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Der schwarze Wagen fuhr durch die regennassen Straßen von Mexiko-Stadt.
Marisol Vega saß auf dem Rücksitz und hielt ihre Tasche fest an die Brust gedrückt. Ihre Knie schmerzten, ihre Uniform war verschmutzt, und in ihrem Kopf wiederholten sich die Bilder aus der U-Bahn wie ein Albtraum, aus dem sie nicht aufwachen konnte.
Neben ihr saß Damián Salvatierra.
Er hatte kaum gesprochen, seit sie eingestiegen waren. Ein dünner Streifen Blut zog sich über seinen Ärmel, doch er schien sich nicht darum zu kümmern.
Marisol dagegen konnte nicht länger schweigen.
„Ich will nach Hause.“
Damián blickte aus dem Fenster.
„Das ist im Moment keine gute Idee.“
„Meine Tochter wartet auf mich.“
Bei diesen Worten wandte er sich sofort zu ihr.
„Wie alt ist sie?“
„Fünf.“
„Wie heißt sie?“
„Das geht Sie nichts an.“
Er nickte langsam.
„Sie haben recht.“
Die unerwartete Antwort brachte Marisol für einen Moment aus dem Konzept.
„Was?“
„Sie müssen mir weder ihren Namen noch irgendeine andere Information über Ihre Familie geben. Ich wollte nur wissen, ob jemand auf Sie wartet.“
Marisol schluckte.
„Natürlich wartet jemand auf mich. Ich bin ihre Mutter.“
Damián senkte kurz den Blick.
Etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Es war nur ein flüchtiger Ausdruck, aber Marisol bemerkte ihn.
„Dann werden wir dafür sorgen, dass Sie bald zu ihr zurückkehren können.“
„Wir?“
„Ich werde jemanden schicken, der prüft, ob Ihr Zuhause sicher ist. Danach können Sie gehen.“
Marisol lachte ungläubig.
„Sie glauben wirklich, dass Sie alles entscheiden können, nur weil Sie Geld und Männer mit dunklen Anzügen haben?“
Einer der Männer auf dem Beifahrersitz drehte sich erschrocken um.
Damián hingegen lächelte schwach.
„Nein. Ich glaube, dass ich einen Fehler gemacht habe, als ich Sie in diese Sache hineingezogen habe.“
„Sie haben mich nicht hineingezogen. Ich saß einfach nur in einem Zug.“
„Und genau deshalb hätten Sie nicht dort sein dürfen.“
Marisol starrte ihn an.
„Das ist der absurdeste Satz, den ich je gehört habe.“
Zum ersten Mal seit dem Angriff lachte Damián tatsächlich.
Es war ein kurzes, müdes Lachen.
Dann verschwand es wieder.
„Sie haben keine Ahnung, wie recht Sie haben.“
## 1. Das Haus hinter den hohen Mauern
Vierzig Minuten später hielt der Wagen vor einem großen Anwesen im Süden der Stadt.
Hohe Mauern umgaben das Grundstück. Kameras überwachten das Tor, und zwei Wachleute öffneten es, sobald sie Damiáns Fahrzeug erkannten.
Marisol betrachtete das Gebäude mit wachsendem Misstrauen.
„Sie haben gesagt, Sie bringen mich an einen sicheren Ort.“
„Das ist ein sicherer Ort.“
„Das sieht aus wie das Haus eines Mannes, der Menschen verschwinden lassen kann.“
Damián stieg aus und öffnete ihr die Tür.
„Ich werde versuchen, das als Kompliment zu betrachten.“
„Tun Sie das nicht.“
Er hielt inne.
„Wie bitte?“
„Ich habe Sie nicht gelobt.“
Damián sah sie einen Moment lang an, bevor er sich abwandte.
„Rafael, bringen Sie ihr trockene Kleidung und etwas zu essen. Danach geben Sie ihr ein Telefon.“
Der Mann am Beifahrersitz nickte.
Marisol stieg aus, ohne Damiáns ausgestreckte Hand anzunehmen.
„Ich kann selbst laufen.“
„Das habe ich gesehen.“
„Und ich brauche keine Bewachung.“
„Das werden wir noch besprechen.“
„Nein. Das werden wir nicht.“
Damián blieb stehen.
Seine Männer wechselten nervöse Blicke. Offenbar war es nicht üblich, dass jemand so mit ihm sprach.
Doch er hob lediglich eine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.
„Sie bekommen ein eigenes Zimmer. Die Tür lässt sich von innen öffnen. Niemand wird Sie gegen Ihren Willen dort festhalten.“
Marisol musterte ihn misstrauisch.
„Warum sollte ich Ihnen glauben?“
Damián antwortete nicht sofort.
Dann sagte er leise: „Weil Sie bereits genug Angst hatten, um ein ganzes Leben lang davon zu träumen, heute Nacht wäre nichts passiert.“
Diese Worte trafen sie unerwartet.
Für einen Augenblick sah sie nicht mehr den mächtigen Mann aus der U-Bahn. Sie sah jemanden, der genau wusste, wie sich Angst anfühlte.
Doch sie erinnerte sich schnell daran, dass Mitgefühl kein Ersatz für Vertrauen war.
„Ich werde mich daran erinnern, was Sie versprochen haben“, sagte sie.
„Das hoffe ich.“
## 2. Ein Anruf von der kleinen Lucía
Im Gästezimmer fand Marisol frische Kleidung, ein Handtuch und ein einfaches Mobiltelefon.
Sie duschte, zog sich um und wählte sofort die Nummer ihrer Nachbarin, die während ihrer langen Schichten auf ihre Tochter aufpasste.
„¿Bueno?“
„Doña Elena, ich bin’s. Wie geht es Lucía?“
„Marisol! Endlich. Deine Kleine hat schon dreimal nach dir gefragt.“
Marisol schloss die Augen.
„Ist alles in Ordnung?“
„Natürlich. Sie hat gegessen und schläft gerade. Aber heute Nachmittag war ein fremder Mann vor dem Haus.“
Marisol richtete sich auf.
„Was für ein Mann?“
„Ich kenne ihn nicht. Er hat gefragt, wann du normalerweise nach Hause kommst.“
Marisol spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Hat er gesagt, warum?“
„Nein. Ich habe ihm gesagt, dass ich keine Auskünfte über dich gebe. Danach ist er gegangen.“
Marisol umklammerte das Telefon.
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