Er setzte sich auf eine Holzbank und schloss für einen Moment die Augen.

Erst jetzt merkte er, wie sehr seine Arme schmerzten.

Draußen hörte er ein leises Kratzen an der Tür.

Lukas öffnete die Augen.

Der Wolfshund stand vor dem Eingang, die Rettungsdecke halb von seinem Rücken gerutscht. Der große Wolf befand sich einige Meter weiter zwischen den Bäumen.

Lukas ging nicht hinaus.

Er wusste, dass die Tiere Wildtiere waren und dass ihre Nähe keine Einladung bedeutete, sie anzufassen.

Stattdessen setzte er sich in die Nähe der Tür und wartete.

Der Wolfshund legte sich im Schnee nieder.

Der große Wolf blieb stehen und blickte in Richtung des Waldes.

Und für einige Minuten war alles still.

## Kapitel 7: Was der Schnee bewahrte

Die Rettungskräfte trafen kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein.

Zwei Bergretter näherten sich der Station, während eine Tierärztin mit einem weiteren Helfer bei der Tür wartete. Sie hatten eine Trage, Decken und die notwendige Ausrüstung dabei.

Lukas trat hinaus und erklärte, was geschehen war.

Die Helfer untersuchten zunächst den Wolfshund aus sicherer Position und entschieden, wie sie ihn fachgerecht versorgen und transportieren konnten. Der große Wolf beobachtete sie aus dem Wald.

Er griff nicht an.

Er kam aber auch nicht näher.

Die Tierärztin bemerkte ihn und sagte leise zu Lukas: „Wir sollten ihm seinen Abstand lassen. Er wird selbst entscheiden, wohin er geht.“

Lukas nickte.

Der Wolfshund wurde vorsichtig versorgt und für den Transport vorbereitet. Bevor die Helfer ihn mitnahmen, drehte das Tier den Kopf in Richtung des Waldes.

Der große Wolf trat einen Schritt aus dem Schatten.

Für einen kurzen Moment standen sie einander gegenüber.

Dann senkte der große Wolf den Kopf.

Der Wolfshund bewegte seine Ohren und gab einen leisen Laut von sich.

Es war ein unscheinbarer Augenblick, den die meisten Menschen vielleicht übersehen hätten.

Doch Lukas würde ihn nie vergessen.

Als die Rettungskräfte mit dem Wolfshund aufbrachen, blieb Lukas noch einmal stehen. Er blickte zwischen den Bäumen hindurch und versuchte, die graue Gestalt zu erkennen.

Der Wolf war bereits verschwunden.

Nur seine Spuren blieben im Schnee zurück.

Am nächsten Morgen wurde Lukas zu seinem Vater gebracht.

Sein Vater stand vor dem Haus, als das Rettungsfahrzeug in die Straße einbog. Er trug keine Jacke, obwohl es bitterkalt war. Als er seinen Sohn sah, wurde sein Gesicht erst blass und dann von einer Erleichterung überflutet, die er nicht verbergen konnte.

Er ging auf Lukas zu und schloss ihn in die Arme.

Lukas blieb zunächst steif stehen.

Dann hielt er sich an seinem Vater fest.

„Es tut mir leid“, flüsterte er.

Sein Vater antwortete nicht sofort.

Er hielt ihn einfach fest, bis Lukas aufhörte zu zittern.

Später, als sie in der Küche saßen, erzählte Lukas alles. Von den Spuren im Schnee, dem Wolfshund an der Brücke und dem großen grauen Wolf, der aus dem Nebel gekommen war.

Sein Vater hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen.

Als Lukas fertig war, blickte er lange auf seine Tasse.

„Du hättest nicht allein dorthin gehen dürfen“, sagte er schließlich.

Lukas nickte.

„Ich weiß.“

Sein Vater atmete tief durch.

„Aber ich bin froh, dass du zurück bist.“

Lukas sah ihn an.

Zum ersten Mal seit langer Zeit sprachen sie nicht über seine Mutter. Sie mussten es auch nicht. Der Schmerz war noch da, und die Fragen waren nicht verschwunden.

Aber an diesem Morgen saßen sie gemeinsam am Tisch.

Und keiner von beiden musste so tun, als wäre alles in Ordnung.

## Kapitel 8: Die Rückkehr des grauen Wolfs

Drei Wochen später erhielt Lukas einen Anruf von der Tierärztin.

Der Wolfshund hatte sich von seinen Verletzungen erholt. Er konnte wieder selbstständig laufen, und die Untersuchung hatte ergeben, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem geeigneten Schutzgebiet weiter beobachtet werden sollte.

Lukas durfte ihn nicht einfach mit nach Hause nehmen.

Das Tier war wild, und seine Zukunft musste so gestaltet werden, dass es seine natürlichen Verhaltensweisen behalten konnte.

Lukas verstand das.

Trotzdem bat er seinen Vater, ihn zur Wildtierstation zu begleiten, damit er sich nach dem Zustand des Tieres erkundigen konnte.

Sie fuhren am nächsten Samstag in die Berge.

Der Schnee war inzwischen teilweise geschmolzen. Zwischen den Tannen glänzten kleine Wasserläufe, und der Himmel war klarer als an jenem Tag auf der Brücke.

Als sie die Station erreichten, zeigte die Tierärztin Lukas einige aktuelle Aufnahmen des Wolfshundes.

Das Tier bewegte sich sicherer. Sein Fell war sauber, und die Verletzungen heilten.

Lukas lächelte erleichtert.

„Und der große Wolf?“, fragte er.

Die Tierärztin schüttelte den Kopf.

„Wir haben ihn in der Gegend noch einmal gesehen. Aber er hält sich weit von den Menschen entfernt. Das ist gut so.“

Lukas betrachtete die Bilder noch einmal.

Er hatte gehofft, dass er den Wolf wiedersehen würde. Gleichzeitig wusste er, dass es falsch wäre, ein wildes Tier zu verfolgen, nur um eine Erinnerung zu vervollständigen.