Und plötzlich verstand er.
Der große Wolf war nicht einfach zufällig über die Brücke gekommen.
Er hatte nach diesem Tier gesucht.
## Kapitel 5: Der Blick, den Lukas nie vergaß
Der Wind wurde stärker.
Die Brücke schwankte leicht, und irgendwo unter ihnen schlug Wasser gegen die Felsen.
Lukas wusste, dass sie dort nicht bleiben konnten. Das Holz war alt, der Nebel wurde dichter, und der Wolfshund brauchte dringend medizinische Hilfe.
Er tastete nach seinem Handy.
Das Display war gesprungen.
Kein Empfang.
„Natürlich“, murmelte er.
Der große Wolf wandte den Kopf zu ihm.
Lukas erstarrte erneut.
Die Augen des Tieres waren jetzt so nah, dass er die feinen goldenen Sprenkel in ihren bernsteinfarbenen Flächen erkennen konnte.
Er sah keinen menschlichen Ausdruck darin. Keine geheimnisvolle Botschaft, die ein wildes Tier ihm unmöglich hätte vermitteln können.
Aber er sah Aufmerksamkeit.
Der Wolf beobachtete ihn, als würde er jede seiner Bewegungen genau einschätzen.
Lukas hob langsam beide Hände und zeigte, dass er sich nicht nähern wollte.
„Ich will euch nicht wehtun“, sagte er leise.
Der Wolf blieb ruhig.
Dann drehte er sich um und ging einige Schritte in Richtung des anderen Brückenendes.
Dort blieb er stehen und blickte zurück.
Lukas sah auf den Wolfshund.
Das Tier versuchte, sich aufzurichten, doch seine Hinterbeine zitterten. Er musste Hilfe bekommen. Schnell.
Lukas zog seinen Rucksack heran, nahm die kleine Rettungsdecke heraus, die sein Vater ihm für Bergwanderungen eingepackt hatte, und legte sie vorsichtig über den Rücken des Wolfshundes.
Dann stand er langsam auf.
Seine Beine fühlten sich an, als gehörten sie jemand anderem.
Der große Wolf wartete.
Lukas wusste, dass er ihm nicht einfach folgen sollte, nur weil das Tier in eine bestimmte Richtung ging. Er musste einen sicheren Weg finden, zurück zu einem markierten Pfad gelangen und Hilfe rufen.
Doch als er den Blick hob, entdeckte er etwas zwischen den Bäumen.
Ein schmaler Weg führte vom Brückenende zu einer alten Forststation.
Er erinnerte sich an die Karte.
Die Station war nicht mehr weit entfernt.
Vielleicht gab es dort ein Funkgerät. Vielleicht konnte er von dort aus die Rettungskräfte erreichen.
Lukas nahm seinen Rucksack, blieb aber in sicherer Entfernung zum Wolf.
Der Wolfshund versuchte aufzustehen.
Lukas kniete sich wieder hin.
„Langsam“, sagte er. „Du musst nicht allein aufstehen.“
Der große Wolf trat zurück auf die Brücke und blieb auf der anderen Seite des Wolfshundes stehen.
Gemeinsam brachten sie das erschöpfte Tier in eine Position, aus der es sich vorsichtig bewegen konnte. Lukas drängte es nicht und versuchte nicht, es gewaltsam zu ziehen. Er ließ ihm Zeit, sich zu sammeln.
Als der Wolfshund schließlich auf allen vier Beinen stand, zitterte er noch immer.
Aber er stand.
Lukas atmete erleichtert aus.
Dann begann er langsam, in Richtung des Waldes zu gehen.
Der große Wolf folgte ihnen in einigem Abstand.
Und zum ersten Mal an diesem Tag fühlte Lukas, dass sie nicht mehr gegen den Berg kämpften.
Sie mussten nur noch einen Weg nach Hause finden.
## Kapitel 6: Die alte Forststation
Der Weg durch den Wald war schmal und uneben.
Der Schnee reichte Lukas an manchen Stellen bis zu den Knöcheln, und unter den verschneiten Wurzeln lagen glatte Steine. Der Wolfshund konnte nur langsam gehen. Immer wieder blieb er stehen, um sich auszuruhen.
Lukas blieb jedes Mal mit ihm stehen.
Der große Wolf ging voraus, verschwand gelegentlich zwischen den Bäumen und tauchte wenige Meter später wieder auf. Er kam dem Jungen nicht zu nahe, aber er entfernte sich auch nicht vollständig.
Als sie schließlich die Forststation erreichten, war das Tageslicht beinahe verschwunden.
Das Gebäude bestand aus dunklem Holz und hatte ein schiefes Dach, auf dem sich eine dicke Schneeschicht angesammelt hatte. Eine kleine Antenne ragte aus dem Dachfirst.
Lukas stieß die Tür auf.
Drinnen roch es nach altem Holz, Staub und kaltem Rauch. An der Wand hing eine Karte der umliegenden Berge. Auf einem Tisch stand ein veraltetes Funkgerät.
Lukas trat näher und drückte auf den Schalter.
Zuerst geschah nichts.
Dann knackte es aus dem Lautsprecher.
„Hier ist die Forststation am Nordhang“, sagte Lukas hastig. „Ich brauche Hilfe. Ein Tier ist verletzt, und wir befinden uns an der alten Hängebrücke.“
Es folgten Rauschen und ein kurzes Pfeifen.
Dann hörte er eine Stimme.
„Wer spricht da?“
Lukas nannte seinen Namen und erklärte, wo sie sich befanden. Er versuchte, ruhig zu bleiben, obwohl seine Hände zitterten.
Die Stimme am anderen Ende fragte nach der Anzahl der Personen, dem Zustand des Tieres und danach, ob weitere Gefahren bestanden.
„Ich bin allein“, antwortete Lukas. Dann zögerte er. „Also … ich bin ein Mensch. Und hier sind zwei Wölfe.“
Am anderen Ende herrschte kurz Stille.
„Zwei Wölfe?“
„Ja.“
„Bleib in der Station. Halte Abstand zu den Tieren. Wir schicken Hilfe.“
Lukas nickte, obwohl ihn niemand sehen konnte.
„Verstanden.“
Als er das Funkgerät losließ, bemerkte er, dass er noch immer die Zähne zusammenbiss.
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