Alejandro sah Camila einige Sekunden lang an.

Dann lachte er.

Ein echtes, warmes Lachen.

Elena beobachtete ihn von der Seite.

Sie hatte diesen Mann schon oft lächeln sehen, wenn Camila etwas Lustiges sagte. Aber heute war etwas anders.

Heute schien Alejandro für einen Augenblick vergessen zu haben, dass er sich sein ganzes Leben lang hinter einer Mauer aus Macht und Angst versteckt hatte.

Und genau das machte Elena Sorgen.

Denn sie wusste, was Menschen wie Alejandro passierte, wenn sie endlich etwas fanden, das ihnen wirklich wichtig war.

Sie bekamen Angst, es wieder zu verlieren.

## 2. Ein Vater, der seinen Sohn nicht mehr verstand

Am Nachmittag saß Nicolás allein im Garten.

Er warf kleine Steine in den Springbrunnen und dachte an die Worte seines Vaters.

Du hast von mir nichts gelernt.

Dieser Satz tat mehr weh, als er zugeben wollte.

Seine Mutter, Isabel, war vor sechs Jahren gestorben. Seitdem hatte Alejandro versucht, ihm alles zu geben, was Geld kaufen konnte: die besten Schulen, die besten Lehrer, Sicherheit, Reisen und ein Zimmer voller Dinge, die Nicolás kaum benutzte.

Aber wenn Nicolás nachts aufwachte und sich an seine Mutter erinnerte, war sein Vater fast immer bei der Arbeit.

Und wenn Alejandro zu Hause war, sprach er über Regeln, Verantwortung und darüber, dass ein Villarreal niemals Schwäche zeigen dürfe.

Nicolás hatte daraus eine einfache Schlussfolgerung gezogen.

Wenn sein Vater keine Schwäche zeigte, musste er selbst ebenfalls stark sein.

Und stark zu sein bedeutete für ihn, niemals nachzugeben.

Dann hörte er Camilas Lachen.

Sie spielte mit Elena auf der Terrasse. Die beiden bastelten kleine Papierblumen und klebten sie auf ein Blatt, das sie mit bunten Stiften verziert hatten.

Alejandro saß neben ihnen und versuchte, eine Papierblume zu falten.

Er scheiterte dreimal.

Beim vierten Versuch klebte ihm das Papier an den Fingern.

Camila brach in Gelächter aus.

—¡Señor Gruñón, hasta el papel te tiene miedo!

Sogar das Papier hat Angst vor dir!

Alejandro warf das Papier auf den Tisch.

—Dieses Papier ist schlecht erzogen.

Elena lachte.

Und Alejandro sah sie an.

Nicht wie ein Arbeitgeber seine Angestellte ansieht.

Sondern wie ein Mann, der gerade entdeckt hatte, dass ein gewöhnlicher Nachmittag wertvoller sein konnte als alle Geschäfte, die er jemals abgeschlossen hatte.

Nicolás stand abrupt auf.

Er ging ins Haus, bevor jemand ihn bemerkte.

In seinem Zimmer öffnete er eine Schublade und zog ein altes Foto heraus.

Darauf waren er, seine Mutter und Alejandro zu sehen.

Nicolás war damals sechs Jahre alt gewesen. Isabel hielt ihn in den Armen, während Alejandro hinter ihr stand und lächelte.

Er hatte das Foto seit dem Tod seiner Mutter immer bei sich.

—Du würdest nicht zulassen, dass Papa uns vergisst, oder? —flüsterte er.

Dann steckte er das Foto zurück in die Schublade.

Seine Augen füllten sich mit Tränen, doch er wischte sie hastig weg.

Niemand durfte sehen, wie sehr er seine Mutter vermisste.

Nicht einmal sein Vater.

Besonders nicht sein Vater.

## 3. Die Warnung, die Elena nicht ignorieren durfte

Am selben Abend wurde Elena von Doña Mercedes, der ältesten Haushälterin der Villa, in die Waschküche gerufen.

Mercedes arbeitete seit fast zwanzig Jahren für die Familie Villarreal. Sie hatte Alejandro als jungen Mann erlebt und kannte die dunklen Seiten der Familie besser als die meisten.

—Elena, ich muss mit dir sprechen.

Elena legte ein frisch gefaltetes Hemd auf den Stapel.

—Natürlich. Was ist passiert?

Mercedes schloss die Tür.

—Du musst vorsichtig sein.

—Wegen Nicolás?

—Nein. Wegen Alejandro.

Elena sah sie verwirrt an.

Mercedes seufzte.

—Dieser Mann hat sein ganzes Leben damit verbracht, niemanden an sich heranzulassen. Dann kommst du hierher, und plötzlich sitzt er mit deiner Tochter am Tisch, lacht über Papierblumen und bedankt sich bei Menschen, die er früher nicht einmal angesehen hätte.

—Alejandro ist nicht so schlimm, wie alle denken.

—Vielleicht nicht. Aber er ist gefährlich, wenn er Angst bekommt.

Elena schwieg.

Mercedes nahm ihre Hände.

—Ich sage dir das nicht, um dich zu erschrecken. Ich sage es dir, weil ich dich mag. Du bist eine gute Mutter, und Camila hat etwas in diesem Haus verändert. Aber wenn Alejandro anfängt, dich zu brauchen, wird er vielleicht versuchen, dich vor allem zu beschützen. Auch vor Entscheidungen, die dir selbst zustehen.

Elena dachte an die Art, wie Alejandro sie in den letzten Tagen angesehen hatte.

An die kleinen Aufmerksamkeiten, die er nie erwähnte.

An den Tee, den er ihr eines Morgens hatte bringen lassen, nachdem er erfahren hatte, dass sie Kopfschmerzen hatte.

An die Art, wie er Camila zuhörte, selbst wenn das Mädchen eine halbe Stunde lang über ihren Hasen sprach.

Sie hatte begonnen, sich in seiner Nähe sicher zu fühlen.

Und gerade das machte ihr Angst.

—Ich bin nur eine Angestellte —sagte sie leise.

Mercedes schüttelte den Kopf.

—Du bist Elena. Und das ist genau das Problem.

Bevor Elena fragen konnte, was sie damit meinte, klopfte jemand an die Tür.