Claire Montfort blickte auf.
Sie hatte gerade etwas gehört, das aus einer gewöhnlichen Verkehrskontrolle einen möglichen Korruptionsskandal machte.
„Der Bericht wird verschwinden“, hatte Laurent Maréchal gesagt. „Aber diesmal will ich das Geld im Voraus.“
Claire saß regungslos auf der Bank im Flur der Polizeiwache. Ihr rotes Kleid war an einer Seite zerknittert, und auf ihrem Handy warteten mehrere Nachrichten ihrer Familie. In weniger als einer Stunde sollte die Hochzeit ihres Bruders Mathieu beginnen.
Doch Claire dachte nicht mehr an die Hochzeit.
Sie dachte an Karim Benali, den Taxifahrer, der seit Jahren Angst hatte, sich gegen einen korrupten Beamten zu wehren. Sie dachte an die Fahrer, die möglicherweise Geld bezahlt hatten, nur um ihre Arbeit fortsetzen zu dürfen. Und sie dachte an all jene Beschwerden, die vielleicht nie ernst genommen worden waren.
Am meisten beunruhigte sie jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der Laurent über das Verschwinden eines Polizeiberichts gesprochen hatte.
Für ihn war es offenbar nichts Ungewöhnliches.
Claire hätte jetzt ihre Dienstmarke vorzeigen und die Situation sofort beenden können. Doch sie wusste, dass Laurent dann womöglich jede Spur beseitigen würde, bevor eine unabhängige Untersuchung beginnen konnte.
Sie musste vorsichtig sein.
Nicht aus Angst vor ihm, sondern weil sie sicherstellen wollte, dass die Wahrheit nicht wieder hinter verschlossenen Türen verschwand.
Wenige Minuten später kam Laurent aus seinem Büro.
Er trug einen Aktenordner unter dem Arm und wirkte wieder vollkommen entspannt. Als er Claire sah, verzog er den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
„Na, haben Sie inzwischen über Ihr Verhalten nachgedacht?“
Claire hob den Blick.
„Ja.“
„Und?“
„Ich denke, Sie sollten mir erklären, warum Sie Geld verlangen, ohne einen ordnungsgemäßen Bericht auszustellen.“
Laurent blieb stehen.
Für einen Moment verschwand sein Lächeln.
Dann beugte er sich zu ihr hinunter.
„Sie scheinen nicht zu verstehen, in welcher Lage Sie sich befinden.“
„Dann erklären Sie es mir.“
„Sie haben einen Beamten bei seiner Arbeit behindert. Sie haben sich geweigert, sich auszuweisen, und sich respektlos verhalten. Wenn ich wollte, könnten Sie die ganze Nacht hier verbringen.“
„Und wenn Sie wollten, könnten Sie auch einen Bericht schreiben, der tatsächlich den Tatsachen entspricht.“
Laurent richtete sich langsam auf.
„Sie halten sich wohl für besonders mutig.“
„Nein. Ich halte mich für eine Bürgerin, die wissen möchte, auf welcher rechtlichen Grundlage sie festgehalten wird.“
Er lachte trocken.
„In dieser Zelle können Sie darüber nachdenken.“
Er gab einem jungen Beamten ein Zeichen.
„Perrin, bringen Sie sie in die Arrestzelle. Und sorgen Sie dafür, dass sie dort bleibt, bis ich etwas anderes sage.“
Der junge Polizist namens Julien Perrin zögerte.
„Chef, haben wir die Festhaltung bereits dokumentiert?“
Laurent drehte sich scharf zu ihm um.
„Haben Sie gerade meine Anweisung infrage gestellt?“
„Nein, Chef.“
„Dann tun Sie, was ich sage.“
Julien senkte den Blick.
Claire stand auf und ging ohne Widerstand mit ihm.
Als sich die schwere Tür hinter ihr schloss, hörte sie Laurent draußen noch einmal lachen.
„Vielleicht lernt sie dort endlich, wann sie den Mund halten sollte.“
Claire setzte sich auf die schmale Metallbank.
Sie war nicht eingeschüchtert.
Aber sie war enttäuscht.
Nicht von Julien, der offensichtlich Angst hatte, sondern von einer Dienststelle, in der ein Vorgesetzter offenbar glaubte, seine Befugnisse nach Belieben einsetzen zu können.
Sie blickte auf ihre Hände.
„Du wolltest heute nur die Schwester eines Bräutigams sein“, murmelte sie. „Aber manche Dinge kann man nicht einfach übersehen.“
Während Claire in der Zelle saß, klingelte in Laurents Büro das Telefon.
Er schloss die Tür, setzte sich hinter seinen Schreibtisch und nahm den Anruf an.
„Ja?“
Eine tiefe Männerstimme antwortete.
„Hast du die Sache erledigt?“
„Der Bericht wird verschwinden. Ich kümmere mich darum.“
„Das hast du schon beim letzten Mal gesagt.“
Laurent presste die Lippen zusammen.
„Ich brauche nur noch etwas Zeit.“
„Du hast bis heute Abend. Wenn diese Unterlagen bei der Direktion auftauchen, sind wir beide erledigt.“
Laurent blickte zur Tür.
„Niemand hat etwas in der Hand.“
„Bist du sicher?“
„Absolut.“
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
„Dann hör mir gut zu. Die Kopie muss verschwinden. Und niemand darf erfahren, dass du mich angerufen hast.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Laurent legte das Handy auf den Tisch und rieb sich über die Stirn.
Seit Wochen versuchte er, einen internen Prüfbericht unter Kontrolle zu bringen. Darin ging es um ungewöhnliche Geldbewegungen, manipulierte Verkehrsanzeigen und Fahrzeuge, die beschlagnahmt worden waren, obwohl die rechtlichen Voraussetzungen fraglich gewesen waren.
Mehrere Beamte hatten Unterschriften geleistet.
Einige hatten vielleicht nur Befehle befolgt. Andere hatten bewusst weggesehen.
Doch eine Person hatte begonnen, Fragen zu stellen.
Und Laurent wusste nicht, ob sie bereits Beweise besaß.
Er ahnte nicht, dass er gerade vor einer Frau stand, die genau die Befugnis hatte, eine solche Angelegenheit untersuchen zu lassen.
Eine halbe Stunde später öffnete sich die Tür der Arrestzelle.
Julien trat ein und stellte eine Flasche Wasser neben Claire.
„Hier. Sie haben heute wahrscheinlich noch nichts getrunken.“
„Danke.“
Er blieb vor der Tür stehen.
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