Seine Nase bebte, als er den Wind roch. Dann richtete er seine Augen auf Lukas, und für einen kurzen Moment schien die Angst in seinem Blick etwas anderem zu weichen.
Vertrauen.
Lukas wusste nicht, ob er sich das nur einbildete.
Er zog erneut.
Das Tier hob eine Vorderpfote über die Brückenkante. Lukas nutzte den Augenblick und schob seinen Oberkörper weiter nach vorne, während er versuchte, mit dem anderen Arm einen festen Halt an einem Querbalken zu finden.
Dann hörte er ein Geräusch hinter sich.
Langsam.
Schwer.
Ein Schritt auf Holz.
Lukas erstarrte.
Noch ein Schritt.
Die Planken knarrten unter dem Gewicht eines großen Tieres.
Er drehte den Kopf, ohne die Pfote loszulassen.
Am anderen Ende der Brücke stand ein Wolf.
Kein kleiner, unsicherer Schatten zwischen den Bäumen. Kein Tier, das sich im nächsten Augenblick wieder in den Wald zurückziehen würde.
Dieser Wolf war gewaltig.
Sein Fell war grau und weiß, dicht und vom Schnee bedeckt. Seine Schultern waren hoch, seine Beine kräftig, und sein Kopf wirkte beinahe zu groß für die schmale Brücke. Seine bernsteinfarbenen Augen waren auf Lukas gerichtet.
Er bewegte sich nicht hastig.
Er rannte nicht.
Er ging einfach auf sie zu.
Lukas spürte, wie sein Herz gegen seine Rippen schlug.
„Bitte nicht“, murmelte er.
Er wusste nicht, ob er den Wolf meinte oder die Situation, in der er sich befand.
Der Wolf setzte eine Pfote vor die andere.
Die Holzplanken ächzten leise.
Lukas konnte nicht fliehen. Er konnte nicht einmal aufstehen. Wenn er die Hand öffnete, würde der Wolfshund in den Fluss stürzen.
Also blieb er liegen.
Der graue Wolf kam näher.
Zehn Meter.
Acht.
Sechs.
Dann blieb er stehen.
Zwischen ihm und Lukas lagen nur noch wenige Schritte.
Der Wolf senkte den Kopf und betrachtete das junge Tier, das unterhalb der Brückenkante hing. Seine Ohren bewegten sich leicht. Seine Nase hob sich in den Wind.
Der Wolfshund stieß ein leises Winseln aus.
Der große Wolf antwortete nicht.
Doch sein Blick veränderte sich.
Er sah nicht mehr nur wie ein wildes Tier aus, das einen fremden Menschen vor sich hatte.
Er sah aus wie jemand, der etwas wiedergefunden hatte, das er lange gesucht hatte.
## Kapitel 4: Die Entscheidung
Lukas wusste nicht, was er tun sollte.
Er hatte Geschichten über Wölfe gehört, seit er klein war. Manche Menschen nannten sie gefährlich. Andere hielten sie für scheue Tiere, die Menschen normalerweise mieden.
Aber keiner dieser Menschen hatte ihm erklärt, was man tat, wenn ein riesiger Wolf auf einer schmalen Hängebrücke auf einen zukam, während man selbst einen Wolfshund über einem reißenden Fluss festhielt.
Der Wolf trat einen Schritt näher.
Lukas hielt den Atem an.
Dann geschah etwas Unerwartetes.
Der Wolf stellte sich nicht vor Lukas auf die Hinterbeine. Er fletschte nicht die Zähne. Er sprang auch nicht auf den Jungen zu.
Stattdessen ging er langsam in die Hocke.
Seine Vorderbeine knickten ein, und er senkte seinen schweren Körper auf die Holzplanken. Dabei legte er sich so hin, dass sein Kopf nahe an der Brückenkante lag.
Lukas starrte ihn an.
Der Wolfshund bewegte sich.
Mit einem schwachen Ruck schob er seine zweite Vorderpfote auf die Brücke. Lukas nutzte die Gelegenheit, zog mit aller Kraft und brachte das Tier ein Stück höher.
Doch der Wolfshund war erschöpft.
Sein Körper rutschte wieder zurück.
Lukas stieß einen verzweifelten Laut aus.
„Nein! Bitte!“
Der große Wolf erhob sich.
Für einen Moment glaubte Lukas, dass er nun eingreifen oder angreifen würde. Doch der Wolf bewegte sich seitlich und stellte sich neben den Jungen.
Er drängte sich nicht an ihn.
Er berührte ihn nicht.
Er blieb einfach dort stehen, groß und ruhig, während der Wind um ihre Körper peitschte.
Und Lukas bemerkte etwas, das ihm zuvor entgangen war.
Der Wolfshund versuchte nicht mehr, wild um sich zu schlagen.
Er hatte aufgehört, gegen Lukas’ Hand zu kämpfen.
Er hielt still.
Als würde er darauf warten, dass der Junge ihm half.
Lukas schluckte und sammelte seine letzten Kräfte.
„Wir schaffen das“, flüsterte er. „Du und ich.“
Er schob einen Unterarm unter den Brustkorb des Tieres und zog, während er sich mit dem anderen Arm am Querbalken festhielt.
Der Wolfshund glitt langsam über die Kante.
Eine Pfote.
Dann die zweite.
Sein Brustkorb lag nun auf den Planken.
Lukas zog weiter.
Seine Schulter schmerzte so stark, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Er konnte kaum noch etwas sehen, doch er hielt durch, bis der Wolfshund endlich vollständig auf der Brücke lag.
Das Tier brach erschöpft neben ihm zusammen.
Lukas fiel auf die Seite und rang nach Luft.
Für einige Sekunden konnte keiner von beiden sich bewegen.
Der große Wolf stand neben ihnen und beobachtete sie.
Dann beugte er den Kopf hinunter.
Er berührte mit seiner Nase vorsichtig die Stirn des Wolfshundes.
Das junge Tier hob schwach den Kopf und leckte ihm über die Schnauze.
Lukas sah zu.
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