Dann ein drittes Mal.

Elena Salazar.

Camila.

Sein Vater.

Was hatte seine Mutter gewusst?

Und warum hatte sie ausgerechnet Elena erwähnt?

Er hörte Schritte im Korridor.

Nicolás faltete den Brief hastig zusammen und steckte ihn in seine Jacke.

Die Tür öffnete sich.

Alejandro stand im Eingang.

Sein Blick fiel zuerst auf den geöffneten Schreibtisch, dann auf seinen Sohn.

—¿Qué haces aquí?

Nicolás sprang auf.

—Ich konnte nicht schlafen.

Alejandro sah die offene Schachtel.

—Hast du etwas angefasst?

—Nein.

Es war die erste Lüge.

Alejandro ging langsam in den Raum.

—Nicolás, ich habe dir oft gesagt, dass es Dinge gibt, die du nicht verstehst. Aber ich habe dir auch gesagt, dass du mich jederzeit fragen kannst, wenn dich etwas beschäftigt.

Nicolás senkte den Kopf.

—Du hast keine Zeit für meine Fragen.

Alejandro blieb stehen.

Die Worte trafen ihn sichtbar.

—Das stimmt nicht.

—Doch. Seit Camila hier ist, bist du immer bei ihr. Du lachst mit ihr. Du isst mit ihr. Du hörst ihr zu.

—Nicolás—

—Wann hast du das letzte Mal mit mir so gelacht?

Alejandro hatte keine Antwort.

Und das war schlimmer als jede Diskussion.

Nicolás lief an ihm vorbei.

—Gute Nacht, Papa.

Er verschwand im Flur.

Alejandro blieb allein im Zimmer seiner verstorbenen Frau zurück.

Auf dem Schreibtisch lag das Armband.

Er hob es auf.

Und erkannte es sofort.

Es war das Gegenstück zu einem silbernen Armband, das er seit Jahren in einem Safe aufbewahrte.

Zwei Armbänder.

Zwei Kinder.

Eine Frau, die ihm nie die ganze Wahrheit erzählt hatte.

Alejandro schloss die Augen.

—Isabel, ¿qué hiciste?

Was hast du getan?

## 5. Der silberne Anhänger

Am nächsten Morgen bereitete Camila mit Elena das Frühstück vor.

Sie trug ihren roten Lieblingspullover und hatte eine Papierkrone auf dem Kopf, die sie selbst gebastelt hatte.

—Hoy voy a ser la reina de los buenos modales —verkündete sie.

Heute werde ich die Königin der guten Manieren sein.

Elena lachte.

—Und was macht eine Königin der guten Manieren?

—Dice gracias, pide perdón y comparte las galletas.

Sie sagte Danke, entschuldigte sich und teilte ihre Kekse.

—Dann bist du schon jetzt eine gute Königin.

Camila strahlte.

Als sie das Tablett zum Esszimmer trugen, entdeckte sie Nicolás am Ende des Korridors.

Er stand allein da und hielt etwas in der Hand.

Ein kleines silbernes Armband.

Camila blieb stehen.

—¡Qué bonito!

Nicolás schloss sofort die Finger darum.

—Geh weg.

—Ich wollte nur sehen.

—Dann hör auf, überall herumzuschnüffeln.

Elena trat zwischen die beiden.

—Nicolás, bitte.

Der Junge blickte sie an.

—Du hast mir nichts zu sagen.

Camila stellte das Tablett ab.

—Du bist wieder unhöflich.

—Und du bist ein kleines Baby!

Camila wurde blass.

Nicolás sah, dass er sie verletzt hatte, doch statt sich zu entschuldigen, steckte er das Armband in seine Tasche und lief davon.

Camila griff nach ihrer Mutter.

—Mama, warum mag Nicolás mich nicht?

Elena kniete sich hin.

—Ich glaube nicht, dass er dich hasst, mein Schatz. Manchmal haben Menschen so viel Traurigkeit in sich, dass sie nicht wissen, wie sie mit anderen umgehen sollen.

—Dann sollten wir ihm helfen.

Elena strich ihr über die Haare.

—Vielleicht. Aber du musst nicht zulassen, dass jemand gemein zu dir ist, nur weil es ihm schlecht geht.

Camila dachte darüber nach.

Dann hob sie ihren Plüschhasen hoch.

—Ich werde ihm trotzdem einen Keks geben.

Elena lächelte und küsste ihre Stirn.

Doch als sie sich wieder aufrichtete, stand Alejandro am anderen Ende des Korridors.

Er hatte das Gespräch gehört.

Und sein Blick lag auf dem Armband, das Nicolás gerade in seine Tasche gesteckt hatte.

Später am Vormittag ließ Alejandro seinen Sohn in sein Arbeitszimmer rufen.

Auf dem Schreibtisch lagen zwei Dinge: der Brief von Isabel und das silberne Armband.

Nicolás blieb an der Tür stehen.

—Woher hast du das? —fragte Alejandro.

Der Junge schwieg.

—Nicolás, ich werde dich nicht bestrafen, weil du neugierig warst. Aber ich brauche die Wahrheit.

Nicolás zog den Brief aus seiner Jacke und legte ihn auf den Tisch.

Alejandro las ihn schweigend.

Je weiter er kam, desto blasser wurde sein Gesicht.

Als er fertig war, setzte er sich langsam hin.

—Hast du den ganzen Brief gelesen?

Nicolás nickte.

—Ja.

Alejandro fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

—Warum hast du mir nichts gesagt?

—Weil ich dachte, dass du wieder wütend wirst.

Alejandro sah seinen Sohn an.

—Ich bin nicht wütend auf dich.

—Aber du bist immer wütend auf alle anderen.

Dieser Satz ließ Alejandro verstummen.

Dann schob er das Armband über den Tisch.

—Nicolás, ich muss dir etwas erklären. Deine Mutter hatte Geheimnisse, die ich selbst nicht kannte. Ich weiß noch nicht, was dieser Brief bedeutet. Aber ich werde es herausfinden.

—Und Camila?

—Was ist mit ihr?

Nicolás zögerte.

—Ist sie wirklich zufällig hier?

Alejandro blickte auf den Namen Elena Salazar.

—Das weiß ich nicht.

Er stand auf und ging zum Fenster.