Es war Joaquín.
—Elena, der Jefe möchte dich im Arbeitszimmer sehen.
Mercedes ließ ihre Hände los.
—Denk an meine Worte.
Elena nickte und folgte Joaquín.
Als sie das Arbeitszimmer betrat, stand Alejandro am Fenster. In seiner Hand hielt er einen Briefumschlag.
—Setz dich, bitte.
Elena setzte sich vorsichtig.
—Habe ich etwas falsch gemacht?
—Nein.
Er legte den Umschlag auf den Schreibtisch.
—Ich habe erfahren, dass deine Wohnung renoviert werden muss. Die Decke im Schlafzimmer ist undicht, und die Vermieterin hat seit Monaten nichts unternommen.
Elena runzelte die Stirn.
—Woher wissen Sie das?
Alejandro zögerte.
—Joaquín hat es bei der Überprüfung deiner Arbeitsunterlagen erwähnt.
—Sie haben meine Wohnung überprüfen lassen?
Sein Gesicht wurde ernst.
—Ich wollte sicherstellen, dass du und Camila in Sicherheit seid.
—Ohne mich zu fragen?
Alejandro schwieg.
Elena stand auf.
—Ich weiß, dass Sie es gut gemeint haben. Aber ich möchte nicht, dass Sie mein Leben kontrollieren.
—Ich versuche nicht, dich zu kontrollieren.
—Dann fragen Sie mich das nächste Mal, bevor Sie Entscheidungen über meine Familie treffen.
Er sah sie lange an.
Dann nahm er den Umschlag zurück und legte ihn in eine Schublade.
—Du hast recht.
Elena hatte mit einer Diskussion gerechnet. Nicht mit dieser Antwort.
—Was?
—Du hast recht. Ich hätte dich fragen müssen.
Er trat vom Schreibtisch zurück.
—Es fällt mir schwer, Dinge zu tun, ohne gleich alles selbst regeln zu wollen. Das ist keine Entschuldigung. Ich werde daran arbeiten.
Elena blickte ihn überrascht an.
—Danke.
Alejandro nickte.
Für einige Sekunden herrschte Stille.
Dann fragte er:
—Darf ich dich etwas Persönliches fragen?
—Das kommt darauf an.
Ein Hauch von Humor erschien in seinen Augen.
—Hast du jemals daran gedacht, die Villa zu verlassen?
Elena überlegte.
—Manchmal. Aber nicht, weil ich hier unglücklich bin. Ich möchte nur, dass Camila in einem Umfeld aufwächst, in dem sie nicht glaubt, die ganze Welt müsse sich nach ihr richten.
—Das ist vernünftig.
—Und ich möchte, dass sie lernt, dass man Menschen respektiert, unabhängig davon, wie viel Geld sie haben oder für wen sie arbeiten.
Alejandro nickte langsam.
—Dann muss Nicolás das ebenfalls lernen.
—Er vermisst seine Mutter.
Alejandro erstarrte.
—Woher weißt du das?
—Weil Kinder manchmal wütend werden, wenn sie traurig sind. Und weil er dich beobachtet, wenn du mit Camila lachst.
Alejandro wandte sich zum Fenster.
—Isabel war die einzige Person, die mich jemals dazu gebracht hat, meine Arbeit zu vergessen.
—Vielleicht braucht Nicolás nicht, dass du so bist wie früher. Vielleicht braucht er einfach seinen Vater.
Alejandro sagte lange nichts.
Dann flüsterte er:
—Ich weiß nicht, wie ich das machen soll.
Elena antwortete sanft:
—Dann fangen Sie klein an.
Sie verließ das Arbeitszimmer, ohne zu bemerken, dass Alejandro ihr noch lange nachsah.
Doch hinter der halb geschlossenen Tür stand Nicolás.
Er hatte jedes Wort gehört.
Und er hatte nur einen Satz verstanden.
Er braucht einfach seinen Vater.
Nicolás ballte die Hände.
Denn in seinem Herzen war daraus etwas anderes geworden.
Seit Elena und Camila hier sind, gehört mein Vater nicht mehr mir.
## 4. Das Geheimnis in Isabels Schreibtisch
In derselben Nacht konnte Nicolás nicht schlafen.
Kurz nach Mitternacht schlich er sich in den alten Teil der Villa, wo das ehemalige Arbeitszimmer seiner Mutter seit Jahren verschlossen war.
Alejandro hatte den Raum nach Isabels Tod kaum betreten.
Die Möbel waren noch genauso angeordnet wie damals. Auf dem Schreibtisch stand eine kleine Vase. An der Wand hing ein Bild von Isabel mit Nicolás als Baby.
Nicolás setzte sich in den alten Sessel.
—Mamá, ich wünschte, du wärst hier.
Er strich über die Tischplatte.
Dann bemerkte er, dass eine der Schubladen nicht richtig geschlossen war.
Er zog sie auf.
Darin lagen Briefe, ein altes Adressbuch und eine kleine Schachtel aus Holz.
Nicolás öffnete die Schachtel.
Ein Armband lag darin.
Daneben befand sich ein gefalteter Brief mit Isabels Handschrift.
Oben stand:
Für Alejandro – nur öffnen, wenn Nicolás alt genug ist, die Wahrheit zu verstehen.
Nicolás starrte auf die Worte.
Er wusste, dass er den Brief nicht lesen sollte.
Doch die Neugier war stärker.
Er entfaltete das Papier.
Alejandro,
wenn du diesen Brief liest, bedeutet das, dass ich dir nicht mehr selbst erklären kann, was damals geschehen ist.
Ich habe dir nie alles über die Jahre vor unserer Hochzeit erzählt. Ich wollte Nicolás schützen. Ich wollte unsere Familie schützen.
Aber es gibt etwas, das du wissen musst.
Wenn eines Tages eine Frau namens Elena Salazar in dein Leben tritt, dann frage sie nicht sofort nach ihrer Vergangenheit. Höre ihr zuerst zu. Sie trägt eine Wahrheit mit sich, die unsere Familien seit Jahren voneinander trennt.
Und wenn ihre Tochter Camila jemals ein kleines silbernes Armband findet, dann verstehe, dass das Kind nicht zufällig in dein Haus gekommen ist.
Bitte, Alejandro. Behandle sie nicht wie Feinde, bevor du weißt, wer sie wirklich sind.
Der Brief endete ohne Unterschrift.
Nicolás las ihn zweimal.
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