# Das Mädchen, der Wolf und die letzte Brücke

## Kapitel 1: Über dem Abgrund

Der Wind heulte durch die bayerischen Alpen, als hätte der Winter selbst beschlossen, jedes Lebewesen aus diesem Tal zu vertreiben.

Zwischen den schneebedeckten Tannen hing dichter Nebel. Unter einer alten Holzbrücke rauschte ein glaskalter Gebirgsfluss über dunkle Felsen. Das Wasser war weiß vor Schaum, und jeder Stein, der aus den Fluten ragte, verschwand Sekunden später wieder unter der Strömung.

Auf der schmalen Hängebrücke lag ein Junge namens Lukas.

Er war vierzehn Jahre alt, trug eine leuchtend blaue Winterjacke mit einer Kapuze aus Kunstfell und beige Wollhandschuhe. Neben ihm lag sein Rucksack, an dem eine kleine deutsche Flagge befestigt war. Der Rucksack war durchnässt, und ein loser Riemen schlug im Wind gegen die Holzplanken.

Doch Lukas achtete nicht darauf.

Sein gesamtes Gewicht lag auf seiner Brust und seinem linken Unterarm. Mit der rechten Hand hielt er die Pfote eines jungen Wolfshundes fest, der unterhalb der Brückenkante hing.

Das Tier zitterte.

Seine grauen Pfoten rutschten auf dem feuchten Holz immer wieder ab. Unter ihm tobte der Fluss, und zwischen seinem Körper und den scharfkantigen Felsen lagen nur wenige Meter.

„Komm schon, halte durch!“, rief Lukas auf Deutsch.

Seine Stimme überschlug sich beinahe im Wind.

Der Wolfshund antwortete mit einem schwachen Winseln.

Lukas zog.

Für einen Augenblick bewegte sich das Tier nach oben. Dann gab ein morsches Stück Holz unter seinem Knie nach, und sein Körper rutschte gefährlich weit nach vorne.

Er biss die Zähne zusammen.

„Nein! Nein, du fällst jetzt nicht!“

Er wusste, dass er den Wolfshund nicht lange halten konnte. Seine Finger wurden taub, seine Schultern brannten, und die kalte Nässe kroch durch seine Kleidung.

Doch er ließ nicht los.

Denn vor kaum zehn Minuten hatte dieses Tier noch auf dem Weg vor ihm gestanden.

Und Lukas konnte nicht verstehen, wie aus einem gewöhnlichen Spaziergang durch die Berge plötzlich ein Kampf um ein Leben geworden war.

## Kapitel 2: Das Tier im Schnee

Zwei Stunden zuvor hatte Lukas den Wanderweg verlassen.

Sein Vater hatte ihm ausdrücklich gesagt, dass er sich an die markierte Route halten sollte. Der Wetterbericht hatte vor dichtem Nebel und starkem Schneefall gewarnt. Doch Lukas hatte am Morgen eine Nachricht erhalten, die ihn nicht mehr losgelassen hatte.

Seine Mutter war vor drei Jahren in den Bergen verschwunden.

Offiziell hatte man nie genau feststellen können, was an jenem Wintertag geschehen war. Ihr letzter bekannter Aufenthaltsort lag irgendwo in der Nähe des alten Gebirgspfades, der zu einer verlassenen Forsthütte führte.

Lukas war damals elf gewesen.

Er erinnerte sich an das Telefon, das mitten in der Nacht geklingelt hatte. An seinen Vater, der in der Küche stand und sich mit einer Hand am Tisch festhielt. An die Männer, die am nächsten Morgen gekommen waren, um Fragen zu stellen.

Und an den Satz, den er nie vergessen hatte.

„Wir haben alles versucht.“

Seitdem hatte Lukas jedes Jahr versucht, mehr über den letzten Tag seiner Mutter herauszufinden.

Dieses Mal hatte er auf einer alten Karte einen Weg entdeckt, der auf den neuen Wanderkarten nicht mehr eingezeichnet war. Er wollte nur bis zu einer verlassenen Jagdhütte gehen und nachsehen, ob dort noch etwas von ihrer Ausrüstung zu finden war.

Er hatte nicht vorgehabt, lange zu bleiben.

Dann hatte er im Schnee Spuren entdeckt.

Große Pfotenabdrücke führten vom Wald hinunter zu einem schmalen Pfad. Daneben verlief eine zweite Spur, kleiner und unregelmäßiger.

Lukas war ihnen gefolgt.

Hinter einer Gruppe verschneiter Felsen hatte er den Wolfshund gefunden.

Das Tier war jung, vielleicht erst ein Jahr alt. Sein graues Fell war an den Flanken nass, und an einem Hinterbein hing ein Stück dünnes Seil. Es musste sich irgendwo verfangen haben und hatte sich beim Versuch, sich zu befreien, immer tiefer in den Schnee gearbeitet.

Als Lukas näher gekommen war, hatte das Tier die Zähne gezeigt.

Er war stehen geblieben.

„Schon gut“, hatte er leise gesagt. „Ich tue dir nichts.“

Der Wolfshund hatte ihn mit großen, dunklen Augen beobachtet.

Lukas kannte sich mit Wildtieren nicht besonders gut aus. Er wusste nur, dass er ein verletztes Tier nicht bedrängen durfte. Deshalb hatte er Abstand gehalten und versucht, die Wildtierhilfe mit seinem Handy zu erreichen.

Doch das Signal war schwach gewesen.

Während er noch telefonierte, hatte der Wolfshund plötzlich versucht, sich aufzurichten. Er war über einen schneebedeckten Hang gestolpert und in Richtung der alten Hängebrücke gelaufen.

Lukas war ihm gefolgt.

Erst als er die Brücke erreicht hatte, hatte er verstanden, wie gefährlich die Situation geworden war.

Der Wolfshund war durch eine beschädigte Stelle im Holz gerutscht und hing nun über dem reißenden Fluss.

Und Lukas war der Einzige in der Nähe gewesen.

## Kapitel 3: Der graue Schatten

Jetzt, auf der Brücke, begann Lukas’ Arm zu zittern.

„Bitte“, flüsterte er. „Nur noch ein kleines Stück.“

Der Wolfshund hob den Kopf.