„Und Sie sind es gewohnt, dass jeder Ihnen gehorcht.“

„Ja.“

„Nun, ich werde es nicht tun.“

Er nickte.

„Das habe ich inzwischen verstanden.“

Marisol wollte gehen, doch seine nächste Frage hielt sie auf.

„Haben Sie Kinder?“

Sie drehte sich langsam um.

„Eine Tochter.“

„Wie heißt sie?“

„Lucía.“

Damián wiederholte den Namen leise.

Dann wurde sein Gesicht plötzlich bleich.

„Was ist?“, fragte Marisol.

Er antwortete nicht.

Stattdessen zog er eine Schublade auf, holte einen alten Umschlag heraus und legte ein vergilbtes Foto auf den Tisch.

Darauf war ein junger Mann zu sehen, der einem kleinen Mädchen die Hand hielt.

Auf der Rückseite stand ein Datum.

Und ein Name.

Esteban Salvatierra.

Marisol trat näher.

„Warum zeigen Sie mir das?“

Damián drehte das Foto um.

„Weil mein Bruder kurz vor seinem Tod eine Tochter hatte.“

Marisol sah ihn verständnislos an.

„Was hat das mit mir zu tun?“

Damián hob den Blick.

„Wir haben sie nie gefunden.“

## 4. Das Foto aus der Vergangenheit

Marisol starrte auf das Bild.

Das kleine Mädchen trug ein helles Kleid und hielt einen Stoffhasen in den Armen. Der Mann neben ihr lächelte. Trotz der Ähnlichkeit mit Damián wirkte er weicher, beinahe unbeschwert.

„Wie alt war sie?“, fragte Marisol.

„Ungefähr vier.“

„Und Sie haben sie nie gefunden?“

„Nach Estebans Tod verschwand ihre Mutter. Wir konnten sie nicht ausfindig machen. Einige behaupteten, sie sei ins Ausland gegangen. Andere sagten, sie sei nicht mehr am Leben.“

Damián fuhr mit dem Finger über den Rand des Fotos.

„Ich habe jahrelang nach ihr suchen lassen.“

Marisol blickte erneut auf das Mädchen.

„Warum erzählen Sie mir das?“

„Weil das Mädchen auf diesem Foto einen kleinen silbernen Anhänger trägt.“

Marisol spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Was für einen Anhänger?“

Damián zeigte auf das Bild.

Ein kleiner Halbmond hing an einer Kette um den Hals des Kindes.

Marisol wich einen Schritt zurück.

„Das kann nicht sein.“

„Was?“

Sie griff nach ihrem Telefon und öffnete ein Foto, das sie vor wenigen Monaten aufgenommen hatte. Darauf war Lucía zu sehen, lächelnd und mit einem silbernen Anhänger in Form eines Halbmonds um den Hals.

„Meine Tochter trägt denselben Anhänger.“

Damián wurde vollkommen still.

„Woher hat sie ihn?“

„Von meiner Mutter. Sie sagte, er sei ein Familienerbstück.“

„Wie hieß Ihre Mutter?“

Marisol zögerte.

„Isabel Vega.“

Damián setzte sich langsam.

Für einen Mann, der eben noch jeden Raum beherrscht hatte, wirkte der Stuhl plötzlich viel zu groß.

„Isabel“, wiederholte er.

„Sie kennen meine Mutter?“

„Nein. Aber mein Bruder hat diesen Namen einmal erwähnt.“

Marisol schüttelte den Kopf.

„Das ergibt keinen Sinn. Meine Mutter ist vor zwei Jahren gestorben. Sie hat mir nie erzählt, dass sie mit Ihrer Familie zu tun hatte.“

„Vielleicht wollte sie Sie schützen.“

„Hören Sie auf, das zu sagen! Jeder behauptet, er hätte mich schützen wollen, während mir niemand die Wahrheit erzählt!“

Damián schwieg.

Marisol nahm das Foto vom Tisch und sah es noch einmal an.

Das Mädchen auf dem Bild hatte dunkle Augen und ein kleines Grübchen an der linken Wange.

Lucía hatte dasselbe Grübchen.

Doch das bewies nichts. Ähnlichkeiten konnten Zufall sein. Ein Anhänger konnte weitergegeben werden. Und ein Mann wie Damián Salvatierra konnte sich irren.

„Ich möchte einen DNA-Test“, sagte sie schließlich.

Damián sah auf.

„Wenn Sie das wollen, werden wir einen organisieren. Ohne Druck und ohne dass jemand Ihre Tochter beunruhigt.“

„Und bis dahin halten Sie sich von ihr fern.“

Er nickte sofort.

„Einverstanden.“

Marisol hatte mit Widerstand gerechnet.

Seine Zustimmung machte ihr mehr Angst als ein Streit.

Denn plötzlich schien es möglich, dass ihr ganzes Leben auf einer Geschichte beruhte, die ihre Mutter ihr nie erzählt hatte.

## 5. Der wahre Grund für den Angriff

Noch am selben Nachmittag kam Rafael mit neuen Informationen ins Arbeitszimmer.

Damián stand am Schreibtisch, während Marisol in der Nähe der Tür wartete.

„Wir haben die Aufnahmen geprüft“, sagte Rafael. „Drei der vier Männer aus der U-Bahn wurden vor dem Angriff von derselben Kamera erfasst. Sie waren bereits auf dem Bahnsteig, bevor Señor Salvatierra eintraf.“

„Und der vierte?“, fragte Damián.

„Wir konnten ihn nicht identifizieren.“

Rafael legte eine Mappe auf den Tisch.

„Außerdem haben wir herausgefunden, dass jemand die Einsatzroute Ihres Wagens verändert hat. Der Angriff sollte Sie offenbar an einen anderen Ort locken.“

Damián blätterte durch die Unterlagen.

„Wer hatte Zugriff auf die Route?“

„Vier Personen.“

„Namen.“

Rafael nannte sie.

Damián blieb bei einem Namen hängen.

Mateo Salvatierra.

Sein Cousin.

Der Mann, der seit Jahren die geschäftlichen Angelegenheiten der Familie verwaltete und Damián bei jeder wichtigen Entscheidung zur Seite gestanden hatte.

„Das kann nicht sein“, sagte Rafael. „Mateo arbeitet seit Jahren für Sie.“

Damián klappte die Mappe zu.

„Genau deshalb ist es möglich.“

Marisol betrachtete die beiden Männer.

„Vielleicht sollten Sie aufhören, jedem zu vertrauen, nur weil er Ihren Nachnamen trägt.“

Damián blickte zu ihr.

„Sie haben recht.“

Rafael schien überrascht.

Marisol hingegen dachte an ihre Tochter.