„Bitte lassen Sie Lucía heute nicht allein. Und öffnen Sie niemandem die Tür, den Sie nicht kennen.“

„Marisol, was ist los?“

Sie wollte antworten, doch plötzlich wusste sie nicht, wie sie die Wahrheit erklären sollte.

Wie sollte sie einer älteren Nachbarin erzählen, dass sie in einer U-Bahn angegriffen worden war und nun im Haus eines Mannes saß, dessen Name in den Nachrichten mit dunklen Geschäften verbunden wurde?

„Ich erkläre es Ihnen morgen“, sagte sie schließlich. „Bitte passen Sie auf sie auf.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, setzte sie sich auf die Bettkante.

Ihre Tochter war in Sicherheit. Zumindest im Moment.

Doch jemand hatte nach ihr gefragt.

Jemand hatte gewusst, wann sie nach Hause kommen würde.

Ein leises Klopfen ertönte.

Marisol sprang auf.

„Wer ist da?“

„Rafael.“

Sie öffnete die Tür nur einen Spalt.

Der Sicherheitsmann stand mit einem Tablett vor ihr.

„Señor Salvatierra lässt Ihnen ausrichten, dass Sie ihn nicht aufsuchen müssen. Er möchte, dass Sie essen und sich ausruhen.“

„Wie großzügig.“

Rafael stellte das Tablett ab.

„Darf ich Ihnen einen Rat geben?“

„Kommt darauf an.“

„Señor Salvatierra ist nicht der Mann, für den ihn die Zeitungen halten.“

Marisol verschränkte die Arme.

„Und Sie sagen das, weil er Sie bezahlt.“

Rafael senkte den Blick.

„Vielleicht.“

Damit hatte sie nicht gerechnet.

„Was soll das bedeuten?“

Er schwieg kurz.

„Dass selbst Menschen, die ihm seit Jahren dienen, nicht alles über ihn wissen.“

Dann ging er.

Marisol schloss die Tür und drehte den Schlüssel um.

Auf dem Tablett lag eine Schüssel warme Suppe, Brot und ein Glas Wasser.

Sie hatte seit Stunden nichts gegessen.

Trotzdem bekam sie kaum einen Bissen hinunter.

Denn auf dem Nachttisch lag das Mobiltelefon, und auf dem Display erschien plötzlich eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.

„Wenn du wissen willst, warum sie in der U-Bahn auf Damián gewartet haben, frag ihn nach seiner Narbe.“

Marisol las die Nachricht dreimal.

Dann blickte sie unwillkürlich zur Tür.

Zum ersten Mal fragte sie sich, ob der Angriff wirklich Damián gegolten hatte.

Oder ob jemand gewollt hatte, dass ausgerechnet sie an seiner Seite saß.

## 3. Die Narbe, über die niemand sprechen durfte

Am nächsten Morgen fand Marisol Damián in einem kleinen Arbeitszimmer.

Er stand am Fenster und telefonierte. Als er sie bemerkte, beendete er das Gespräch.

„Sie sollten sich noch ausruhen.“

„Ich habe eine Frage.“

„Dann stellen Sie sie.“

Marisol legte das Telefon auf den Schreibtisch und zeigte ihm die Nachricht.

Damián las sie.

Sein Gesicht veränderte sich kaum, doch seine Finger spannten sich um das Gerät.

„Wann haben Sie diese Nachricht bekommen?“

„Gestern Abend.“

„Warum haben Sie mir nichts davon gesagt?“

„Weil ich Sie kaum kenne. Und weil ich nicht weiß, ob Sie mir die Wahrheit sagen würden.“

Er legte das Telefon hin.

„Das ist eine vernünftige Antwort.“

„Dann beantworten Sie meine Frage.“

Damián schwieg.

Marisol deutete auf die Narbe, die sich über seine Wange zog.

„Was ist damals passiert?“

Sein Blick wurde hart.

„Wer hat Ihnen diese Nachricht geschickt?“

„Ich weiß es nicht.“

„Haben Sie jemandem davon erzählt?“

„Nein.“

Damián ging zum Schreibtisch und drückte einen Knopf an der Sprechanlage.

„Rafael. Kommen Sie bitte herein.“

Wenige Sekunden später erschien der Sicherheitsmann.

Damián reichte ihm das Telefon.

„Finden Sie heraus, ob diese Nachricht mit den Aufnahmen aus der U-Bahn zusammenhängt. Und prüfen Sie, wer gestern Zugang zu den Kameradaten hatte.“

Rafael nickte und verschwand.

Marisol verschränkte die Arme.

„Sie weichen meiner Frage aus.“

Damián sah sie an.

„Vor elf Jahren gab es einen Anschlag auf einen Wagen, in dem ich mit meinem älteren Bruder unterwegs war.“

Marisol sagte nichts.

„Mein Bruder hieß Esteban. Er war derjenige, der mich davon überzeugt hatte, dass unsere Familie mehr sein konnte als ein Name, vor dem die Leute Angst hatten.“

Er hielt kurz inne.

„In jener Nacht starb er.“

„Und Sie?“

„Ich überlebte.“

Seine Hand berührte unbewusst die Narbe.

„Die Ärzte sagten mir, dass ich Glück gehabt hatte. Meine Familie sagte, dass ich stärker werden müsse. Die Männer, die für uns arbeiteten, sagten, ich müsse den Verantwortlichen finden.“

„Haben Sie ihn gefunden?“

Damián blickte aus dem Fenster.

„Ich glaubte es.“

„Und jetzt glauben Sie es nicht mehr?“

„Vor drei Tagen erhielt ich einen Brief. Darin stand, dass mein Bruder nicht von den Menschen getötet wurde, die ich all die Jahre verfolgt habe.“

Marisol spürte ein unangenehmes Kribbeln im Nacken.

„Sondern?“

Damián drehte sich zu ihr um.

„Von jemandem, der damals Zugang zu unserem engsten Kreis hatte.“

„Jemandem, dem Sie vertraut haben.“

„Ja.“

Marisol dachte an die Nachricht.

An den fremden Mann vor ihrem Haus.

An die vier Männer in der U-Bahn.

„Und Sie glauben, dass der Angriff gestern damit zusammenhängt.“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie wissen es nicht“, wiederholte sie. „Oder Sie wollen es mir nicht sagen?“

Damián sah sie lange an.

„Beides ist möglich.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Sie sind unglaublich.“

„Das wurde mir schon gesagt.“