„Wenn jemand diese Aufnahme hört, habe ich es nicht geschafft, die Wahrheit selbst ans Licht zu bringen.“
Eine Pause.
Dann eine zweite Stimme.
Valeria kannte sie nicht.
Gabriel dagegen wurde mit jedem gesprochenen Wort stiller.
Denn die Stimme gehörte zu einem Mann, den er seit zwölf Jahren zu seinen engsten Vertrauten zählte.
„José, du verstehst nicht, was du da tust“, sagte die Stimme auf der Aufnahme. „Wenn Gabriel davon erfährt, wird alles zusammenbrechen.“
Ihr Vater antwortete ruhig:
„Dann hätte er vielleicht nie auf euch vertrauen dürfen.“
Ein Geräusch war zu hören. Eine Tür, die zuschlug.
Dann folgten Worte, die Valeria nie vergessen würde.
„Wenn du diese Unterlagen nicht vernichtest, wird deine Familie den Preis dafür zahlen.“
Die Aufnahme endete.
Valeria sah Gabriel an.
„Sie haben gesagt, mein Vater sei gestorben, bevor Sie herausfinden konnten, wer dahintersteckte.“
Gabriel antwortete nicht.
Sie trat näher.
„Sie haben gesagt, Sie hätten ermittelt.“
„Das habe ich.“
„Dann erklären Sie mir, warum die Stimme Ihres engsten Vertrauten auf einer Aufnahme zu hören ist, die mein Vater vor seinem Tod versteckt hat.“
Gabriel schloss kurz die Augen.
Als er sie wieder öffnete, war jede Spur seines üblichen Lächelns verschwunden.
„Weil ich zwölf Jahre lang den falschen Mann beschützt habe.“
In diesem Moment klingelte sein Telefon.
Auf dem Display stand der Name Tomás Salgado.
Gabriel nahm den Anruf an und schaltete den Lautsprecher ein.
„Tomás.“
„Gabriel.“ Die Stimme am anderen Ende klang entspannt. Fast freundlich. „Ich hoffe, du bist nicht allein.“
Gabriel blickte Valeria an.
„Warum fragst du?“
„Weil ich eine schlechte Nachricht für dich habe.“
Eine kurze Pause.
Dann hörten sie ein leises Geräusch im Hintergrund.
Iváns Stimme.
„Vale? Wenn du mich hören kannst, geh nicht—“
Ein dumpfes Geräusch unterbrach ihn.
„Lass ihn in Ruhe!“, rief Valeria.
Tomás lachte leise.
„Ah. Dann ist sie also bei dir.“
Gabriel umklammerte das Telefon.
„Wenn du meinem Bruder etwas antust, werde ich—“
„Was wirst du tun, Gabriel? Mich entlassen? Mich verklagen? Mir drohen?“ Tomás klang beinahe amüsiert. „Du hast mir zwölf Jahre lang vertraut. Du hast mir deine Geschäfte, deine Geheimnisse und deine Familie anvertraut.“
„Nicht mehr.“
„Zu spät.“
Die Leitung knackte.
Tomás sprach nun deutlich langsamer.
„Bring mir die Unterlagen deines alten Freundes. Und bring Valeria mit. Dann bekommst du ihren Bruder zurück.“
Gabriel antwortete kalt:
„Du wirst sie nicht anfassen.“
„Du bist immer noch derselbe, Gabriel. Du glaubst, du kannst jeden retten.“
Dann kam der Satz, der Valeria das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Frag sie doch, was ihr Vater in seiner letzten Nacht wirklich getan hat.“
Die Verbindung brach ab.
Valeria starrte auf das Telefon.
„Was meint er damit?“
Gabriel schwieg.
„Gabriel.“
Er sah sie an, und in seinen Augen lag zum ersten Mal etwas, das sie bei ihm noch nie gesehen hatte.
Angst.
Nicht um sich selbst.
Um sie.
„Valeria, es gibt etwas, das ich Ihnen sagen muss.“
Sie hielt den Brief ihres Vaters fest in der Hand.
„Dann sagen Sie es.“
Gabriel atmete tief ein.
„In der Nacht, in der Ihr Vater starb, hat er mich angerufen. Er sagte, er hätte den Namen des Verräters gefunden.“
Valeria konnte kaum sprechen.
„Und was haben Sie getan?“
Gabriel sah zu Boden.
„Ich habe ihm gesagt, er solle warten, bis ich zu ihm komme.“
„Und?“
Seine Stimme wurde kaum hörbar.
„Ich bin nie angekommen.“
Valeria wich einen Schritt zurück.
„Warum nicht?“
Gabriel hob den Blick.
„Weil jemand mich auf dem Weg aufgehalten hat. Und als ich endlich bei Ihrem Vater ankam, war es zu spät.“
Valeria schüttelte den Kopf.
„Sie erwarten, dass ich Ihnen glaube?“
„Nein.“
„Sie hätten ihn retten können!“
„Ja“, sagte Gabriel.
Keine Ausrede.
Keine Verteidigung.
Nur dieses eine Wort.
Valeria spürte, wie sich alles, was sie über ihn zu wissen glaubte, in Stücke auflöste.
Dann vibrierte ihr Telefon.
Eine neue Nachricht.
Ein Foto von Iván.
Darunter stand:
„Mitternacht. Alter Kai. Bring Gabriel Serrano und die vollständigen Unterlagen. Sonst erfährst du niemals, was dein Vater in jener Nacht wirklich entdeckt hat.“
Valeria hob langsam den Kopf.
Gabriel stand vor ihr, bereit, sich dem Mann entgegenzustellen, dem er zwölf Jahre lang vertraut hatte.
Doch sie wusste nicht mehr, ob sie ihn als Verbündeten betrachten konnte.
Oder ob er selbst ein Teil des Geheimnisses war, das ihre Familie zerstört hatte.
Draußen heulte der Wind über den verlassenen Hafen.
Und irgendwo in Veracruz wartete Tomás Salgado auf sie.
Fortsetzung folgt in Teil 3 …
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