich zurück.
In seiner Hand hielt er ein Formular.
„Wir machen das jetzt ganz einfach“, sagte er. „Sie unterschreiben, dass Sie meine Arbeit behindert haben. Danach dürfen Sie gehen.“
Claire stand auf.
„Ich unterschreibe nichts, was nicht den Tatsachen entspricht.“
„Dann bleiben Sie hier.“
„Auf welcher rechtlichen Grundlage?“
Laurent schlug das Formular gegen seine Handfläche.
„Sie sind wirklich eine schwierige Frau.“
„Das sagen Sie vermutlich zu jedem, der Ihnen widerspricht.“
Sein Gesicht verhärtete sich.
„Passen Sie auf, was Sie sagen.“
„Warum? Haben Sie Angst, dass jemand Ihre Worte aufschreibt?“
Laurent trat näher.
„Sie wissen nicht, mit wem Sie sich anlegen.“
Claire sah ihn direkt an.
„Doch. Ich habe eine ziemlich gute Vorstellung davon.“
Er griff nach ihrem Arm.
„Jetzt reicht es!“
Claire zog den Arm zurück.
„Fassen Sie mich nicht an.“
Laurent erstarrte kurz. Dann blickte er zum Flur, als wolle er sich vergewissern, dass niemand zusah.
„Sie werden das bereuen.“
„Ist das eine Drohung?“
„Das ist ein guter Rat.“
„Dann sollten Sie anfangen, selbst gute Ratschläge zu befolgen.“
Laurent wurde rot vor Wut.
„Julien! Holen Sie mir sofort den Vorgesetzten!“
Julien erschien am Ende des Flurs.
„Chef?“
„Diese Frau behauptet, sie sei eine wichtige Persönlichkeit. Ich will wissen, wer sie wirklich ist.“
Claire griff in ihre Handtasche.
Langsam zog sie ihre Dienstmarke hervor.
„Das lässt sich einrichten.“
Sie hielt ihm die Marke hin.
Laurent nahm sie.
Zuerst betrachtete er sie ungeduldig, als erwarte er irgendeinen Scherz.
Dann las er den Namen.
Claire Montfort. Polizeikommissarin.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
Er blickte auf das Foto, dann auf Claire, dann wieder auf die Marke.
„Nein“, flüsterte er.
Claire streckte die Hand aus.
„Meine Marke, bitte.“
Laurent gab sie ihr zurück, als wäre sie plötzlich heiß geworden.
„Frau Kommissarin … ich wusste nicht …“
„Das ist mir bewusst.“
„Es gab ein Missverständnis.“
„Ein Missverständnis?“
Claire trat aus der Zelle.
„Sie haben einen Taxifahrer wegen eines angeblichen Verstoßes angehalten, ohne die Unterlagen sorgfältig zu prüfen. Sie haben Geld verlangt, ohne einen ordnungsgemäßen Bericht auszustellen. Sie haben mich festhalten lassen und mir gedroht. Und ich habe gehört, wie Sie am Telefon über das Verschwinden eines Berichts gesprochen haben.“
Laurent öffnete den Mund.
Kein Wort kam heraus.
„Ich kann alles erklären“, stammelte er schließlich.
„Dann werden Sie Gelegenheit dazu bekommen.“
Claire wandte sich an Julien.
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